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Resilienz als Fundament der Freiheit: Wir brauchen eine starke Sicherheits- und Verteidigungsindustrie

von Stefan Wintels

Vor über 200 Jahren hat uns Benjamin Franklin mit auf den Weg gegeben: „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“ Freiheit ist also kein Selbstzweck. Sie ist die Grundlage unseres Wohlstandes, unserer Art zu leben und damit auch unserer Sicherheit. Doch wir müssen ehrlich sein: Das Szenario „Europe Home Alone“ ist längst Realität geworden. In einer Welt der geoökonomischen Brüche ist Naivität bekanntlich keine Strategie. Wenn wir die Resilienz Deutschlands und damit Europas ernst meinen, müssen wir das wirtschaftliche Rückgrat unserer Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) stärken und somit stellt sich die nüchterne Frage nach der Finanzierung.

Der politische Wille zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit ist so groß wie nie. So sind die Verteidigungsausgaben der 27 EU-Staaten von 2021 bis 2024 um 57 Prozent auf 343 Milliarden Euro gestiegen. Gleichwohl bedarf es in der industriellen Umsetzung mehr Entschlossenheit. In dieser Hinsicht ist die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie eine Industrie wie jede andere. Um im internationalen Kontext wettbewerbsfähig zu sein, braucht es Skalierung und technologische Führerschaft. Das wird uns nur im Verbund mit anderen europäischen Partnern gelingen.

Vor diesem Hintergrund prüft die KfW laufend die Rahmenbedingungen für die Vergabe von Finanzierungen und passt diese an:

  • Wir haben die Länderliste für unsere Finanzierungen erweitert: Ab sofort sind sämtliche EU-Länder sowie das Vereinigte Königreich, Norwegen und die Schweiz eingeschlossen; im Bereich Exportfinanzierungen durch die KfW IPEX-Bank entfallen geografische Beschränkungen, sofern es sich um die deutsche beziehungsweise europäische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie handelt.

  • KfW Capital, die Tochtergesellschaft für Wachstumskapital, unterstützt nun auch Unternehmen, die primär militärisch ausgerichtet sind – über die bisherige Finanzierung von Dual-Use-Anwendungen hinaus. Dies zeigt sich etwa an den Beteiligungen für Quantum Systems in den Jahren 2025 und 2026.

  • Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie steht der Zugang zu den bankdurchgeleiteten KfW-Programmen ebenso offen wie zu individuellen Finanzierungen im Rahmen von Bankenkonsortien oder gemeinsam mit anderen Partnern. So hat sich die KfW gemeinsam mit anderen Banken an einer Kreditlinie an Quantum Systems beteiligt.

  • Die KfW IPEX-Bank steht mit einem breiten Spektrum an Finanzierungsprodukten – von Investitions- und Avalfinanzierungen bis hin zu Exportfinanzierungen – zur Verfügung.

Bei all dem gilt weiterhin: Die Finanzierung von Produktion oder Handel mit sogenannten kontroversen Waffen oder deren essenziellen Komponenten ist ausgeschlossen. Die KfW IPEX-Bank unterliegt zudem den deutschen und europäischen Exportkontrollen sowie Sanktionsprüfungen.

Damit wir vom Denken ins Machen kommen, müssen wir drei zentrale Hebel umlegen.

Erstens: Planungssicherheit für die Industrie

Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie benötigt langfristige Rahmenverträge, die über Legislaturperioden hinausgehen. Das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen wird bis 2028 aufgebraucht sein; danach fehlen jährlich 21 bis 28 Milliarden Euro zur Erreichung des Nato-Zwei-Prozent-Ziels. Dies hemmt den Kapazitätsaufbau. Der Bedarf an Betriebsmittelkrediten steigt auf mehrere Milliarden Euro. Die KfW bietet über die IPEX-Bank gezielte Projekt- und Exportfinanzierungen, um diese Herausforderungen abzufedern.

Zweitens: Finanzierungsangebote für den Mittelstand erweitern

Mittelständische Zulieferer tragen 39 Prozent zur Wertschöpfung und fast die Hälfte zu den Arbeitsplätzen in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie bei. Die KfW hat daher ihre Förderprogramme für die Sicherheitsindustrie geöffnet. Zudem werden in den kommenden Jahren Capex, das heißt Investitionen in langfristige Anlagegüter, steigen und dafür wird Working Capital benötigt. Im Rahmen des Deutschlandfonds gibt es daher Überlegungen, insbesondere Nachrangprodukte für den Mittelstand zu entwickeln, die die Eigenkapitalstruktur der Unternehmen stärken, ihre Bonität verbessern und flexibel einsetzbar sind.

Drittens: DefenceTech gezielt fördern

KI, Drohnen und Quantentechnologie treiben die Entwicklung voran; 2025 entfielen 17 Prozent des deutschen Venture-Capital-Volumens auf DefenceTech – viermal so viel wie im weltweiten Vergleich, fast die Hälfte der neuen Unicorns kommt aus dem Dual-Use-Sektor. KfW Capital unterstützt nun gezielt Fonds für Verteidigungstechnologien. Mit Investitionen wie bei Quantum Systems setzt die KfW ein klares Zeichen für Schlüsseltechnologien „made in Germany“.

Verantwortung übernehmen

Die Herausforderungen sind groß – die Chancen für ein souveränes Europa sind es ebenfalls. Wir haben die technologische Basis und die unternehmerische Kraft. Was wir jetzt brauchen, ist ein pragmatischer Schulterschluss zwischen Politik, Industrie und Finanzwirtschaft. Als Bank aus Verantwortung steht die KfW bereit, verantwortungsvoll einen wirkungsvollen Beitrag zu leisten, die deutsche und europäische Sicherheit, Souveränität und Resilienz zu stärken.

Autor: Stefan Wintels ist Vorsitzender des Vorstands der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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