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Ohne Innovation keine Sicherheit in Europa: Technologische Souveränität beginnt im Innovationsökosystem

von Andrea Frahm

Auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz war eine Verschiebung kaum zu übersehen: Neben Regierungen und Militärs prägten auch Industrie, Start-ups und Forschung die Debatte – besonders sichtbar bei den zahlreichen Side Events rund um Technologie und Innovation.

Denn technologische Souveränität und sicherheitspolitische Resilienz entstehen nicht in Strategiepapieren, sondern in starken Innovationsökosystemen.

Europas sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit wird deshalb zunehmend davon abhängen, wie konsequent wir unsere eigene Innovationskraft und industrielle Stärke mobilisieren. Der europäische Verteidigungssektor befindet sich bereits in einer Phase tiefgreifender Veränderung: Geopolitische Spannungen und der politische Anspruch auf strategische Autonomie treiben eine neue Ära von Investitionen und Konsolidierung voran.

Der verstärkte Fokus auf eigene Schlüsseltechnologien führt zur Entstehung einer neuen Generation nationaler Defence-Tech-Unternehmen. Zusätzlichen Schub erhält diese Entwicklung durch wachsende Unsicherheit über die langfristige Rolle der USA – und den politischen Willen, technologische Abhängigkeiten nachhaltig zu reduzieren.

Die aktuellen Konflikte, insbesondere in der Ukraine und im Nahen Osten, zeigen zudem deutlich, wie schnell sich militärische Fähigkeiten verändern. Entscheidend ist heute vor allem die Geschwindigkeit, mit der neue Technologien entwickelt, angepasst und in Einsatzfähigkeit gebracht werden. Softwaredefinierte Verteidigungsfähigkeiten, autonome Systeme sowie Cyber- und zivile Sicherheitstechnologien entwickeln sich inzwischen in Wochen oder Monaten statt in Jahren. Gleichzeitig gewinnen Skalierbarkeit und Kosten wieder strategische Bedeutung.

Deutschland bringt hervorragende Voraussetzungen mit: eine starke industrielle Basis, exzellente Forschung und eine wachsende Deep-Tech-Start-up-Szene. Gleichzeitig prüfen immer mehr Unternehmen außerhalb der klassischen Verteidigungsindustrie, wie sie ihre Technologien und Produktionskapazitäten im Sicherheitsbereich einsetzen können.

Dennoch bleibt das Innovationsökosystem fragmentiert. Zusammenarbeit zwischen Industrie, Start-ups, Forschung und Streitkräften entsteht oft nur punktuell. Beschaffungsprozesse sind langsam, Wagniskapital für sicherheitsrelevante Technologien begrenzt. Vielversprechende Entwicklungen verlieren so wertvolle Zeit.

Andere Länder zeigen seit Jahren, wie ein engeres Zusammenspiel aussehen kann. In den USA hat DARPA vorgemacht, wie staatliche Institutionen gezielt technologische Sprünge ermöglichen können. Auch Israel wird in diesem Zusammenhang häufig genannt. In der öffentlichen Debatte stehen dabei meist die innovativen Defence-Tech-Start-ups und einzelne technologische Durchbrüche im Vordergrund. Für Deutschland deutlich interessanter ist jedoch das System dahinter: das enge Zusammenspiel von Streitkräften, Industrie, Start-ups und Forschung sowie ministeriumsübergreifende Initiativen.

Dieses Innovationsökosystem ist über Jahre gewachsen und stark von einem spezifischen sicherheitspolitischen Mindset geprägt – und lässt sich deshalb nicht einfach eins zu eins übertragen. Der internationale Vergleich zeigt jedoch, wie entscheidend funktionierende Schnittstellen zwischen Staat, Industrie und Wissenschaft für technologische Handlungsfähigkeit sind.

Deutschland bewegt sich in diese Richtung. Die Innovationsstrukturen im Verteidigungsministerium sind ein wichtiger Schritt, um Forschung, Start-ups und Industrie stärker einzubinden und Innovation schneller in Anwendungen zu überführen. Sie bewähren sich bereits in der praktischen Umsetzung.

Wir haben alles, was es braucht, um weltweit führende Lösungen für Sicherheitstechnologien zu entwickeln. Die Herausforderungen sind groß – die Chancen ebenso. Nutzen wir sie und gestalten unsere Sicherheit selbstbewusst.

Autorin: Andrea Frahm ist Geschäftsführerin des Auslandsbüros der Helmholtz Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren in Tel Aviv und agiert in ihrer Rolle an der Schnittstelle von Innovations-, Außen- und Sicherheitspolitik zwischen Europa und dem Nahen Osten.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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