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Nur Mut, Europa!

von Alexander Sagel

Das europäische Projekt beruht auf dem Versprechen von Frieden und Freiheit. Beides ist keine Selbstverständlichkeit, ist nie Gewissheit. Dieses Gut verlangt ständiges Engagement und auch die Bereitschaft, es zu verteidigen. Während wir über sicherheitspolitische Prioritäten und gesellschaftliche Zumutbarkeit diskutieren, verteidigen die Ukrainerinnen und Ukrainer seit vier Jahren unter enormen Opfern ihre staatliche Existenz. Ihr Kampf konfrontiert uns mit einer unbequemen Wahrheit: Ohne eigene Verteidigungsfähigkeit ist Europa in Gefahr.

Europa wird nur dann souverän handeln können, wenn es auf eigenen Fähigkeiten aufbaut und diese konsequent bündelt. Paris, London, Warschau und Berlin haben zuletzt wichtige Impulse gesetzt. Und gerade auch an der NATO-Ostflanke sehen wir Entwicklungen, die Entschlossenheit erkennen lassen: Polen stärkt mit dem Projekt "Eastern Shield” und umfangreichen Investitionen in seine Streitkräfte die Verteidigungsfähigkeit der EU direkt an ihrer Außengrenze. Zugleich wird deutlich, wie groß der Modernisierungs- und Aufwuchsbedarf auf unserem Kontinent ist. Kritische Fähigkeiten müssen verfügbar, schnell einsetzbar und mit lokalen Service- und Supportstrukturen abgesichert werden. Je schneller wir komplementär zur NATO mehr europäische Einsatzbereitschaft erreichen, desto stärker ist auch das transatlantische Bündnis.

Eine leistungsfähige Rüstungsindustrie ist dabei das Rückgrat europäischer Wehrhaftigkeit. Echte Verteidigungsfähigkeit entscheidet sich nicht in strategischen Konzepten. Sie steht und fällt mit effizienten Produktionshallen, robusten Lieferketten und modernen Instandsetzungszentren. Europas Verteidigungsindustrie muss deshalb nicht nur wachsen, sondern strukturell widerstandsfähiger werden – flexibler in der Skalierung, digitaler in den Prozessen und deutlich stärker vernetzt über nationale Grenzen hinweg. Erst wenn industrielle Stärke, technologische Innovationskraft und militärische Anforderungen konsequent zusammengedacht werden, entsteht echte strategische Souveränität. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt sich beim Kampfpanzer Leopard 2. Hier kommen gemeinsame Beschaffungsprogramme, logistische Gleichheit und nachhaltige Innovationszyklen zusammen.

Als zentraler Pfeiler unserer Sicherheitsarchitektur ist die europäische Verteidigungsindustrie bereits heute von entscheidender Bedeutung. Nun kommt es darauf an, gemeinsam noch mehr zu liefern – in dem Tempo, das jede Soldatin und jeder Soldat im Einsatz zu Recht von uns erwarten kann. Resiliente Lieferketten und industrielle Souveränität sind keine abstrakten Begriffe, sondern konkrete Machtfaktoren. Sie entscheiden über Handlungsfähigkeit, Abschreckung und Durchhaltevermögen. Gefragt sind Entschlossenheit zu langfristigen Investitionen, konsequenter Innovationswille und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Die von der EU auf den Weg gebrachten Programme SAFE und EDIP setzen hierfür das richtige Signal.

Am Ende geht es um mehr als Technik und Taktik. Es geht um Haltung und um Mut. Es geht um die Entschlossenheit, unsere Heimat zu schützen. Dafür sollten wir uns alle starkmachen. Für Europa und für die Menschen, die es verteidigen.

Autor: Alexander Sagel ist CEO der RENK Group.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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