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Eine Welt im Umbruch wartet nicht auf Perfektion

von Bastian Ernst

Angesichts der Bedrohung durch Russland müssen wir unsere Bundeswehr möglichst schnell besser ausstatten. Dafür brauchen wir eine beschleunigte Beschaffung und Zulassung bis hin zur Nutzung der neuen Rüstungsgüter. Das ist keine neue Erkenntnis mehr. Aber eine höhere Priorität für Geschwindigkeit bedeutet im Umkehrschluss auch, dass man bei anderen Punkten Abstriche machen muss: Geschwindigkeit vor Perfektionismus. Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Diese Erkenntnis setzt sich allerdings sehr viel langsamer durch.

Ein sehr gutes Beispiel dafür ist das Beschaffungsprojekt der Fregatte 126. Sie steht mustergültig für die „Goldrandlösung“, wie man die perfektionistischen Rüstungsbeschaffungen in Friedenszeiten gerne bezeichnet. Dabei nimmt man sich einfach die nötige Zeit für aufwändige Entwicklungsvorhaben, um schließlich ein Rüstungsgut zu bekommen, das alle erdenklichen Anforderungen erfüllt, die man einmal vor langer Zeit formuliert hatte und die inzwischen wieder teilweise obsolet sind.

Die Planungen für die Fregatte 126 haben bereits im Jahr 2009 begonnen, damals noch unter der Bezeichnung „Mehrzweckkampfschiff 180“. Das Mehrzweckkampfschiff sollte durch Missionsmodule möglichst flexibel sein, aber damals hatte man hauptsächlich Auslandseinsätze im Blick, wie beispielsweise den Schutz der zivilen Schifffahrt vor somalischen Piraten. Im Jahr 2015 fiel dann die Entscheidung zur Ausschreibung der Beschaffung von vier solchen Mehrzweckkampfschiffen. Die Anforderungen wurden seitdem weiter angepasst und 2020 wurde dem Bundestag schließlich ein Vertrag zur Beschaffung von vier Schiffen vorgelegt, wobei zwei Missionsmodule „Gewahrsam“ – also z. B. zur Inhaftierung von Piraten – und zwei Missionsmodule „U-Boot-Jagd“ bestellt wurden. Hauptauftragnehmerin war die niederländische Werft Damen, die sich in einer europaweiten Ausschreibung durchgesetzt hatte. Es waren aber zahlreiche deutsche Unterauftragnehmer vorgesehen, so dass ca. 70 Prozent der Wertschöpfung in Deutschland erfolgen sollten.

Der russische Angriffskrieg und die „Zeitenwende“ von 2022 hatten auf das Beschaffungsprojekt zunächst nur die Auswirkung, dass die Zahl der bestellten Schiffe 2024 von vier auf sechs erhöht wurde. Das hatte auch damit zu tun, dass gemäß den Nato-Fähigkeitszielen, die dann 2025 beschlossen wurden, Deutschland ab dem Jahr 2028 die durchgehende Verfügbarkeit von vier Fregatten zur U-Boot-Jagd sicherzustellen hat. Da passte es einigermaßen in die Pläne, dass die erste F126 mit U-Boot-Jagd-Fähigkeit im Jahr 2028 ausgeliefert werden sollte.

Im Februar 2025 wurde ich in den Bundestag gewählt, wurde im Mai Mitglied des Verteidigungsausschusses und übernahm im Juni die Berichterstattung für die Deutsche Marine. Noch vor der Sommerpause 2025 tauchte die Fregatte 126 auf meinem Radar auf und mir war schnell klar, dass es sich dabei um das größte Sorgenkind in meinem Berichterstatterbereich handelt. Es gab erhebliche Verzögerungen und Meilensteine des Vertrags wurden nicht erreicht. Der Hauptauftragnehmer Damen kämpfte mit massiven Problemen bei einer neuen Konstruktionssoftware und so sind Konstruktionszeichnungen nur mit erheblicher Verzögerung bei den Unterauftragnehmern angekommen. Man schätzte damals mit vier Jahren Verzögerung. Aus dem Liefertermin 2028 würde also ein Liefertermin 2032 werden und selbst das erschien noch optimistisch.

Im Juli 2025 hatte ich mich erstmalig beim Verteidigungsministerium danach erkundigt, wie man auf die Verzögerungen und die drohende Nato-Fähigkeitslücke bei der U-Boot-Jagd reagieren will. Angesichts der Massivität der Probleme hatte mich die Ruhe und Gelassenheit im Ministerium etwas überrascht: Bis Ende des Jahres 2025 wollte man dem Bundestag eine Vertragsanpassung vorlegen. Dabei war absehbar, dass diese Vertragsanpassung nur das spätere Lieferdatum und die Fähigkeitslücke verschriftlichen würden. Daher werbe ich seitdem für schnell verfügbare Schiffe als Zwischenlösung. Um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen, haben wir als Bundestag einen sogenannten Sperrvermerk in die Haushaltstitel für die Fregatte 126 geschrieben. Für diese haushalterischen Maßnahmen stehe ich seitdem in engem Austausch mit meinem Kollegen Andreas Mattfeldt im Haushaltsausschuss.

Nachdem dann klar wurde, dass uns auch bis Ende 2025 kein neuer Plan für die F126 und die Fähigkeiten zur U-Boot-Jagd vorgelegt wird, haben wir uns als Bundestag für den nächsten Schritt entschieden: Wir haben einen neuen Titel „Beschaffung Fregatte 126 – Alternative Plattform“ in den Haushalt 2026 geschrieben. Und mit einem Maßgabebeschluss im Dezember 2025 haben wir das Verteidigungsministerium aufgefordert, dass belastbare Vorverträge für die Beschaffung von Fregatten auf Basis von Alternativ-Plattformen abgeschlossen werden. Das ist ein wohl beispielloser Vorgang und setzt neue Maßstäbe im Verhältnis zwischen Bundestag und Bundesregierung bei der Rüstungsbeschaffung. Normalerweise legt die Regierung dem Bundestag Beschaffungsvorlagen zur Genehmigung vor. Hier hat aber der Bundestag der Bundesregierung gesagt, dass sie eine alternative Beschaffung starten soll.

Obwohl die Probleme und Verzögerungen bei der Fregatte 126 schon seit längerem bekannt sind, war doch erheblicher Druck aus dem Bundestag notwendig, um ein alternatives, schnelleres Fregattenprojekt anzustoßen. Dieses Beispiel zeigt auch, dass die parlamentarische Befassung bei Rüstungsprojekten nicht nur zu Verzögerungen führen kann, wie oftmals behauptet wird, sondern auch zur Beschleunigung. Deshalb ist die Fregatte 126 und ihre Alternative MEKO A-200 vermutlich ein Beschaffungsprojekt, aus dem man auch Lehren für die Beschleunigung der Rüstungsbeschaffung insgesamt ziehen kann.

Die Maßgabe aus dem Bundestag wurde nun im Februar 2026 mit dem Vorvertrag für die MEKO A-200 endlich erfüllt. Und im März soll die Laufzeit des Vorvertrags von Ende März auf Ende Juni verlängert werden. Damit soll sichergestellt werden, dass das erste Schiff bis Ende 2029 geliefert werden kann – ein Lieferdatum, das wir mit der Fregatte F126 höchstwahrscheinlich nicht mehr erreichen können. Die MEKO A-200 ist mit 4.000 t ein kleineres Schiff als die F126 mit ihren 10.000 t und von ihren Funktionen her auch etwas eingeschränkt. Beispielsweise kann auf der MEKO A-200 nur ein Hubschrauber landen, auf der F126 wäre Platz für zwei Hubschrauber. Aber hier ist Geschwindigkeit wichtiger als Perfektionismus.

Das ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt, unsere Marine möglichst schnell mit den Schiffen auszustatten, die sie dringend für die Verteidigung gegen russische U-Boote benötigt. Und es ist ein Beispiel dafür, wie der Wechsel von der perfektionistischen Goldrandlösung hin zu schnellen Lösungen von der Stange aussehen kann.

Autor: Bastian Ernst ist Mitglied des Deutschen Bundestages (CDU/CSU) und Obmann im Unterausschuss Rüstungs- und Proliferationskontrolle, Nichtverbreitung und internationale Abrüstung zudem trägt er im Verteidigungsausschuss die inhaltliche Verantwortung für alle Belange der Deutschen Marine.

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