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Vom Großprojekt zum Gradmesser: FCAS als Test für Europas sicherheitspolitische Eigenständigkeit

Jeanne Dillschneider

Die militärische Abhängigkeit Europas von den USA steht einer zunehmenden Abkehr der Trump-Administration von transatlantischen Bündnissen und Partnerschaften gegenüber. Europa muss also nicht nur unabhängig, sondern auch selbstständig werden. In dem Zusammenhang gewinnen gemeinsame Rüstungsprojekte eine neue Dimension. Die Debatte um das Future Combat Air System (FCAS) dreht sich um weit mehr als um ein industriepolitisches Großprojekt. Ob das Projekt gelingt, ist eine politische Bewährungsprobe. Zugleich ist FCAS die Chance zu zeigen, dass die Zeitenwende nicht nur für eine Zäsur der regelbasierten Weltordnung steht, sondern auch den Aufbruch zu einem neuen europäischen Gestaltungswillen markieren kann.

Die Herausforderung hierbei ist nicht das Geld. Es sind nationale Reflexe, industriepolitische Blockaden und fehlende Verbindlichkeit, die das Projekt bis heute ausgebremst haben. An der Erkenntnis mangelt es jedenfalls nicht. Gemeinsame europäische Rüstungsprojekte vereinfachen Wartung sowie Logistik und reduzieren die Vielzahl der Waffensysteme. Doch bis heute fehlt bei FCAS ein verlässlicher politischer Rahmen, der Kooperation festschreibt und von der Industrie einfordert.

Gerade jetzt, da die kritischen Projektphasen beginnen, sind weitere Verzögerungen inakzeptabel. Dennoch wächst die Zahl der verschobenen Fristen. Jede Antwort des Verteidigungsministeriums hierzu wirkt wie ein Unterbietungswettbewerb: Wie wenig kann man sagen, ohne wirklich etwas zu sagen? All das ist gefährlich. Denn während ständig neue Zielmarken in den Raum gestellt werden, entstehen perspektivisch Fähigkeitslücken bei der modernen Luftverteidigung.

Die Idee eines vernetzten Systemverbunds aus bemannten Kampfflugzeugen, Drohnen und digitaler Gefechtsführung ist wegweisend. Doch je länger Entscheidungen hinausgezögert werden, desto größer wird die Gefahr, dass aus einem Zukunftsprojekt ein verspätetes Kompromissprodukt wird. Wer diese Lücken später schließen will, wird erneut teuer einkaufen müssen oder benötigt noch kostspieligere Zwischenlösungen.

Dass der Rüstungsmanager Frank Haun als einer von zwei Mediatoren nun bis Ende April eine Lösung finden soll, zeigt, wie verfahren die Lage ist. Gut, dass Deutschland und Frankreich diesen Schritt gehen. Umso ernüchternder lesen sich die Berichte, dass hierbei bisher keine Einigung erzielt werden konnte. Bundeskanzler Friedrich Merz muss jetzt unter Beweis stellen, wie tragfähig seine Beziehungen zu Präsident Emmanuel Macron wirklich sind. Deutsch-Französische Rüstungskooperationen waren in der Vergangenheit immer wieder herausfordernd. Dennoch zeigt sich bei einzelnen Projekten, dass Zusammenarbeit dort gelingt, wo klare Rahmenbedingungen vereinbart wurden.

Macron hat Deutschland erst kürzlich als „Schlüsselpartner“ bei der Zusammenarbeit im Rahmen nuklearer Abschreckung bezeichnet. Diese Öffnung ist ein bemerkenswertes Signal Frankreichs, dessen nukleare Souveränität eng mit dem staatlichen Selbstverständnis verknüpft ist.

Umso mehr überrascht die politische Kommunikation des Bundeskanzlers. Widersprüchliche Signale zum französischen Präsidenten und öffentlich vorgetragene Zweifel, die an Geraune erinnern, statt eine Perspektive zu schaffen, untergraben Vertrauen. Statt entschieden Plan A zu verfolgen, scheint sich die Bundesregierung immer mehr hinter Plan zu B zu verstecken. Dabei sollte FCAS keinesfalls zerredet werden. Weder von Regierungen noch von der Industrie. Zulieferer und Streitkräfte brauchen Planungssicherheit, keine Hängepartien. Jede weitere Verzögerung verbrennt Geld, Zeit und politisches Vertrauen.

Europäische Großprojekte dürfen nicht länger als lose Kooperationsversuche organisiert werden. Sie benötigen von Anfang an eine enge politische Steuerung und verbindliche Regeln. Nicht erst dann, wenn es zu spät ist. Gerade mit Blick auf andere Fähigkeitsbereiche – etwa bei Raketen für die Luftverteidigung – zeigt sich bereits, wie schnell Europa in gefährliche Lücken läuft. Die Deutsch-Französische Zusammenarbeit und unsere europäische sicherheitspolitische Eigenständigkeit zu stärken, ist darum keine Option, sondern eine Notwendigkeit.

Die Zeitenwende kann mehr sein als eine Zäsur, sie kann zum europäischen Aufbruch werden. FCAS steht daher symbolisch für die Frage: Ist Europa in der Lage, seine Sicherheit selbst zu organisieren?

Autorin: Jeanne Dillschneider ist Berichterstatterin der Grünen für die Luftwaffe im Verteidigungsausschuss. Die Deutsch-Französin zog 2025 in den Bundestag ein. Sie ist außerdem Obfrau der Grünen im Digitalausschuss.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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