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Warum digitale Abhängigkeit Europas größtes Sicherheitsrisiko ist

von Thomas Saueressig

Im Februar tagte die Münchner Sicherheitskonferenz unter dem Leitmotiv „Under Destruction“. Die dort geführten Debatten reichen weit über die Konferenz hinaus. Denn eine Frage ist entscheidend für Europas Handlungsfähigkeit im 21. Jahrhundert: die digitale Souveränität. Sie ist längst keine technische oder wirtschaftliche Randnotiz mehr, sondern eine strategische Kernfrage für Sicherheit, Wohlstand und politische Selbstbestimmung.

Über 80 Prozent der in Europa eingesetzten digitalen Technologien stammen heute nicht aus der Europäischen Union. In einer geopolitischen Realität, in der technologische Überlegenheit gezielt als Machtinstrument genutzt wird, ist diese Abhängigkeit kein theoretisches Szenario. Sie stellt ein konkretes sicherheitspolitisches Risiko dar.

Wer über hybride Bedrohungen, die Widerstandsfähigkeit kritischer Infrastrukturen oder militärische Einsatzfähigkeit spricht, muss zwangsläufig auch Daten, Cloud-Plattformen und Künstliche Intelligenz einbeziehen. Die nächste Krise wird nicht ausschließlich auf dem Gefechtsfeld entschieden. Sie entscheidet sich in Rechenzentren, in Algorithmen, in der Art der technologischen Anwendung – und vor allem in der Frage, wer im Ernstfall Zugriff, Kontrolle und Entscheidungsgewalt über digitale Systeme besitzt.

Digitale Souveränität wird dabei häufig missverstanden. Sie bedeutet weder vollständige Autarkie noch einen Rückzug hinter digitale Grenzen. Souveränität heißt, weltweit führende Technologien einsetzen zu können, ohne die Kontrolle über Daten, Prozesse und Entscheidungen aufzugeben. Sie steht für Wahlfreiheit statt Abhängigkeit, für Alternativen statt Lock-in und für europäisches Recht statt fremder Jurisdiktion.

Der globale Wettbewerb, dem wir heute ausgesetzt sind, erfordert den Einsatz modernster Technologien – allerdings in einem souveränen Rahmen. Innovation und Souveränität schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Sie bedingen einander.

Gerade im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz gewinnt dieser Anspruch besondere Bedeutung. KI-Systeme greifen tief in Geschäftsmodelle, Lieferketten und Entscheidungsprozesse ein und verarbeiten hochsensible Unternehmens-, Personen- und sicherheitsrelevante Daten. Ohne eine souveräne Cloud-Plattform wird KI zu einer strategischen Schwachstelle.

Als größtes europäisches Technologieunternehmen verfolgt SAP deshalb einen klaren Ansatz: Offenheit gegenüber globalen Innovationen, verbunden mit Kontrolle, höchsten Sicherheitsstandards, Transparenz und starken Partnerschaften in Europa.

Souveränität ist dabei kein Hemmnis für Innovation, sondern die Voraussetzung für resiliente Technologien, die unabhängig von geopolitischen Einflussfaktoren funktionieren.

Das bedeutet konkret:
Datensouveränität – Kontrolle über Speicherung, Nutzung und Verarbeitung von Daten.

Betrieb und Wartung – im jeweiligen Land ansässiges, sicherheitsüberprüftes Personal unter nationaler Kontrolle.

Technologische Kontrolle – Transparenz und Steuerbarkeit der eingesetzten Technologien.

Rechtliche Souveränität – Daten unterliegen deutschem und europäischem Recht; der US Cloud Act darf keine Anwendung finden, sodass kein Zugriff durch US-Behörden möglich ist.

Gleichzeitig ist klar: Kein Unternehmen kann diese Herausforderungen allein bewältigen. Es braucht starke Partnerschaften, um die Kräfte in Europa zu bündeln.

Europa darf sich nicht abschotten, sondern muss dort ansetzen, wo seine strukturellen Stärken liegen: in der industriellen KI, in der Verbindung von Software, Ingenieurskompetenz und Industriedaten.

Angewandte KI muss tief in Geschäftsprozesse integriert werden, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Digitale Souveränität wird damit zur Grundlage wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit. Souveränität ist ein sicherheitspolitischer Imperativ.

Digitale Unabhängigkeit entsteht nicht allein durch Regulierung, sondern durch Investitionen, industrielle Kooperationen und strategische Entscheidungen.

Das Ziel ist eindeutig: Durch den souveränen Einsatz angewandter KI müssen wir die Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit in Deutschland und Europa sichern. Die Technologie ist vorhanden. Jetzt gilt es, vom Reden ins Handeln zu kommen. Handeln statt Hadern. Die Münchner Sicherheitskonferenz sollte hierfür ein Wendepunkt sein. Denn digitale Souveränität ist kein Annex der Sicherheitsstrategie – sie ist ihr Fundament.

Autor: Thomas Saueressig ist Mitglied des Vorstands von SAP.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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