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Ernährungssouveränität ist Basis menschlicher Sicherheit

von Schahina Gambir

Das internationale System steht unter Druck. Die humanitäre Lage in Afghanistan, Syrien und Gaza, die zunehmende Fragilität im Sahel, immer drastischere Klimaschocks und eine wachsende Ernährungskrise in vielen Weltregionen zeigen: Sicherheit lässt sich nicht nur militärisch denken. Denn während bewaffnete Konflikte zunehmen, verlieren gleichzeitig Millionen Menschen durch Dürren, Überschwemmungen und wirtschaftliche Schocks ihre Lebensgrundlagen. Die Folgen sind Instabilität, Fluchtbewegungen und geopolitische Spannungen weit über die betroffenen Regionen hinaus.

Die deutsche Sicherheitspolitik wird derzeit neu geordnet. Ein Nationaler Sicherheitsrat, der ressortübergreifende Koordination und strategische Vorausschau als zentrale Aufgaben hat, sowie eine stärkere Verzahnung von Außen-, Verteidigungs- und Entwicklungspolitik. Vieles ist in Bewegung. Doch in dieser Debatte fehlt ein zentraler Punkt: Prävention.

Wer Sicherheit ernst meint und Sicherheitspolitik nachhaltig gestalten will, darf nicht nur auf Konflikte reagieren. Sie müssen verhindert werden, bevor sie eskalieren. Entwicklungszusammenarbeit ist dafür ein entscheidender Baustein, und globale Ernährungssouveränität eine unbedingte Grundlage. Dazu müssen wir vor allem die menschliche Sicherheit sowie Instrumente wie die zivile Krisenprävention und die Katastrophenvorsorge stärken.

Und wer langfristige Lösungen will, muss alle an den Tisch bringen. Bi- und multilateral, vor allem auch unsere Partner aus dem Globalen Süden.

Hunger ist kein rein humanitäres Problem. Er ist Ausgangspunkt einer ernstzunehmenden, nachhaltigen Sicherheitspolitik. Es ist wissenschaftlich belegt, dass gesellschaftliche Strukturen nicht erst durch bewaffnete Konflikte destabilisiert werden, sondern zuerst durch ausfallende Ernten, steigende Preise und fehlende Perspektiven. Hunger ist der Ausgangspunkt für Instabilität, Spannungen und Gewalt.

Im Sahel etwa haben Programme wie die Sahel-Resilienz-Partnerschaft von BMZ, GIZ, Welternährungsprogramm und UNICEF dazu beigetragen, die lokale Landwirtschaft zu stärken. So wurden Konflikte um Ressourcen entschärft und Gemeinden widerstandsfähiger gemacht. Durch Programme wie dieses wird klar: Die Kosten präventiver Maßnahmen sind planbar und dementsprechend überschaubar. Nach Berechnungen von Weltbank und Vereinten Nationen lassen sich mit jedem in Prävention investierten Euro potenziell bis zu 15 Euro an späteren Folgekosten vermeiden. Humanitäre Hilfe, militärische oder Stabilisierungseinsätze sind also um ein Vielfaches teurer. Wirtschaftlich und vor allem menschlich.

Entwicklungszusammenarbeit ist nicht nur nice to have. Sie ist nachhaltige Prävention und damit auch grundlegender Teil der deutschen Sicherheitspolitik. Trotzdem folgt die Bundesregierung einer gegensätzlichen Logik. Sie betont die sicherheitspolitische Bedeutung von Entwicklungszusammenarbeit, streicht ihr aber gleichzeitig massiv die Gelder. Allein beim Welternährungsprogramm hat die Bundesregierung in den letzten vier Jahren um mehr als 70 Prozent gekürzt. Während Krisen zunehmen, sinkt die präventive Handlungsfähigkeit der deutschen Bundesregierung. Statt struktureller Vorsorge droht eine Politik, die vor allem die eigene Sicherheit im Blick hat und nur noch auf akute Eskalationen reagiert. Das ist weder effizient noch strategisch.

Dieser Kurswechsel zeigt sich auch im BMZ-Reformprozess. Statt struktureller Vorsorge rücken „deutsche Interessen“ und Geopolitik noch stärker in den Mittelpunkt. Das ist grundsätzlich legitim. Problematisch wird es, wenn diese Interessen primär wirtschaftlich und kurzsichtig definiert werden: Rohstoffsicherung, Absatzmärkte, Aufträge für deutsche Unternehmen. Wirtschaftspolitisch mag das einleuchtend sein, aber sicherheitspolitisch greift das zu kurz.

Deutschlands langfristige Interessen liegen in stabilen Partnerregionen, resilienten Gesellschaften und funktionierenden Institutionen. Sie liegen in starken Zivilgesellschaften, die Konflikte moderieren können. Und sie liegen in nachhaltigen Ernährungssystemen, die Krisen abfedern. Erst dadurch können langfristig demokratische und wohlhabende Regionen entstehen. Ein Beispiel ist Südkorea, das selbst zwei Jahrzehnte lang vom Welternährungsprogramm unterstützt wurde und inzwischen einer unserer wichtigsten Partner im Indo-Pazifik und selbst Geber ist.

Aber auch Deutschlands Demokratisierung und das Wirtschaftswunder wurden nur durch den Marshallplan möglich. Das zeigt: Wer Entwicklungszusammenarbeit vor allem als Instrument kurzfristiger eigener wirtschaftlicher Expansion versteht, verkennt ihren strategischen Wert.

Das ist einmal mehr relevant, da sich unser geopolitisches Umfeld zunehmend verschiebt. Russland und China bauen ihren Einfluss im Globalen Süden gezielt aus, Trump will mit dem Board of Peace Parallelstrukturen zu den Vereinten Nationen schaffen. Sie investieren in Infrastruktur, Medien und politische Netzwerke.

Deutschland muss dieser Politik ein alternatives Modell entgegensetzen: mit wertebasierten und gleichberechtigten Partnerschaften, der Berücksichtigung von Menschenrechten wie dem Recht auf Nahrung, langfristigen Perspektiven und durch eine Stärkung der globalen Zivilgesellschaft. Hierfür braucht es vor allem Verlässlichkeit. Wenn die Bundesregierung aber Mittel kürzt und Programme zurückfährt, entstehen politische Vakua, die von autoritären Mächten gefüllt werden. So verliert sie Einfluss. Das ist moralisch und strategisch ein Fehler. Einfluss entsteht durch langfristige Präsenz, Verlässlichkeit und echte Kooperation, nicht durch kurzfristige Projektlogik.

Gleichzeitig braucht es eine starke europäische Entwicklungszusammenarbeit, um handlungsfähig zu bleiben. Dafür muss sich die Bundesregierung einsetzen. Gemeinsam mit ihren 27 Mitgliedstaaten ist die EU größte entwicklungspolitische Geberin und hat damit erhebliches politisches und finanzielles Gewicht. Sie kann echte Alternativen zu autoritären Angeboten schaffen. Die Umsetzung von Team-Europe-Ansatz und Global Gateway zeigt längst, dass nachhaltige Investitionen Partnerschaften stärken und langfristige Perspektiven eröffnen.

Entscheidend ist jedoch, dass diese Zusammenarbeit nicht einseitig auf europäischen Bedingungen basiert. Sie muss die Interessen aller Partner zur Grundlage haben und gemeinsame Verantwortung ins Zentrum stellen. Die Verhandlungen um den nächsten EU-Haushalt und das EU-Außenfinanzierungsinstrument Global Europe sind daher eine echte Weichenstellung. Denn sie sind die Grundlage dafür, dass europäische Entwicklungspolitik sich auch künftig an der Agenda 2030 und den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) als übergeordnetem gemeinsamen Interesse orientiert, partnerschaftlich bleibt und langfristig wirkt.

Deutschland steht also vor einer strategischen Entscheidung, die das internationale System auf Jahrzehnte prägen wird. Entweder wir investieren weiter primär in Krisenreaktion. Oder wir stärken die Entwicklungszusammenarbeit als integralen Bestandteil einer umfassenden Sicherheitsstrategie. Denn wer Sicherheit langfristig gewährleisten will, muss in Stabilität investieren, bevor sie verloren geht. Entwicklungszusammenarbeit ist keine nachrangige Aufgabe. Sie ist eine Frage strategischer Vorausschau.

Autorin: Schahina Gambir ist Mitglied des Deutschen Bundestages (Bündnis90/ Die Grünen).

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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