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Geschwindigkeit zulassen, Fragmentierung überwinden: Warum sich Sicherheitsstrategie neu erfinden muss

von Balázs Nagy

Ukraine, Venezuela, Taiwan, Naher Osten – wir leben in einer Welt, in der es keine isolierten Krisenräume mehr gibt. An die Stelle regional begrenzter und überschaubarer (bewaffneter) Konflikte tritt ein neues strategisches Kontinuum: eine Welt, in der Konflikte sowohl regional gebunden als auch global vernetzt sind. Für Sicherheitsstrategen bedeutet das einen fundamentalen Bruch mit allem, was seit dem Ende des Mauerfalls 1989 militärisch und geopolitisch als gesetzt galt. Keine klaren Linien, keine Grenzen. Alles und jeder ist auf die eine oder andere Weise betroffen oder involviert.

Aus Sicht eines deutschen Unternehmens, das Systeme für den Schutz kritischer Infrastruktur und die Abwehr unbemannter Flugobjekte entwickelt, lässt sich diese Veränderung klar benennen: Wir erleben die Industrialisierung von Konfliktfähigkeit – und damit eine Rückkehr von Masse, Geschwindigkeit und technologischer Anpassungsfähigkeit als entscheidende Faktoren. Das macht schwere und teure Waffensysteme sowie die Rüstungsindustrie keineswegs überflüssig, aber es zwingt zu neuen Priorisierungen. Was lange als industrielles Randgebiet galt, ist heute eines der dynamischsten Innovationsfelder und Wirtschaftstreiber Deutschlands.

Vom Plattformkrieg zum Systemkrieg

Der Krieg in der Ukraine zeigt uns, wie bewaffnete Konflikte in der Zukunft geführt werden. Nicht einzelne Hochwertplattformen sind kriegsentscheidend, sondern intelligente, KI-gesteuerte, vernetzte und skalierbare Systeme. Drohnen sind zentraler Bestandteil des modernen Gefechtsfeldes und markieren in der neuen Kriegsführung einen Paradigmenwechsel: Sie sind günstig, schnell und massenhaft produzierbar und in der Lage, die Überlegenheit klassischer schwerer Waffensysteme zu egalisieren. Europa reagiert darauf bereits mit einer stärkeren Fokussierung auf Drohnen- und Abwehrsysteme sowie deren industrielle Skalierung. Die eigentliche Wirkung entsteht jedoch erst im Zusammenspiel von Sensorik, Software und industrieller Fertigung.

Leitlinien künftiger Sicherheitsstrategie

In einer Welt, in der Konflikte zunehmend global vernetzt sind, Technologien schnell veralten und klassische Grenzen verschwimmen, müssen Sicherheitsstrategien neu gedacht werden:

Erstens: Technologische Souveränität. Abhängigkeiten, ob bei Software, Halbleitern oder Energie, sind strategische Verwundbarkeiten. Wer seine Systeme nicht selbst versteht und produziert, kann sie im Ernstfall nicht verlässlich einsetzen.

Zweitens: Resilienz statt Effizienz. Die Logik global optimierter Lieferketten wird durch die Logik robuster Versorgung ersetzt. Redundanz ist heute fester Bestandteil einer funktionierenden Sicherheitsarchitektur.

Drittens: Geschwindigkeit als strategische Kategorie. Innovationszyklen entscheiden über operative Vorteile. Was heute entwickelt wird, ist morgen bereits überholt, das zeigt der Krieg in der Ukraine in gnadenloser Klarheit. Sicherheits- und Verteidigungsstrategie muss daher als permanenter Anpassungs- und Innovationsprozess gedacht werden, in dem die Entwicklungszyklen sich nicht in Jahren, sondern in Wochen bemessen.

Viertens: Zivil-militärische Integration. Die Grenzen verschwimmen. Kritische Infrastruktur, Industrie und Verteidigung sind Teile eines gemeinsamen Sicherheitsraumes. Gerade hier entstehen neue Aufgaben: etwa der Schutz von Liegenschaften vor hybriden Bedrohungen, in denen Drohnen, Cyberangriffe und Informationsoperationen ineinandergreifen.

Abschreckung neu gedacht

Klassische Abschreckung basierte auf Eskalationsdominanz und wenigen, hochwirksamen Systemen. Die neue Abschreckung basiert auf Kostenasymmetrie und Durchhaltefähigkeit. Wer in der Lage ist, Bedrohungen in großer Zahl zu neutralisieren und eigene Fähigkeiten schnell zu regenerieren, erzeugt Abschreckung.

Das heißt: Nicht die teuerste Technologie gewinnt, sondern diejenige, die skalierbar, vernetzt und schnell adaptierbar ist. Programme zur massenhaften Beschaffung kostengünstiger Systeme sind daher Ausdruck einer neuen strategischen Logik. Das schafft eine Form von Stärke, die auf Schutz ausgelegt ist, nicht auf Eskalation.

Die Rolle von Industrie und Innovation

Industrie ist wieder ein sicherheitspolitischer Akteur. Produktionskapazitäten, Entwicklungszyklen und technologische Tiefe entscheiden über strategische Handlungsfähigkeit. Innovation entsteht dabei nicht mehr nur in klassischen Rüstungsunternehmen, sondern im Zusammenspiel mit Start-ups, Softwarefirmen und zivilen Technologien.

Europa hat hier eine Chance, aber nur, wenn es Geschwindigkeit zulässt und Fragmentierung überwindet. Bestehende Initiativen zur gemeinsamen Entwicklung und Standardisierung sind erste Schritte, müssen jedoch deutlich ambitionierter werden.

Neue Machtzentren und Bündnisse

Die USA bleiben zentraler Sicherheitsgarant, verschieben ihren Fokus jedoch zunehmend und stellen gewachsene und bewährte Bündnisse wie die Nato infrage. China agiert systemisch und langfristig. Regionale Akteure gewinnen an eigenständigem Gewicht. Gleichzeitig entstehen neue Kooperationsformate jenseits klassischer Bündnisse.

Für Europa bedeutet das: Bündnisse bleiben essenziell, aber strategische Autonomie und Wehrhaftigkeit werden zu Voraussetzungen für glaubwürdige Partnerschaft, internationalen Respekt und Abschreckung.

Fazit

Die neue Sicherheitsordnung ist multipolar, technologiegetrieben und industriell geprägt. Abschreckung entsteht nicht mehr allein durch militärische Stärke, sondern durch die Fähigkeit, Systeme zu entwickeln, zu produzieren, zu vernetzen und im Konfliktfall schnell anzupassen.

Autor: Balázs Nagy ist CEO & Co-Founder von Tytan Technologies.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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