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Die transatlantischen Beziehungen am Valentinstag ’26

von Anna-Katharina Hornidge

Marco Rubio, US-Außenminister, hat am 14. Februar 2026 auf der Münchner Sicherheitskonferenz deutlich mehr geliefert als eine Lagebeschreibung der transatlantischen Beziehungen oder eine außenpolitische Standortbeschreibung. Stattdessen entwirft er eine neue Weltordnung. Angeführt von den USA. Mit Europa an der Seite – als „Kontinent der Vorfahren“.

Rubio spricht von einer westlichen, christlichen Zivilisation. Von „unserer Zivilisation“. Von einem neuen westlichen Jahrhundert. Andere Weltregionen, andere Ethnien oder Religionen kommen in dieser Zukunftsskizze nicht vor. Es ist die Rhetorik des Primats – des Westens über den Rest der Welt.

Der vermeintliche Zerfall dieser „Zivilisation“ sei kein Schicksal, sondern politisches Kalkül, so Rubio. Bewusste Deindustrialisierung. Bewusst forcierte Massenmigration. Ein „Klimakult“, der den Niedergang zur Doktrin erhebe. Der Verfall also eine bewusste politische Entscheidung, mittels der ganze Gesellschaften destabilisiert würden. Die USA jedoch, so Rubio, hätten „kein Interesse an einem vom Westen gemanagten Niedergang“. Sie wollten keine Verbündeten, die „gelähmt von Angst“ seien durch Angst vor Klimawandel, Krieg und Technologie. Sondern Partner, die sich selbst verteidigen können.

Selbst vor einem direkten Bezug – wenn auch ohne namentliche Nennung der AfD oder ihrer Vertreter – zur ‚Schuldkult‘-Debatte schreckt Marco Rubio nicht zurück. Er postuliert: Die USA wollten nicht, dass ihre Verbündeten von „Schuldgefühlen und Scham gefesselt“ seien. Man sei Erbe „derselben großen und edlen Zivilisation“.

Es ist eine Rede, die Europa umwirbt. Emotional aufgeladen. Zugewandt. Fast betörend. Und doch schwingt eine Drohung mit: Wer die angebotene Partnerschaft nicht erwidert, steht allein da. Dass sie ausgerechnet am Valentinstag gehalten wird, verleiht ihr im Nachhinein eine wenn auch zufällige Symbolik. Auf den Fluren der Münchner Sicherheitskonferenz kursiert in der Nachbearbeitung der Rede wiederholt ein Bild: der Blumenstrauß eines Ehemanns, der seiner regelmäßig unter Machtmissbrauch leidenden Frau am Valentinstag Rosen schenkt. Eine Geste der Zuneigung – in einer Beziehung, die von Asymmetrie und dem Ausnutzen von Abhängigkeiten geprägt ist.

Warum also die – wenn auch kurzen – stehenden Ovationen am Ende?

Die Erklärung liegt vermutlich in einer Mischung aus Erleichterung, Inszenierung – und Verdrängung.

Erleichterung, weil nach der Rede von J. D. Vance im Jahr 2025 und den monatelangen Spannungen zwischen Washington und europäischen Hauptstädten der Ton ein versöhnlicher, ein Europa schmeichelnder war. Kein offener Affront, keine scharfe Attacke – sondern eine rhetorische Umarmung.

Inszenierung, weil Rubios Delegation den Takt des Applauses mitbestimmte. Wer zuerst steht, erzeugt Dynamik. Wer zögert, lässt sich auch durch die Gruppendynamik mitreißen.

Und Verdrängung, weil die Sehnsucht nach transatlantischer Stabilität groß ist. Der Blumenstrauß wirkt. Man möchte glauben, dass die Beziehung trägt. Auch wenn man weiß, dass Sicherheit in einem von zu einseitiger Abhängigkeit geprägtem Verhältnis zu einem nicht verlässlich berechenbaren Partner eine Illusion ist.

Stehende Ovationen also für eine Rede, in der Weltordnung über „Zivilisation“ definiert wird – über Abstammung, Religion, Sprache, militärische und wirtschaftliche Stärke.

Für die Bundesregierung stellt sich damit eine kommunikative Herausforderung. Nach innen wie nach außen muss klar werden: Freundlicher Ton ersetzt keine inhaltliche Differenz. Und rhetorische Nähe legitimiert keine substantiell antipluralistische Zukunftsvision.

Die Bundesregierung sollte dies bei allen kommenden Gelegenheiten klarstellen. Nach innen, insbesondere auch in ihrem Umgang mit der AfD. Nach außen, insbesondere im Austausch mit den strategisch so zentral wichtigen Partnern in Asien, Afrika und Lateinamerika, im weiteren Austausch zum MERCOSUR-Freihandelsabkommen, wie auch dem Freihandelsabkommen mit Indien. Auch die anstehende Reise von Kanzler Mehr nach China Ende Februar stellt hierfür eine Gelegenheit dar.

Autorin: Anna-Katharina Hornidge ist Direktorin des German Institute of Development and Sustainability (IDOS) und Professorin für Globale Nachhaltige Entwicklung an der Universität Bonn

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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