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Cyberresilienz entscheidet über Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit

von Anja Käfer-Rohrbach

Deutschlands Wirtschaft ist digital, vernetzt und hochgradig arbeitsteilig organisiert. Genau das ist ihre Stärke und zugleich ihre Schwäche. Denn wo Produktionsanlagen, Logistik, Zahlungsverkehr und Kommunikation digital gesteuert werden, reicht im Extremfall ein einziger erfolgreicher Cyberangriff, um Wertschöpfungsketten ins Stocken zu bringen. Cyberangriffe sind deshalb längst ein ökonomisches Risiko mit systemischer Dimension – und damit eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit.

Wie real diese Gefahr ist, zeigen zahlreiche Vorfälle der vergangenen Jahre: Immer wieder legen Cyberattacken Produktionsstandorte lahm, unterbrechen Lieferketten oder blockieren zentrale Systeme. Maschinen stoppen, Systeme sind blockiert, Aufträge bleiben liegen. Was einst ein physischer Einbruch war, ist heute ein digitaler Schlag ins Herz der Wertschöpfung. In solchen Momenten entscheidet sich, ob eine Krise beherrschbar bleibt oder die Existenz eines Unternehmens auf dem Spiel steht.

Auch in Deutschland ist das Risiko hoch. Jedes Jahr sind rund 20 Prozent der Unternehmen von Cyberattacken betroffen. Viele davon erwarten im Notfall staatliche Unterstützung, gerade kleine und mittlere Unternehmen. Eine repräsentative GDV-Umfrage zeigt: Im Mittelstand erwarten 93 Prozent im Ernstfall konkrete Handlungsempfehlungen, 57 Prozent hoffen auf finanzielle Hilfe. Doch allein auf staatliche Hilfe zu setzen, greift zu kurz angesichts der zunehmenden Cybergefahr.

Mit der fortschreitenden Vernetzung von Wirtschaft und Gesellschaft professionalisieren sich auch die Angreifer. Unter dem Begriff „Cybercrime as a Service“ lassen sich Angriffe wie Dienstleistungen modular einkaufen – von Schadsoftware bis Geldwäsche. Künstliche Intelligenz wirkt dabei wie ein Produktivitätshebel auf Seiten der Angreifer. Phishing-Mails sind kaum noch von echten Geschäftsnachrichten zu unterscheiden. Die Hürden sinken und die Zahl der Angriffe steigt.

Hinzu kommt eine geopolitische Dimension. Zunehmend treten staatliche oder staatlich gesteuerte Akteure in Erscheinung, deren Ziel eine strategische Destabilisierung ist. Angriffe auf Energieversorgung, Krankenhäuser, Verkehr oder Industrie sollen Vertrauen erschüttern und Abläufe stören. Cyberangriffe sind damit kein Randthema der IT, sondern ein strategisches Standortrisiko für Deutschland und Europa.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob ein Angriff kommt, sondern wie gut wir vorbereitet sind.

Hier kann die Versicherungswirtschaft zu einem wichtigen Partner für Resilienz werden. Eine Cyberversicherung bietet weit mehr als reine Kostenerstattung. Versicherer unterstützen präventiv, operativ, finanziell und ordnungspolitisch. Schon vor einem Angriff helfen Risikoanalysen und gezielte Beratung, digitale Schwachstellen zu erkennen. IT-Notfallpläne und Schutzmaßnahmen werden dadurch zu einem echten Wettbewerbsvorteil, vor allem für kleine und mittlere Unternehmen. Kommt es dennoch zu einem Angriff, vermitteln Versicherer schnell den Zugang zu Forensikern, IT-Expertinnen und Krisenkommunikatoren. Geschwindigkeit ist dabei entscheidend! Eine strukturierte Schadenbearbeitung verkürzt Ausfallzeiten und verhindert, dass sich ein Vorfall entlang vernetzter Lieferketten ausbreitet. Gleichzeitig stabilisiert eine Cyberversicherung die finanzielle Lage, sichert Liquidität und schafft Planungssicherheit.

Zur Wahrheit gehört auch, dass großflächige Cyberereignisse Dominoeffekte nach sich ziehen können, die die Kapazitäten einzelner Unternehmen oder Versicherer überfordern. Lahmgelegte Zahlungssysteme, ausgefallene Kommunikationsinfrastrukturen oder große Datenverluste können schnell zur Herkulesaufgabe werden. Deshalb ist eine enge Abstimmung zwischen Markt und Staat unerlässlich.

Die Botschaft ist eindeutig: Prävention und Resilienz sind unverzichtbar. Unternehmen müssen Cybersicherheit zur Chefsache machen, während der Staat verlässliche Strukturen und Krisenmechanismen bei großflächigen Cyberereignissen etablieren muss. Die Versicherungswirtschaft kann dabei als Bindeglied zwischen Praxis und Prävention fungieren – mit Erfahrung aus realen Angriffen, analytischem Risikoblick und verlässlicher Unterstützung im Ernstfall. Nur wenn Angriffe beherrschbar bleiben, sichern Unternehmen ihre Innovationskraft, ihre Marktposition und damit die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland.

Autorin: Anja Käfer-Rohrbach ist stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

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