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Warum die Energiewende digitale Souveränität braucht

von Andreas C. Goldthau

Donald J. Trumps offenen Gebietsansprüche gegenüber europäischen Staaten und seine Sanktions-Drohungen im Falle mangelnder Gefolgschaft haben Europa drastisch seine Erpressbarkeit vor Augen geführt. Die Verwundbarkeit ist dort am größten, wo Wirtschaftsbeziehungen asymmetrisch sind: bei digitalen Technologien und Infrastrukturen. Im Kommunikations-Management, bei Finanztransfers oder Cloud-Speichern verlässt sich Europa zu mehr als 80 Prozent auf Lösungen Dritter, vor allem amerikanischer Anbieter. Die Angst vor einem „Killswitch“, also der Möglichkeit Washingtons, politisch motiviert Europa von amerikanischen IT-Dienstleistungen abzuschneiden, hat in Berlin und Brüssel nun die überfällige Debatte um digitale und technologische Souveränität angestoßen.

Dabei macht das Problem bei Microsoft Office, Visa-Karte oder Amazon’s AWS nicht halt. Denn die Dominanz nicht-europäischer Technologie-Konzerne reicht hinein in Europas Paradedisziplin: die Energiewende. Sonne, Wind und Geothermie sollen den Kontinent unabhängiger machen von fossilen Energieimporten. Die heimische Versorgung mit sauberen Elektronen und Molekülen verspricht Resilienz gegenüber Erpressungspotenzial ressourcenreicher Staaten wie Russland, oder neuerdings auch USA. Der kohlenstoffarme Umbau von Energiesystemen und Industrieproduktion ist damit ein zutiefst geopolitisches Projekt.

Doch auch hier bestehen massive Asymmetrien. Denn China besitzt bei Solar und zunehmend auch Wind die weltweite Technologieführerschaft. Etwa 80 Prozent der weltweiten Herstellung von Wafern und Solarmodulen entfallen auf das Land, und 60 Prozent der Produktionskapazitäten für Windturbinen. Das Problem liegt weniger darin, dass China Europas Versorgung mit Solarpanelen oder Elektrolyseuren einstellen könnte. Vielmehr stellt chinesische „Hardware“ schlicht ein Trojanisches Pferd in der europäischen Energiewende dar. So wurden in chinesischen Wechselrichtern für Photovoltaikanlagen Hintertür-Applikationen entdeckt, die ein massives Sabotagepotenzial für kritische Infrastruktur bergen. Einmal verbaut, können sie das gesamte Energiesystem verwundbar machen. Zudem hat China längst die zentrale Rolle von Clean Tech im globalen Wettbewerb um wirtschaftliche Dominanz erkannt, und durch gezielte Industriepolitik ein tiefes Ökosystem für Saubere Technologien mit riesigen Fertigungskapazitäten geschaffen. Angesichts der teils hochsubventionierten Konkurrenz aus China droht Europa der Verlust heimischer Fähigkeiten bei der Erzeugung von grünen Elektronen und Molekülen und Lösungen für deren Speicherung.

Für das Management des europäischen Energiesystems sind zudem US-Cloud-Giganten bereits heute entscheidende Akteure. Denn die Umstellung auf Erneuerbare erfordert eine effiziente Echtzeit-Steuerung von Energieflüssen in einem sich rapide dezentralisierenden System. Dank ihrer massiven KI- und Rechenkapazitäten sind Amazon und Co. hier die erste Wahl. Es droht nicht nur die technologische Abhängigkeit Europas auch bei der „Software“ der Energiewende, und ein ähnliches „Killswitch“-Problem wie im Finanz- und IT-Sektor. Wie Studien zeigen, besetzen amerikanische Tech-Konzerne dank ihres exklusiven Zugriffs auf Energiedaten auch die lukrativsten Stellen der Wertschöpfungskette. Jeff Bezos bestimmt so zunehmend den Entwicklungspfad der europäischen Energietransition.

Dass EU-Digitalkommissarin Henna Virkkunen für März dieses Jahres ein "Technologie-Souveränitäts-Paket" angekündigt hat, ist ein richtiger Schritt. Zentral wäre, Energie-Souveränität dabei mitzudenken. Diesen Schwenk haben andere Industrienationen längst vollzogen. Südkorea beispielsweise forciert gezielt eine heimische Technologiebasis bei Speichern, sauberen Wasserstofftechnologien und KI-gestütztem Netzmanagement. So legt es die Grundlage für sein kohlenstoffarmes Wirtschaftsmodell der Zukunft, und baut zugleich gefährliche einseitige Abhängigkeiten ab. Europas formidabler Binnenmarkt ist die beste Grundlage dafür, einen ähnlichen Weg des „Derisking“ zu gehen. Und es ein Gebot wirtschaftlicher Sicherheit.

Autor: Andreas C. Goldthau ist Direktor der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt.

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