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Gesundheitssicherheit muss Teil der „Zeitenwende“ sein

von Judith Gerlach

Deutschland bereitet sich auf Krisen vor. Das ist angesichts der umwälzenden Veränderung unserer Sicherheitslage verständlich und richtig. Aber dabei darf nicht übersehen werden: Zu unserer Sicherheit gehört auch die Gesundheitsversorgung. Denn sie ist das Rückgrat unserer Gesellschaft. Gerade im Krisenfall müssen sich die Menschen auf ein stabiles Gesundheitssystem verlassen können.

In der Debatte ist dieses Bewusstsein zwar schon bei vielen angekommen. Aber es passiert noch zu wenig. Gesundheitssicherheit muss ein wichtiger Teil der viel beschworenen „Zeitenwende“ sein. Deshalb muss jetzt auch mit mehr Tempo der Gesundheitsbereich krisenfest gemacht werden.

Für Bayern habe ich im vergangenen Jahr einen Expertenrat Gesundheitssicherheit gegründet. Akteure aus allen Bereichen des Gesundheitssektors kommen an einem Tisch zusammen, auch die Bundeswehr bringt sich ein. Die Experten analysieren Risiken und entwickeln Lösungen für Krisenfälle.

Eine der Maßnahmen, die unser Expertenrat vorgeschlagen hat, sind vermehrte Übungen von Krisenlagen an Krankenhäusern. Das ist wichtig, denn damit schulen wir nicht nur das Personal, sondern wir decken auch Sicherheitslücken auf. Bayern fördert diese Übungen mit zwei Millionen Euro. 2025 gab es bereits eine erste Übung in München, bei der eine biologische Sonderlage simuliert wurde. Für das erste Halbjahr 2026 sind sechs neue Übungen geplant.

Wir arbeiten auch eng mit der Sanitätsakademie der Bundeswehr zusammen – unser Ziel: gemeinsam Daten zusammenführen und ein digitales Gesundheitslagebild schaffen. Das ist wichtig für eine effiziente Patienten- und Ressourcensteuerung im Krisenfall.

Mit diesem Lagebild auf Länderebene sind wir die Blaupause für die Bundesrepublik. Ein nationales Gesundheitslagebild, das nicht an Bundesländergrenzen halt macht, ist ebenso notwendig wie ein Expertenrat für Gesundheitssicherheit auf Bundesebene. Denn der Nationale Sicherheitsrat soll die bundesweite Sicherheitsarchitektur stärken und hat damit eine klare Aufgabe. Er kann sich aber nicht auch auf die Spezifika der Gesundheitsversorgung konzentrieren. Ohne funktionierende Krankenhäuser, koordinierte Patientenströme und Arzneimittelvorhaltung können wir empfindlich getroffen werden.

Deshalb ist hier insgesamt mehr Engagement auf Bundesebene gefragt. Bei der Vernetzung und Koordination der Akteure des Gesundheitswesens, aber auch bei der dafür erforderlichen Gesetzgebung, die es dafür braucht.

Bayern unterstützt Initiativen des Bundes wie das Gesundheitssicherstellungsgesetz mit Regelungen für den Zivilschutzfall. Aber abgesehen davon, dass das Gesetz voraussichtlich erst im Jahr 2027 in Kraft treten wird, fehlen weiterhin auch Regelungen für die Vorsorge und Vorbereitung. Gerade deswegen ist eine starke Bündelung der Vorbereitungen auf den Krisenfall beim Bund sinnvoll.

Dabei geht es um viele Dimensionen. Um auf Krisen aller Art vorbereitet zu sein, brauchen wir unter anderem:

  • eine effiziente Bevorratung von Arzneimitteln,

  • eine strategische Patientensteuerung im Zivilschutzfall,

  • eine Bündelung von wichtigen Daten für ein nationales Gesundheitslagebild,

  • verbindliche Vorgaben zum Schutz für die kritische Infrastruktur, z. B. die Krankenhäuser,

  • Schulungen für das medizinische und pflegerische Personal.

Diese Aufgaben lassen sich nicht im Sprint bewältigen. Das wird ein Dauerlauf. Je eher wir loslaufen, desto mehr können wir erreichen. Verharren wir jedoch, dann läuft uns die Zeit davon, denn wenn die Krise sich eines Tages Bahn brechen sollte, ist es für viele notwendige Maßnahmen zu spät. Deshalb muss die Gesundheitssicherheit als natürlicher Teil der „Zeitenwende“ verstanden werden.

Autorin: Judith Gerlach ist bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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