Table.Forum

Souveränität ist die beste Verteidigung: Warum die Industrie unser wichtigster Schutzschirm ist

von Rolf Schumann

Die alte, regelbasierte Weltordnung, in der man sich auf globale Partnerschaften blind verlassen konnte, ist erodiert. Wir leben in einer Welt, in der Wirtschaft, Politik und Technologie zu einem gemeinsamen Machtzentrum verschmolzen sind. In diesem Gefüge ist digitale Souveränität keine technische Detailfrage mehr, sondern die wirksamste Form der strategischen Verteidigung.

Wenn ein IT-Ausfall im Handel die Versorgung kappt, wird Cybersicherheit zur Frage der gesellschaftlichen Stabilität. Wer technologisch abhängig ist, wird politisch erpressbar. Wir müssen daher umdenken: Abschreckung findet heute nicht mehr nur an physischen Grenzen statt, sondern in der Resilienz unserer Systeme. Wer technologisch unabhängig ist, nimmt einem Aggressor die Erfolgsaussicht und signalisiert: „Du kannst versuchen, uns abzuschalten, aber wir haben Alternativen und bleiben handlungsfähig.“

Integrierte Sicherheit: Die neue Realität

Führungskräfte müssen begreifen: IT-Sicherheit ist die notwendige Bedingung für jede Form von Souveränität. Integrierte Sicherheit bedeutet, das Zusammenspiel von Strukturen (Polity), Inhalten (Policy) und Prozessen (Politics) neu zu ordnen:

  • Technologische Souveränität: Ohne Kontrolle über die eigene Infrastruktur gibt es keine echte Rechtssicherheit.

  • Wirtschaft als Strategie: Jede Entscheidung über Cloud oder Software ist heute eine sicherheitspolitische Weichenstellung.

  • Innovations-Allianz: Um im KI-Wettlauf zu bestehen, müssen Politik und Wirtschaft als Partner agieren, nicht als Regulator und Regulierter. Wer diese Dimensionen nicht übergreifend denkt, riskiert die „digitale Kolonialisierung“.

Vom Reagieren zum Überleben: Survivability

In einer Welt, in der Sabotage und Handelskriege real sind, muss digitale Infrastruktur auf „Survivability“ ausgelegt sein – die Überlebensfähigkeit bei „Black Swan Events“. Es reicht nicht, Daten in Europa zu speichern, wenn die Software (Closed Source) per „Kill Switch“ aus Übersee abgeschaltet werden kann. Echte Resilienz erfordert Zugriff auf den Quellcode (Open Source) und Rechenzentren, die auch im Inselbetrieb funktionieren. Wir navigieren in dieser Welt nicht durch Isolation, sondern durch Diversifizierung und das Beherrschen kritischer Schlüsseltechnologien (Cloud, KI, Quantencomputing, Cybersicherheit). Nur wer auf Augenhöhe kooperieren kann, entkommt der Rolle des bloßen Befehlsempfängers. Systeme müssen so gebaut sein, dass die Grundversorgung auch offline funktioniert, um gesellschaftliche Unruhen im Krisenfall zu verhindern.

Weniger regulieren, mehr skalieren

Um die Geschwindigkeit der geopolitischen Lage aufzunehmen, brauchen wir pragmatisches Voraushandeln statt bürokratischer Perfektion. Innovation entsteht nicht durch das Optimieren des Bestehenden, sondern durch den Mut, Altbewährtes loszulassen. Märkte sollten erst wachsen dürfen, bevor wir sie mit Überregulierung ersticken.

Ein entscheidendes Hemmnis ist die Art der staatlichen Förderung. Während in den USA Militär und Regierung als strategische Ankerkunden auftreten, werden europäische Startups oft mit Fördergeldern abgespeist. Doch Fördergelder skalieren nicht – Aufträge schon. Eine gezielte Industriepolitik muss heimische Anbieter aktiv in die Vergabe einbinden. Das löst auch die strategische Lähmung im Mittelstand: Viele Unternehmen zögern bei KI und Cloud, weil sie den Abfluss ihres Wissens an außereuropäische Hyperscaler fürchten. Eine souveräne Infrastruktur ist hier der notwendige Katalysator.

Strategie braucht Umsetzung

Souveränität ist der Schutzschirm, unter dem Innovation und Freiheit erst gedeihen können. Wir haben alles, was es braucht: Wissen, Firmen, Kapital und Werte. Wir müssen sie nur mutig einsetzen: Weg vom reinen Krisenmanagement, hin zu einer aktiven Gestaltung unserer Souveränität. Es ist Zeit, die industrielle Basis als das zu behandeln, was sie ist: das Rückgrat unserer Sicherheit.

Autor: Rolf Schumann ist Co-CEO von Schwarz Digits.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

Weitere Beiträge aus dem Table.Forum Neue Sicherheits-Strategien

Impressum

Table.Forum ist ein Angebot von Table.Briefings
Leitung: Regine Kreitz (v.i.S.v. § 18 Abs. 2 MStV)
Table Media GmbH, Wöhlertstraße 12-13, 10115 Berlin · Deutschland,
Telefon +49 30 30 809 520
Amtsgericht Charlottenburg HRB 212399B, USt.-ID DE815849087
Geschäftsführer Dr. Thomas Feinen, Jochen Beutgen