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Wissenschaftskooperationen als Sicherheitsstrategie: Die Notwendigkeit von Graustufen

von Ursula Gather

„Wissenschaftskooperationen mit Russland: Stopp mit Ausnahmen“ – das war erst kürzlich das Thema eines Newsletters von Research.Table. Darin wird berichtet, dass Russland den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) zur „unerwünschten Organisation“ erklärt habe, was zur Schließung der bisher noch offengehaltenen Vertretung führte. Dass der DAAD sich nun aus Russland zurückziehen muss, ist bitter – und stellt einen erheblichen Einschnitt in die Wissenschaftsfreiheit dar. Denn diese DAAD-Vertretung in Moskau war der letzte Zugang für russische Studierende und Promovierende, um in Deutschland wissenschaftlich aktiv zu werden – und dieser ist nun verschlossen.

Dass zuvor bereits 2022 andere wissenschaftliche Bande zwischen Deutschland und Russland gekappt wurden, war als Derisking-Strategie eine wichtige und vernünftige Maßnahme. Denn anders als nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, als die Wissenschaft weit offen war für internationale Kooperationen und wir uns alle an der Vorstellung einer friedlichen offenen Welt erfreuten, sehen wir uns jetzt mit deutlich erschwerten Rahmenbedingungen konfrontiert: einer fast vollständigen Kappung der wissenschaftlichen Kanäle nach Russland, Eingriffen der US-Regierung in die Wissenschaftsfreiheit sowie aufkommenden Unwägbarkeiten bei Intellectual Property mit China. Diese neue Situation geht mit höherer Komplexität einher – die Rollen Russlands, der USA und Chinas sind nur einige der vielen geopolitischen Faktoren – und stellt europäische Staaten vor die Herausforderung, eigene Standpunkte klar zu benennen und ihre Allianzen zu prüfen. Dies gilt auch für die Kooperationen in der Wissenschaft.

Entsprechend muss auch die Wissenschaft Sicherheitsaspekte im Blick haben, und so stellt sich in Zeiten von Krieg, autoritären Regimen und unklarer politischer Allianzen zwangsläufig die Frage, welche wissenschaftlichen Kanäle in welcher Weise offenbleiben können und welche vielleicht doch geschlossen werden müssen.

Gleichzeitig ist die Rolle der Wissenschaft im Sinne von Science Diplomacy nicht zu unterschätzen: Wissenschaftsbeziehungen konnten stets und können auch jetzt Brücken über nationale und kulturelle Grenzen hinweg bauen, gemeinsame Lösungen für globale Herausforderungen entwickeln und überhaupt Gesprächskanäle offenhalten. Weil Wissenschaft per se ein internationales Unterfangen ist und internationales gemeinsames Handeln geradezu erfordert, können über Wissenschaft auch Formen diplomatischer Beziehungen entstehen – denken wir nur an Otto Hahn und Chaim Weizmann, die – auch wenn sie sich nie persönlich getroffen haben – die Annäherung Deutschlands und Israels befördert haben. Auch unser wissenschaftlicher Fortschritt und damit die ökonomische Entwicklung unseres Landes hängen in vielfacher Weise von internationalen Wissenschaftskooperationen ab. Nicht zuletzt sind laufende Projekte wie die ISS oder der European XFEL Beispiele für eine aktive grenzüberschreitende Zusammenarbeit, die trotz politisch widriger Umstände noch immer funktioniert. Diese Kooperationen können als Beleg dafür gedeutet werden, dass viele Akteure durchaus weiterhin auf erneute Annäherungen hoffen.

Kurzum: Längst wird Wissenschaft nicht mehr „nur“ als Soft Power betrachtet. Sie spielt in vielfacher Hinsicht eine entscheidende Rolle für internationale Diplomatie, Resilienz und Wohlstand. Folglich können wir das Dilemma nicht messerscharf auflösen: Ein neuer Trade-off zwischen Wissenschaftsfreiheit und Sicherheitspolitik ist erforderlich geworden.

Daher kann die Maxime nur sein: kein Entweder-Oder, sondern Nuancierung bzw. Akzeptanz von Graustufen. Es ist unbestritten wichtig, stets achtsam zu sein, nationale Sicherheit im Blick zu halten und sensible Erkenntnisse zu schützen, gleichwohl sollten wir dabei sehr sorgfältig abwägen und nicht unverhältnismäßig restriktiv handeln. Eine Balance zwischen Vorsicht und Offenheit in Wissenschaftskooperationen ist gefragt. Denn Wissenschaft lebt von der internationalen Zusammenarbeit und diese Zusammenarbeit kann – wohl überlegt – auch eine wichtige Sicherheitsstrategie für die Zukunft sein.

Autorin: Ursula Gather ist Wissenschaftsmanagerin, Aufsichtsrätin und Kuratoriumsvorsitzende der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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