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Mentale Sicherheit: die unterschätzte Dimension Integrierter Sicherheit

von Wolf-Jürgen Stahl

Wir leben in einer Phase tiefgreifender sicherheitspolitischer Umbrüche. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und andauernde hybride Angriffe auf westliche Demokratien – von Cyberoperationen über Sabotageakte gegen Kritische Infrastruktur bis zu gezielten Desinformationskampagnen – machen deutlich: Auch Deutschland ist das Ziel feindseliger Übergriffe.- Diese spielen sich unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Angriffs ab. Sie zielen nicht direkt auf das Territorium, sondern auf die Gesellschaft als Ganzes, auf Vertrauen, Entscheidungsfähigkeit und Zusammenhalt. Bundeskanzler Friedrich Merz stellt deshalb zu Recht fest: „Wir sind nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden.“

Hinzu tritt eine wachsende Verunsicherung in der transatlantischen Partnerschaft. Verlässlichkeit, die über Jahrzehnte das Fundament europäischer Sicherheit bildeten, geraten zunehmend unter machtpolitischen Vorbehalt. Für Europa – und insbesondere für Deutschland – stellt sich damit nicht mehr die Frage, ob mehr praktizierte sicherheitspolitische Eigenverantwortung notwendig ist, sondern wie schnell sie aufgebaut werden kann – und ob Staat und Gesellschaft mental darauf vorbereitet sind.

In dieser Lage entscheidet sich Sicherheit nicht allein an der Fähigkeit militärischer Abschreckung, sondern auch im Inneren von Staaten und Gesellschaften. Hybride Angriffe versuchen Unsicherheit und Misstrauen zu säen und damit den Willen zur Selbstverteidigung zu schwächen. Umso wichtiger wird es, dass sich Staat und Gesellschaft auch unter Dauerstress funktions-, handlungs-, entscheidungs- und widerstandsfähig zeigen.

Mit dem Leitmotiv der Integrierten Sicherheit ist Deutschland dieser Entwicklung konzeptionell entgegengetreten. Die Nationale Sicherheitsstrategie von 2023 beschreibt Sicherheit erstmals als gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie integriert die vier Dimensionen äußere, innere, wirtschaftliche und digitale Sicherheit zu einem gemeinsamen Ordnungsrahmen und erkennt an, dass Sicherheit nicht mehr sektoral oder bloß reaktiv gestaltet werden kann.

Zugleich markiert dieser Ansatz einen grundlegenden Perspektivwechsel: Der Mensch rückt ins Zentrum von Sicherheitspolitik. Er wird nicht nur als Objekt staatlicher Schutzmaßnahmen, sondern Subjekt von Sicherheit verstanden. Sicherheit entsteht dort, wo Menschen sich selbstorientieren, Verantwortung übernehmen können und verstehen, wie ihr eigenes Handeln Teil der Sicherheitsarchitektur ist.

Genau an diesem Punkt zeigt sich jedoch eine zentrale Leerstelle. Die vier Dimensionen Integrierter Sicherheit bleiben unvollständig, solange ihre gemeinsame Grundlage nicht ausdrücklich benannt wird: die „mentale Sicherheit“, wie wir sie an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik begreifen. Sie ist die unterschätzte Dimension Integrierter Sicherheit – und zugleich doch ihre Basis.

Mentale Sicherheit bezeichnet die Fähigkeit und den Willen von Menschen und Gesellschaften, Unsicherheit, Ambiguität und die Konfrontation mit gezielter Einflussnahme zu verarbeiten, ohne Vertrauen, Orientierung und Entscheidungsfähigkeit zu verlieren. Sie entscheidet darüber, ob staatliches Handeln verstanden, Desinformation eingeordnet und Krisen gemeinsam bewältigt werden können. Mentale Sicherheit ist kein „weicher Faktor“, sondern die Voraussetzung dafür, dass die vier Dimensionen Integrierter Sicherheit überhaupt wirksam werden.

Ohne mentale Stabilität verliert innere Sicherheit an präventiver Wirkung, wenn Vertrauen und Kooperationsbereitschaft schwinden. Äußere Sicherheit büßt an Glaubwürdigkeit ein, wenn gesellschaftlicher Rückhalt für Abschreckung und Verteidigung fehlt. Digitale Sicherheit bleibt wirkungslos, wenn Menschen sie nicht auch am eigenen Endgerät praktizieren. Und wirtschaftliche Sicherheit erodiert, wenn Unsicherheit, Überforderung und Vertrauensverlust Entscheidungs- und Leistungsfähigkeit untergraben.

Andere europäische Staaten haben diese Zusammenhänge früh erkannt. Finnland verankert psychologische Resilienz als Teil seiner Comprehensive Security ausdrücklich als vitale Funktion seiner umfassenden Sicherheitsarchitektur. Mentale Sicherheit ist dort kein Begleitthema, sondern systematisch unterlegt – durch Bildungsprogramme, transparente Risikoanalysen, klare Zuständigkeiten und die enge Einbindung von Wirtschaft und Gesellschaft. Sicherheit wird nicht delegiert, sondern gemeinsam getragen.

Schweden versteht mentale Sicherheit als integralen Bestandteil seiner Total Defence. Eine eigene Behörde für psychologische Verteidigung informiert den öffentlichen Diskurs über Desinformation, stärkt Medienkompetenz und unterstützt den Verteidigungswillen der Bevölkerung. Kommunikation ist hier kein Kriseninstrument, sondern sicherheitspolitische Infrastruktur.

Beiden Modellen ist gemeinsam: Mentale Sicherheit wird politisch explizit adressiert, verantwortet und institutionell organisiert. Sie entsteht nicht durch Beschwichtigung, sondern durch Klarheit, Beteiligung und Selbstwirksamkeit – also genau dort, wo Menschen als Subjekte von Sicherheit ernst genommen werden.

Die während der zurückliegenden Jahrzehnte in Deutschland etablierte Vorstellung, Sicherheit sei primär eine staatliche Bereitstellungsleistung und könnte geographisch externalisiert werden, ist unter den gegenwärtigen Bedingungen hybrider Bedrohung nicht mehr tragfähig. 84 Millionen Menschen können sich Sicherheit nicht „liefern lassen“, sondern nur selbst als Voraussetzung einer freiheitlichen Gesellschaft gemeinschaftlich verstehen, mittragen und mitgestalten.

Für die angekündigte Weiterentwicklung der deutschen Sicherheitsstrategie bedeutet das: Integrierte Sicherheit braucht ein explizites mentales Fundament. Wer richtigerweise den Menschen ins Zentrum stellt, sollte auch dessen mentale Widerstandsfähigkeit strategisch adressieren. Kommunikation wird damit selbst zum sicherheitspolitischen Instrument – Kommunikation schafft Orientierung, stabilisiert Vertrauen und erhält Handlungsfähigkeit.

Das bedeutet auch, dass das Instrumentarium sicherheitspolitischer Kommunikation im Spannungsfeld zwischen Sensibilisierung und Verunsicherung weiterentwickelt werden muss. Eine Information der Öffentlichkeit beispielsweise über Hybride Angriffe wird nur dann auf mentale Sicherheit einzahlen, wenn sie zugleich mit einer Verhaltensperspektive für Staat und Individuum verbunden ist. Ein Appell an gesellschaftliche Mitwirkung wird eher fruchten, wenn er den Bedarf für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen lebensweltlich plausibilisiert. Institutionenvertrauen wird gefestigt, wenn Menschen auch in Ausnahmesituationen sowohl die politische Exekutive als auch die Administration als gleichermaßen handlungswillig und -fähig erleben.

Mentale Sicherheit ist keine Ergänzung der Integrierten Sicherheit.
Sie ist eine bislang unterschätzte Dimension unserer nationalen Sicherheit – und die Basis, auf der äußere, innere, wirtschaftliche und digitale Sicherheit erst wirksam werden.

Autor: Generalmajor Wolf-Jürgen Stahl ist Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik.

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