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Im Fadenkreuz globaler Machtinteressen: Wie sichern wir deutsche Spitzen-Forschung?

von Svenja Schulze

Eine dicke, graue Rauchwolke über Darmstadt ließ vor wenigen Wochen das Schlimmste erahnen: Ein Feuer wütete am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung. Als internationales Spitzeninstitut liefert das GSI mit seinem Teilchenbeschleuniger Durchbrüche in der Kern- und Astrophysik und Medizin. Wo sonst Forschende Ionen nahezu auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen, stand der Betrieb plötzlich still.

Zwar blieben die Mitarbeitenden glücklicherweise unverletzt, doch die deutsche Wissenschaft hat heftigen Schaden genommen. Denn auf dem Gelände wird derzeit das internationale Großprojekt FAIR gebaut: ein neuer Teilchenbeschleuniger mit einem Investitionsvolumen in Milliardenhöhe. Ende des Jahres sollte ein erster Testlauf auf der neuen Anlage stattfinden. Daraus wird nun erst mal nichts.

Wo Timing entscheidend ist für globale Spitzenpositionen, ist der wohl durch einen Kurzschluss entstandene Brand mehr als nur ein Unglück. Er ist uns eine schmerzhafte Mahnung, wie vulnerabel unsere Forschungsinfrastruktur ist. Wenn schon ein technischer Defekt ein Prestigeprojekt um Monate zurückwirft, offenbart das eine gefährliche Flanke und wirft die Frage auf: Wie gut ist unsere Spitzenforschung vor gezielten Angriffen von außen geschützt?

Ob mit Einbrüchen, Sabotageakten oder Cyberattacken: Die Liste derer, die der deutschen Wissenschaft schaden wollen, ist lang und reicht von der organisierten Kriminalität bis hin zu ausländischen Geheimdiensten. Aktuelle Fälle zeigen, wie real die Bedrohung ist – gerade im Bereich Cyberkriminalität. So enttarnten Sicherheitsbehörden 2024 ein deutsches Spionagetrio. Die drei hatten über eine Tarnfirma Kooperationen mit Spitzenuniversitäten initiiert, um Know-how nach China abzuführen. In einem anderen Fall stahlen Hacker 2025 bei einem Cyberangriff auf die Universität der Bundeswehr München hochsensible Daten und strategische Kursinhalte. Die Universität gilt als sicherheitspolitische Schlüsselinstitution, Experten vermuten deshalb hinter dieser Attacke staatliche Akteure.

Auch der jüngste Verfassungsschutzbericht betont die gestiegene Gefahr durch Spionage und Sabotage, die sich insbesondere gegen kritische Infrastrukturen und forschungsintensive Hochtechnologie-Standorte richtet.

All das macht zweierlei ganz klar. Erstens: Forschung steht längst im Fadenkreuz globaler Machtinteressen. Wir müssen sie deshalb endlich als strategischen Sicherheitsfaktor begreifen. Das muss auch den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern jederzeit bewusst sein.

Zweitens: Wir stehen in Deutschland vor einem Dilemma. Wir sind auf internationale Forschungskooperationen und die exzellentesten Köpfe der Welt angewiesen, setzen uns damit aber dem Risiko der Ausspähung aus. Das gilt insbesondere für Dual-Use-Technologien.

Wissenschaft und Sicherheitsbehörden ringen schon länger darum, wie sehr man zum Zwecke der Sicherheit in die Wissenschaftsfreiheit eingreifen darf. Es ist ein echter Fortschritt, dass Bund, Länder und Wissenschaftsorganisationen nun gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden die „Nationale Plattform für Forschungssicherheit“ ins Leben gerufen haben. Für die SPD-Bundestagsfraktion war dabei insbesondere wichtig, dass eine Beratungsstelle in der Praxis hilft, Risiken zu minimieren. Sie unterstützt Forschende bei Auslandsreisen ebenso wie Institute bei der Einstellung internationaler Talente. Das Parlament hat dafür in einem ersten Schritt rund 12 Millionen Euro bewilligt und stärkt so die Forschungssicherheit.

Die Gründung der Nationalen Plattform für Forschungssicherheit ist ein überfälliger Schritt, kann aber nur der Anfang sein. Wir brauchen in Deutschland einen verbindlichen Orientierungsrahmen, der klar definiert, welche Forschungsbereiche sicherheitsrelevant sind. Das noch junge Gremium sollte diesen Rahmen schaffen und dabei wissenschaftliche Entwicklungen ebenso berücksichtigen wie geopolitische Veränderungen. Denn nur, wenn klar ist, was geschützt werden soll, kann entschieden werden: wie soll das konkret geschehen?

Denkbar wäre etwa, die Vergabe von Fördergeldern für solche besonders zu schützende Forschung an die Einhaltung von Sicherheitsstandards zu knüpfen. Denn staatliche Investitionen dürfen nicht den technologischen Vorsprung unserer globalen Konkurrenz finanzieren. Wer staatliches Geld für Forschung erhält, muss auch Verantwortung für deren Schutz übernehmen.

Autorin: Svenja Schulze ist Mitglied des Deutschen Bundestages (SPD) und im Haushaltsausschuss zuständig für Wissenschaft und Forschung.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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