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Echte Sicherheit braucht Klimaschutz

von Carsten Schneider

Sicherheit ist das beherrschende Thema unserer Zeit. Kriege und Sanktionen, Risse und Brüche in langjährigen Partnerschaften, ein zunehmender Wettstreit um Rohstoffe und Ressourcen – all das bedeutet, dass wir uns sicherheitspolitisch neu aufstellen müssen.

Dabei ist Sicherheit weit mehr als Verteidigungsfähigkeit. Wer heute Sicherheit will, muss Wasser, Klima und Ressourcen mitdenken. Der Klimawandel verschärft Extremwetter und Dürren. Missernten, Hunger und die Zerstörung ganzer Landstriche führen schon heute zu humanitären Krisen und Katastrophen, Fluchtbewegungen und bewaffneten Konflikten. Ob NATO, Weltwirtschaftsforum oder Bundesnachrichtendienst – sie alle sehen deshalb Klimawandel und Naturzerstörung unter den größten Sicherheitsrisiken. Und auch die Münchner Sicherheitskonferenz geht von einem in diesem Sinne umfassenden Sicherheitsbegriff aus.

Das heißt umgekehrt: Jedes Zehntelgrad weniger Erderhitzung, jedes Stück gesunde Natur rettet Menschenleben, vermeidet Konflikte – und steigert damit unsere Sicherheit in Europa und in der Welt.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber sie droht immer wieder von akuten Krisen überlagert zu werden. Wenn Deutschland und Europa jetzt über die Sicherheit der Zukunft nachdenken, dann muss es eine Sicherheit sein, die langfristig trägt.

So ist die Energiewende auch ein Beitrag zur Sicherheitspolitik. Erneuerbare Energien schützen nicht nur das Klima. Sie steigern unsere Resilienz und

Souveränität in geopolitisch unsicheren Zeiten. Einseitige Abhängigkeiten sind gefährlich, das haben wir spätestens seit Putins brutalem Angriffskrieg auf die Ukraine schmerzhaft gelernt. Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, uns in neue Abhängigkeiten zu begeben. Nahezu unser kompletter LNG-Bedarf wird heute aus den USA gedeckt. Viel sinnvoller ist es, die erneuerbaren Energien weiter auszubauen. Sie machen uns unabhängig von fossilen Energieimporten. Außerdem sind sie mit ihrer dezentralen Struktur weniger anfällig gegenüber Angriffen von außen. Sonne und Wind sind daher echte Sicherheitsenergien!

Außerdem setzen wir auf Kreislaufwirtschaft. Jeder Rohstoff, der bei uns wiederverwendet wird, muss nicht teuer im Ausland eingekauft werden. Neben der Diversifizierung unserer Rohstoffversorgung ist die Kreislaufwirtschaft deshalb ein zentrales Element unserer Resilienz und Sicherheit. Ziel ist es, Materialien sparsam zu verwenden und Produkte so zu bauen, dass sie lange halten und die Rohstoffe später wieder genutzt werden können– egal ob es sich um seltene Erden aus Smartphones, Edelmetalle aus Elektrogeräten oder Chemikalien handelt. Die EU will bis 2030 rund 25 % des Bedarfs an kritischen Rohstoffen durch Recycling decken. In Kürze wird mein Haus ein Aktionsprogramm zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie vorlegen. Kreislaufwirtschaft sorgt für Ressourcensouveränität, und ohne die kann es keine Sicherheit geben.

Und noch ein Beispiel: Wir stärken die Natur als wichtigste Verbündete für ein sicheres Leben. Nur gesunde Böden können langfristig für unsere Ernährung sorgen. Unsere Wasserversorgung ist abhängig von intakten Wäldern, Flussauen und nassen Mooren, die Wasser speichern und bei Bedarf wieder abgeben. Das ist essenziell in Zeiten, in denen die UN vor dem globalen Wasserkollaps warnen und wir in vielen Regionen Deutschlands Dürren und Hochwasser erleben.

Genau deshalb hat das Umweltministerium mit dem Aktionsprogramm natürlicher Klimaschutz das größte Naturschutzprogramm aufgelegt, das es in Deutschland je gab. Und mit der Nationalen Wasserstrategie sorgen wir dafür, dass es auch in Zukunft ausreichend Wasser für alle gibt. Die Natur schützen, damit sie uns schützen kann – das ist ein zentraler Beitrag zur Sicherheit.

Und schlussendlich wird langfristig Sicherheit nur gelingen, wenn wir neue Allianzen schmieden.

Dabei kann die Umweltpolitik helfen und Brücken zwischen den Staaten bauen. Hier ist die multilaterale Zusammenarbeit trotz aller Herausforderungen sehr lebendig. Erst im Januar ist nach 20 Jahren Verhandlungen das globale Hochseeschutzabkommen BBNJ in Kraft getreten. Und auf der Weltklimakonferenz im November wurde der Tropenwaldfonds TFFF ins Leben gerufen, den auch Deutschland mit einer Milliarde Euro unterstützt.

Diese Erfolge sollten wir als Ermutigung nehmen für neue Sicherheitspartnerschaften – mit Regierungen, Unternehmen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Sicherheit bedeutet: Souveränität schaffen, Resilienz stärken und Lebensgrundlagen bewahren. Das geht nur gemeinsam.

Autor: Carsten Schneider ist Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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