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Strategische Risiken im Zeitalter der Abhängigkeiten

von Vivian Tauschwitz

Russland, Venezuela, Taiwan und Grönland stehen für stark unterschiedliche Krisenregionen – und zugleich für eine gemeinsame Entwicklung: Die internationale Ordnung verschiebt sich von Kooperation und Regeln hin zu Machtpolitik, Einflusszonen und strategischem Wettbewerb. Für Europa bedeutet dies, dass zentrale sicherheitspolitische Annahmen der vergangenen drei Jahrzehnte an Tragfähigkeit verlieren.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine markiert dabei eine Zäsur. Er hat nicht nur militärische Verwundbarkeiten offengelegt, sondern auch die Erwartung widerlegt, wirtschaftliche Verflechtung könne geopolitische Konflikte dauerhaft entschärfen. Militärische Macht, nukleare Abschreckung und territoriale Kontrolle sind wieder zentrale Instrumente staatlichen Handelns.

Parallel zeigt Venezuela die Rückkehr klassischer Einflusssphärenpolitik. Großmächte sichern ihre geopolitischen Räume wieder offensiver ab und akzeptieren dabei größere politische Risiken. Energie- und Rohstoffpolitik werden erneut zu strategischen Hebeln internationaler Machtprojektion.

Taiwan macht sichtbar, wie stark Sicherheitspolitik heute von technologischer Abhängigkeit geprägt ist. Die Konzentration von Halbleiterproduktion, digitalen Infrastrukturen und Schlüsseltechnologien schafft neue Verwundbarkeiten. Der Wettbewerb zwischen den USA und China ist daher nicht nur militärisch, sondern vor allem industriell und technologisch geprägt. Europa agiert in diesem Wettbewerb bislang eher reaktiv als gestaltend.

Grönland und die Arktis verdeutlichen schließlich, dass selbst lange als Randzonen betrachtete Regionen strategisch an Bedeutung gewinnen. Rohstoffe, neue Seewege und militärische Infrastruktur verbinden Klimawandel und Sicherheitspolitik unmittelbar. Geographie wird wieder zum Machtfaktor.

Hinzu kommt eine Dimension, die lange unterschätzt wurde: Ernährungssicherheit. Krieg, Klimarisiken und geopolitische Spannungen haben gezeigt, wie anfällig die globalen Agrar- und Düngemittelmärkte sind. Die Versorgungssicherheit bei Nahrungsmitteln wird damit zu einer Frage politischer Stabilität – innerhalb von Staaten ebenso wie zwischen ihnen. Landwirtschaft, Handelswege, Wasserverfügbarkeit und Energiepreise werden Teil strategischer Planung. Diese Herausforderungen werden sich weiter zuspitzen.

Für Deutschland ergibt sich daraus eine besondere Rolle. Als größte Volkswirtschaft Europas, logistisches Zentrum und zentraler Industriestandort wird Deutschland zunehmend zur strategischen Drehscheibe europäischer Sicherheit – militärisch, wirtschaftlich und infrastrukturell. Verkehrsnetze, Energieinfrastruktur, industrielle Lieferketten sowie militärische Mobilität sind eng miteinander verbunden.

Die eigentliche Herausforderung liegt weniger in einzelnen Krisen als in der strukturellen Veränderung der Sicherheitspolitik. Abschreckung wird umfassender, Konflikte werden langfristiger und wirtschaftliche sowie technologische Abhängigkeiten werden zu strategischen Risiken. Sicherheitspolitik kann deshalb nicht länger getrennt von Industrie-, Energie-, Ernährungs- oder Innovationspolitik gedacht werden. Das konnte sie eigentlich noch nie.

Bündnisse bleiben unverzichtbar, sie verändern sich jedoch. Während die Vereinigten Staaten ihre strategische Aufmerksamkeit stärker auf den Indopazifik richten, ist Europa weiterhin stark von amerikanischen Sicherheitsgarantien abhängig. Diese Asymmetrie könnte langfristig zum zentralen Risiko für die europäische Sicherheit werden.

Eine zukünftige Sicherheitsstrategie muss deshalb grundlegende Fragen beantworten: Wie viel strategische Autonomie ist für Europa realistisch? Welche industriellen und landwirtschaftlichen Kapazitäten sind sicherheitskritisch? Wie lassen sich wirtschaftliche Offenheit, Ernährungssicherheit und geopolitische Resilienz verbinden? Welche Rolle soll Deutschland militärisch und in der nuklearen Abschreckung übernehmen?

Die zentrale Erkenntnis lautet: Sicherheit bedeutet Zukunftsfähigkeit. Sicherheit wird wieder politischer, teurer und konfliktreicher. Wer weiterhin von einer kooperativen Weltordnung als Normalzustand ausgeht, läuft Gefahr, strategisch unvorbereitet zu bleiben. Europas Herausforderung besteht darin, sicherheitspolitisch erwachsen zu werden – militärisch, industriell, technologisch und in Fragen der Versorgungssicherheit. Deutschland wird dabei zwangsläufig eine Schlüsselrolle spielen.

Autorin: Vivian Tauschwitz ist Mitglied des Deutschen Bundestages (CDU/CSU) und Mitglied der Arbeitsgruppe Verteidigung.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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