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„Die Mittelmächte müssen zusammenarbeiten. Sitzen wir nicht am Tisch, landen wir auf der Speisekarte“.

von Astrid Irrgang

Die Rede von Premierminister Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos wurde mit Standing Ovations aufgenommen und sie wird von vielen Medien schon jetzt als historisch gefeiert. Nicht nur wegen ihres Inhaltes, sondern auch wegen des Zeitpunkts, zu dem sie gehalten wurde.

„Wir wissen, dass die alte Ordnung nicht zurückkommen wird. Wir sollten ihr nicht nachtrauern. Nostalgie ist keine Strategie, aber wir glauben, dass wir aus dieser Zäsur etwas Größeres, Besseres, Stärkeres und Gerechteres aufbauen können. Das ist die Aufgabe der Mittelmächte, der Länder, die in einer Welt der Festungen am meisten zu verlieren und durch echte Zusammenarbeit am meisten zu gewinnen haben“.

Darin liegt ein Weckruf, besonders an Deutschland. Unser Wohlstand hängt an Exporten. Wir sind zu klein für eine globale Führungsrolle. Aber stark genug, um Einfluss zu nehmen.

Eine Doktrin, die neue Handelsabkommen und kostspielige Verteidigungszusammenarbeit bedeuten wird, braucht demokratische Akzeptanz. Doch nur 21% der unlängst befragten Deutschen stimmen der Frage zu, dass es richtig ist, mehr international beizutragen, wenn andere Länder sich zurückziehen. In Kanada wie in Europa sind Lebenshaltungskosten und Arbeitslosigkeit hoch, die öffentlichen Dienste überlastet und Wähler stehen geopolitischen Verpflichtungen, die elitär und abgehoben erscheinen, zunehmend skeptisch gegenüber.

Fragen ließe sich: Wenn Berlin seine Einwohner nicht einmal „vom Eis befreien“ kann – wie will Deutschland dann ernsthaft in Zukunft ein Sicherheitsversprechen einhalten oder Raumfahrttechnologie prägen? Doch Zynismus ist die Antwort der Mutlosen. Oder – schlimmer – eine Form der Bequemlichkeit.

Welche Beispiele können uns konkret leiten für einen „wertorientierten Realismus“ und die „variable Geometrie“, die der ehemalige Zentralbankchef Carney einfordert?

Ein ermutigendes Beispiel wäre das NATO Climate Change & Security Centre of Excellence in Montreal. Es wurde im Oktober 2023 mit Kanada als "framework nation" und einem deutschen Diplomaten als stellvertretendem Direktor offiziell eröffnet. Dort sind die von Carney erwähnten Konzepte nicht Abstraktionen, sondern gelebte Wirklichkeiten. ZIF beteiligt sich im Auftrag des Auswärtigen Amtes mit einem sekundierten Kollegen im Bereich Education und Training.

Die Klimaprobleme, an deren Lösung das Centre arbeitet, eröffnen Kooperationsfenster jenseits geopolitischer Frontlinien. Fragen wie Wasserknappheit, Extremwetter, Ernährungssicherheit oder klimabedingte Migration werden zunehmend als sicherheitsrelevant anerkannt – auch von Akteuren, die tagespolitisch ansonsten weit auseinanderliegen. In der Praxis entstehen dadurch konkrete Koalitionen, z.B. zur Verbesserung von Frühwarnsystemen, zur Resilienz kritischer Infrastruktur oder zur Katastrophenvorsorge, die technik- und risikoorientiert angelegt sind und politische Blockaden erfolgreich vermeiden oder bewusst umgehen.

Auch regionale Formate lassen sich als ein solcher „dritter Weg“ verstehen, zu dem Carney inspiriert. Besonders in vulnerablen Regionen zeigt sich, dass mittlere und kleinere Staaten klimainduzierte Sicherheitsfragen nutzen, um eigenständige Kooperationsräume zu schaffen. Regionale Dialogformate zu Klima- und Sicherheitsrisiken – etwa rund um Wasser, Küsten oder fragile Ökosysteme – funktionieren pragmatischer als globale Foren und stärken kollektive Handlungsfähigkeit.

Besonders wichtig ist die Rolle von Übersetzungs- und Schnittstellenarbeit: Akteure aus Klima-, Entwicklungs-, humanitären und sicherheitsnahen Kontexten arbeiten zunehmend zusammen, ohne ihre jeweiligen programmatischen Mandate dabei aufzugeben. Diese Kooperationen sind oft weniger sichtbar als klassische Diplomatie, eröffnen aber reale Handlungsspielräume – gerade dort, wo geopolitische Rivalitäten formale Prozesse blockieren.

Nichtstaatliche Akteure wirken dabei als Enabler: Thinktanks, Versicherer oder auch Städte und Kommunen haben eine wachsende Bedeutung bei der Übersetzung von Klimawissenschaft in anschlussfähige Strategien. Sie fungieren als Vermittler, wo Positionen politisch verhärtet sind, und ermöglichen informelle Koalitionen mit realem Wirkungspotenzial.

Eine besondere Rolle spielen Forschungsinstitutionen. Herausragende Forschung, insbesondere auch Klimaforschung, ist immer international; hier fungieren unsere hiesigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stets auch als Botschafter:innen unserer Demokratie und der in Artikel 5, Grundgesetz, fixierten Wissenschaftsfreiheit. Dies ist ein besonderes Kapital und ein „Ass im Ärmel“ für langfristige, verlässliche Partnerschaften.

Die sogenannten A3, also die African Union Mitglieder im UN-Sicherheitsrat (derzeit Demokratische Republik Kongo, Somalia und Liberia) und ihre zu beobachtende Kohärenz im Auftritt sind ein anderes, spannendes Beispiel. Die zunehmend wichtige Rolle der A3 illustriert variable Geometrie, weil die Wirkung nicht aus fixer Blockbildung entsteht, sondern aus fall- und themenbezogener Koalitionsbildung. Für Deutschland ist dies im Hinblick auf die Sicherheitsratskandidatur relevant, weil sich hier Anknüpfungspunkte für eine E10-Rolle (dies sind die 10 gewählten Mitglieder des Sicherheitsrates) jenseits klassischer Lagerlogiken eröffnen, insbesondere im Bereich der Friedenseinsätze.

Das ZIF und sein Auslandspersonal sammelt derzeit Erfahrungen und Ansatzpunkte aus den aktuell über 50 Einsatzorten in aller Welt, um internationales Krisenmanagement anschlussfähig zu machen für diese Vision. Unsere Ideen diskutieren wir auch auf der Münchener Sicherheitskonferenz.

Nebenbei befreien wir am Ludwigkirchplatz eigenhändig den Gehweg von Eis und Schnee. Wer nicht selbst anpackt, riskiert einen Gips!

Autorin: Dr. Astrid Irrgang ist Geschäftsführerin des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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