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„Strukturiertes Upscaling“: Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie auf dem Weg zur Vollausstattung der Bundeswehr bis 2029

von Hans Christoph Atzpodien und Elias Sedlmayr

Um unsere Bundeswehr bis 2029 rundum abschreckungs- und verteidigungsbereit zu machen, ist das industriepolitische Gebot der Stunde so einfach wie umfassend: „Upscaling“. Upscaling bedeutet ganz konkret: Der Output der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie muss in den kommenden drei Jahren so stark steigen, dass neben der Bundeswehr auch andere europäische NATO-Streitkräfte bis spätestens 2029 voll ausgestattet werden können. Dies wiederum setzt nicht nur eine möglichst stringente Bündelung aller dieser Bedarfe voraus, sondern zugleich, dass der Industrie entsprechend langlaufende Aufträge erteilt werden, damit sich das Upscaling auch wirtschaftlich tragen kann.

Das Ziel der Vollausstattung bis 2029 ergibt sich aus dem geopolitischen Bedrohungsszenario. Zur Erinnerung: Analysten des Nato gehen davon aus, dass Russland bis 2029 in der Lage sein wird, einen Nato-Mitgliedsstaat militärisch anzugreifen. Dieses Bedrohungsszenario ist folgerichtig für die politische und militärische Führung der Bundeswehr Handlungsleitlinie. Generalinspekteur Carsten Breuer etwa nennt das Jahr 2029 „unsere Zielmarke, bis dahin müssen wir einsatzbereit sein.“ In einem Beitrag für die „Atlantik-Brücke“ vom Dezember 2025 führt Breuer weiter aus: „2029 betrachten Analysten als möglichen ‚Kulminationspunkt‘, doch die Bedrohung ist schon heute real. Putin sieht sich längst in einem ‚(Schatten-) krieg‘ gegen den Westen. Das belegt die steigende Zahl hybrider Angriffe, denen ganz Europa ausgesetzt ist“. In diesem geoökonomischen Rahmen wird das vor uns liegende Jahr 2026 maßgeblich darüber entscheiden, ob der gesamtgesellschaftliche Kraftakt der Vollausstattung bis 2029 gelingen wird. 2026 ist dabei nicht Startpunkt, wohl aber die zentrale Zwischenetappe auf dem Weg. Die regulatorischen und haushälterischen Weichenstellungen – namentlich die Bereichsausnahme der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben und das im Januar verabschiedete Planungs- und Beschaffungsbeschleunigungsgesetz (PBBG) für die Bundeswehr – sind jetzt in Kraft. Was am Ende zählt, ist aber die volkswirtschaftliche Umsetzung.

Was also muss in diesem Jahr auf Industrieebene passieren, damit die freigewordenen Haushaltsmittel im erforderlichen Tempo und wortwörtlichen Sinne „auf die Straße“ gebracht werden? Das Schlüsselwort zu diesem gesamtgesellschaftlichen Kraftakt lautet Strukturierung: Die Herausforderung wird darin liegen, die wirtschaftliche Dynamik im Verteidigungsbereich so zu strukturieren und miteinander zu verzahnen, dass Engpässe in den Lieferketten von vorneherein vermieden werden. Ein wesentlicher Baustein dabei ist die Matchmaking-Plattform „SVI-Connect“. Seit Jahresanfang ist „SVI-Connect“, vom BDSV gemeinsam mit dem Bundesverband für Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik entwickelt und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert, nunmehr online.

Die Plattform soll in erster Linie kleine und mittlere Unternehmen dabei unterstützen, ihre Fähigkeiten und Ressourcen sowie ihr Know-how mit der gestiegenen Nachfrage von Unternehmen in den Verteidigungslieferketten in Einklang zu bringen – zum Vorteil beider Seiten. Sie bietet einen sicheren, DSGVO- und NIS2-konformen digitalen Raum für strukturiertes Matchmaking und integriert Funktionen wie Profilmanagement, intelligente Such- und Filtermechanismen sowie die Möglichkeit, Qualifikationen und Zertifizierungen zu hinterlegen. Mit dieser internetbasierten Plattform wurde ein zentraler Knotenpunkt geschaffen, der die Identifizierung und den Zugang zu relevanten Lieferanten erleichtert und die Zusammenarbeit zwischen etablierten Industriepartnern, neuen Akteuren, KMU und Start-ups fördert.

Die Zahlen seit der Live-Schaltung zum Jahresbeginn sprechen für sich: Mehr als 850 Unternehmensregistrierungen seit Jahresbeginn belegen, dass „SVI Connect“ auf bestem Weg ist, ein wichtiger Baustein zu werden, um Deutschlands Verteidigungsbereitschaft durch verbesserte Transparenz und Vernetzung relevanter Produktionsressourcen nachhaltig zu unterstützen und so einen nachhaltigen Beitrag zu einer Skalierung des Outputs leistet.

Bei allem Erfolg der Plattform bleibt darauf hinzuweisen, das eigene Anstrengungen – sowohl der OEMs zur Diversifizierung ihrer Lieferketten wie auch auf Seiten der Zulieferer, um Zugang zu den großen Lieferketten zu erlangen – durch ein neues Portal allein nicht ersetzt werden. Alle Unternehmen, die einen Beitrag leisten wollen, sind daher aufgerufen, sich proaktiv in den Lieferportalen der großen OEMs zu bewerben, damit Angebot und Nachfrage bestmöglich zueinander finden können.

Auch kann das weitverbreitete mediale Narrativ „von Autos zu Rüstung“ nicht bedeuten, dass das Upscaling in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie die Unterauslastung der Automobil- und Automobilzuliefererindustrie auch nur annähernd ausgleichen wird. Trotz der gewaltigen Summe von 200 Milliarden Euro bis 2029, die Deutschland in seinen kommenden Verteidigungshaushalten für Rüstung ausgeben wird, bleiben die Dimensionen andere; alleine im Jahr 2024 setzte die deutsche Automobilindustrie 542 Milliarden Euro um.

Auch auf regulatorischer Ebene bleiben Hausaufgaben zu tun, obwohl die politischen und Weichenstellungen mit der Verabschiedung des PBBG richtig gelegt sind. Folgen müssen nun weitere Entlastungen, etwa in Gestalt des geplanten Infrastrukturbeschleunigungsgesetzes für militärische und militärisch relevante Planungen.

Nichtsdestoweniger: Deutschland ist auf gutem Weg, im Schulterschluss mit der Nato seinen Beitrag zur Abschreckungsfähigkeit des Bündnisses zu leisten. Unser Kontinent ist stark genug, seine Souveränität zu bewahren und seine Sicherheit garantieren. Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie wird alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um zum Erreichen dieses Ziels beizutragen. Und wir sind zuversichtlich, dass uns dies gelingen wird., sofern dieses außerordentliche Engagement auch durch entsprechende Aufträge langfristig abgesichert wird!

Autoren: Hans Christoph Atzpodien ist Hauptgeschäftsführer des BDSV e. V.
Elias Sedlmayr ist Referent für Politik und Kommunikation beim BDSV e. V.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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