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Deutschlands Demokratie wird auch im Weltraum verteidigt

von Tom Segert

Spätestens seit dem 24. Februar 2022 ist für alle klar, dass Deutschland und Europa nicht nur von traditionellen Bedrohungen, sondern zunehmend von Angriffen aus dem All und von digitalen Einflussnahmen betroffen sind. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat gezeigt, wie effektiv hybride Angriffe auf kritische Infrastruktur sein können – sowohl auf dem Festland als auch im Weltraum. Gleichzeitig kontrolliert China wesentliche Rohstoffe, dominiert Plattformen wie TikTok und formt damit die öffentliche Meinung weltweit. Die frühere Trump-Administration wiederum unterstützte in Deutschland Parteien, die nicht mit dem Grundgesetz vereinbar waren. Und der Klimawandel verschärft die sicherheitspolitische Lage zusätzlich. Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung beschlossen, Milliarden in eine souveräne Weltrauminfrastruktur zu investieren. Diese ist zwar keine Allheil-Lösung, aber ohne sie lassen sich viele sicherheitspolitische Herausforderungen kaum bewältigen.

Für die Bundeswehr bedeutet das mehr als nur ein technisches Upgrade. Echtzeit-Informationen über gegnerische Aktivitäten sind heute Grundvoraussetzung für handlungsfähige Streitkräfte. Wenn kritische Dienste von ausländischen Anbietern abhängen, kann ein plötzlicher Ausfall Menschenleben kosten. Satelliten liefern optische und radarbasierte Bilddaten über weite Zeiträume, ohne territoriale Grenzen zu verletzen. Sie ermöglichen nahezu sofortige Nachverfolgung von Truppenbewegungen und Logistikketten. Im Krieg in der Ukraine wurde deutlich: Dort, wo funktionierende Satellitenkommunikation Informationen bereitstellte, war diese oft der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg.

Bundesverteidigungsminister Pistorius und Generalinspekteur Breuer sehen das Jahr 2029 als möglichen Zeitpunkt, an dem Russland einen Nato-Staat konventionell angreifen könnte. Auch wenn diese Schätzung unsicher ist, ergeben sich daraus zwei zentrale Konsequenzen. Erstens muss die Bildgebung aus dem All bereits heute verfügbar sein, um überraschende militärische Bewegungen zu erkennen. Der Einkauf von Bilddaten im ersten Schritt ist richtig. Die Bestellung deutscher Satelliten muss folgen. Zweitens führt Russland bereits jetzt hybride Angriffe auf kritische Infrastruktur durch. Ohne eine resiliente Weltrauminfrastruktur sind wir diesen Angriffen ausgeliefert.

Über Erfolg und Misserfolg wird auch die Art der Auftragsvergabe entscheiden. Das oft angewandte Modell „The winner takes it all“ (IRIS²), also eine Ausschreibung und dann legt sich der deutsche Staat in die Hände eines Unternehmens (bzw. Konsortiums), wird im Weltraum scheitern. Dafür spricht, dass bisher kein größeres öffentliches Projekt im Weltraumsegment für die Bundeswehr im Zeit- und Kostenrahmen blieb.

Um schnell und flexibel zu reagieren, empfiehlt sich ein Beschaffungsmodell in Tranchen. Mehrere Unternehmen können gleichzeitig Satelliten bauen, was Lieferzeiten verkürzt und die Stückkosten senkt – ein Effekt, den die US Space Development Agency seit 2022 bereits demonstriert hat: Rund 80 Satelliten befinden sich im Orbit, über 200 weitere stehen unter Vertrag, und die Kosten pro Tranche fallen kontinuierlich. Ein erwünschter Nebeneffekt tritt ebenfalls ein. Unternehmen, die heute kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind, können in Zukunft schlagkräftige Player werden.

Das 35-Milliarden-Euro-Programm für die Weltrauminfrastruktur ist zugleich ein Industrie- und Sicherheitspaket. Es stärkt die heimische Raumfahrtindustrie und erhöht die strategische Unabhängigkeit Deutschlands, die eine souveräne Nutzung des Weltraums ermöglichen – etwa eigene SIGINT-Kapazitäten und unabhängige Kommunikationsnetze. Öffentlich-private Partnerschaften können zudem Kosten senken und Innovationszyklen verkürzen.

Handlungsempfehlungen

  1. Eine gestaffelte Tranchenvergabe einführen, um mehrere Anbieter parallel Satelliten zu bauen.

  2. Stärkung des nationalen Raumfahrtbudgets, damit mehr deutsche Payloads für Konstellationen verfügbar sind.

  3. Kooperationen zwischen Staat und Industrie stärken, um Kosten zu reduzieren und technologische Fortschritte zu beschleunigen.

Mit diesen Schritten kann Deutschland seine demokratischen Werte nicht nur auf dem Festland, sondern auch im Weltraum wirksam verteidigen.

Autor: Tom Segert ist CEO und Gründer von Berlin Space Technologies.

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