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Treat first what kills first: Gesundheitssicherheit ist Abschreckung - Be prepared!

von Janosch Dahmen

In der Nacht auf den 24. Januar 2026 startet Russland– im Vorfeld neuerlicher sogenannter „Friedensgespräche“ in Abu Dhabi – erneut eine, besonders brutale Angriffswelle mittels Drohnen und Raketen auf Zivilisten in der Ukraine. Die kombinierten Angriffe mit Raketen des Typs X-22/32, Iskander-M, X-69, Zirkon und hunderten von Drohnen galten wieder insbesondere der kritischen Infrastruktur, um die Menschen in Kyjiw, Sumy, Dnipro und Saporischschja bei den seit Wochen andauernden Temperaturen von minus 15 Grad und kälter zu zermürben. Wieder traf es nicht nur „irgendwelche“ Infrastruktur, sondern konkret auch das Gesundheitswesen: In Charkiw etwa wurden nach Angaben ukrainischer Stellen medizinische Einrichtungen, Krankenhäuser einschließlich einer Geburtsklinik, getroffen. Und wieder gab es über gezielte Zweitschläge nicht nur eine Hetzjagd auf Rettungsdienste und Feuerwehren sondern Tote und Verletzte ausgerechnet bei den Bevölkerungsschutzkräften die anderen zur Lebensrettung geeilt waren. Putins barbarisches Signal: Versorgung ist unser Ziel. Nicht als „Kollateralschaden“, sondern als Teil einer Strategie, die zuvorderst die Zivilbevölkerung, Staatlichkeit delegitimieren und Durchhaltefähigkeit zermürben sollen.

Als Teil von hybrider Kriegsführung sind auch deutsche Gesundheitseinrichtungen längst Zielscheibe dieser Angriffe - in keinem anderen Bereich der kritischen Infrastruktur wurden im zurückliegenden Jahr etwa so viele sicherheitsrelevante IT-Störungen gemeldet wie im Gesundheitswesen. Erschreckend langsam reagiert das Innenministerium unter Dobrindt angesichts realen Bedrohung: Sabotage und Hackerangriffe auf deutsche Krankenhäuser, oft mit Verbindungen nach Russland, haben zugenommen und gefährden wiederkehrend längst die Patientenversorgung.

Wer über die Sicherheitsstrategie der Zukunft spricht, darf deshalb notwendigerweise nicht nur über Luftabwehr, Drohnen und Munitionsvorräte reden. Wir müssen über OPSiebe, Blutkonserven, Rettungslogistik, Notstrom- und IT-Resilienz sprechen. Denn wir sehen in Europa gerade in Echtzeit, wie perfide die Kriegsführung der Gegenwart das Gesundheitswesen, Rettungskräfte und Sanitätsdienst in die Frontlinie zieht.

Die Fakten sind eindeutig. Die WHO verifiziert seit Beginn der russischen Vollinvasion Angriffe auf medizinische Einrichtungen, Rettungskräfte und Sanitätsdienst in der Ukraine und bezeichnet bereits 2023 die Zahl als die höchste, die sie je in einer humanitären Krise dokumentiert hat. Inzwischen gab es laut WHO Tausende solcher dokumentierten Angriffe auf Patientinnen und Patienten, medizinisches Personal und den Zivilschutz. Die WHO zeigt zudem: Die Schwere nimmt zu – 2024/2025 stiegen Todesfälle und Verletzungen durch Angriffe auf das Gesundheitssystem deutlich an. Angriffe auf geschützte zivile Infrastruktur, darunter medizinische Einrichtungen, gehören zur perfiden Logik systematischer Kriegsführung der Gegenwart.

Völkerrechtlich ist die Lage eindeutig: medizinische Einrichtungen genießen besonderen Schutz und dürfen nicht Objekt von Angriffen sein. Die UN-Menschenrechtsbeobachter in der Ukraine betonen das ausdrücklich und dokumentieren wiederholt Angriffe auf medizinische Einrichtungen. Wenn Russland diesen Schutz systematisch missachtet, ist die Schlussfolgerung für Sicherheitspolitik zwingend: Gesundheitsschutz ist nicht „nice to have“, sondern ein Teil von Abschreckung und Gesamtverteidigungsfähigkeit.

Das Prinzip dahinter ist so brutal wie erschütternd: Wer Krankenhäuser, Ambulanzen, Rettungsdienst und Sanitätskräfte trifft, erzeugt in kürzester Zeit Überlastung. Er bindet Personal, zerstört Vertrauen, verschiebt Prioritäten, zwingt zum Improvisieren. Diese Logik wirkt nicht nur im Krieg. Sie gilt auch bei großflächigen Cyberangriffen, hybrider Kriegsführung, Sabotage, Blackouts oder Pandemiewellen. Die Frage ist nicht, ob es Belastung gibt – sondern ob wir Strukturen haben, die auch unter Belastung noch funktionieren und leistungsfähig aufwachsen können.

Wer die Folgen des menschenfeindlichen Vorgehens Putins nun zwar bedauert, aber letztlich das als ein Problem der Ukraine sieht, irrt: Deutschland darf sich nicht in der Illusion wiegen, das sei ein Problem „Anderer“. Sicherheitsstrategie beginnt nicht am Tag der Krise, sondern Jahre davor. Wenn die Ukraine fällt und damit europäische Abschreckung erodiert, steigt das Risiko, dass Druck und Aggression weiter nach Westen getragen werden. Das ist keine Panikmache, sondern der Kern jeder glaubwürdigen Sicherheitsstrategie: Szenarien ernst nehmen und Vorsorge treffen, bevor sie Realität werden. Deutschland hat bis 2029 - dem Jahr, wo laut Bundeswehr Generalinspekteur Breuer Russland in der Lage sein könnte, die NATO anzugreifen - noch 35 Monate. Das ist nicht viel, wir müssen diese Zeit jetzt nutzen.

  • Wir brauchen eine Rechtsarchitektur, die Vorsorge und Handlungsfähigkeit in Krieg, Krise und Katastrophe systematisch (gemeinsam) sicherstellt: ein Gesundheits (vorsorge- und) Sicherstellungsgesetz mit transparenten Auslösermechanismen klaren Zuständigkeiten und rechtsstaatlich bestimmten Befugnissen.

  • Wir brauchen ein belastbares Lagebild Gesundheit – standardisierte, pseudonymisierte Versorgungskapazitäts- und Störungsdaten, interoperabel, mit analogem Fallback. Ohne Lagebild gibt es, wenn es drauf ankommt, weder Führung noch Steuerung – nur „Thoughts and Prayers“.

  • Wir müssen Versorgung als Netzwerk organisieren: verbindliche Patientenverteilung, Drehscheibenstandorte, Transportlogistik – regelmäßig geübt bis in jede kleine Gesundheitseinrichtung hinein.

  • Es braucht eine Nationale Reserve Gesundheitsschutz, nicht als symbolisches, zentrales Lager, sondern als dezentrales, rollierendes System der Regelversorgung: Arzneimittel, Medizinprodukte, Energie- und IT-Reserven und die Möglichkeit, Mindestbevorratung in kritischen Sektoren rechtssicher anzuordnen.

  • IT-Sicherheit ist Versorgungssicherheit. Krankenhäuser und Arztpraxen, Rettungsdienste und Apotheken gehören wie andere kritische Infrastrukturen (KRITIS) auf ein durchgängig überprüfbares Sicherheitsniveau.

  • Es braucht einen systematischen Überblick, Regeln zur Inanspruchnahme und Steuerung aller Personalressourcen im Gesundheitswesen. Dabei fehlt es uns, anders als angenommen für spontane Belastungsspitzen nicht an qualifizierten Köpfen, sondern allein bei Hochfahren des bereits voll ausgebildeten Gesundheitspersonals auf 100% Arbeitszeit würden nach Berechnungen der RhönStiftung daraus 278.000 zusätzliche Vollkräfte (+32% Personalaufwuchskapazitäten) rekrutiert werden können.

Typische Einwände gegen Vorsorge beim gesundheitlichen Bevölkerungsschutz liegen auf dem Tisch: Das koste zu viel, das sei zu bürokratisch, das greife in Länderzuständigkeiten ein. Aber die Alternative - das sollten wir nicht erst seit der Pandemie alle wissen - ist viel teurer: ungeordnete Ausfälle, chaotische Verteilung, verspätete Entscheidungen und am Ende unzählige vermeidbare Opfer. Föderalismus ist kein Gegenargument. Er ist eine Organisationsform für den Regelfall, die im Ernstfall aber absehbar einheitliches Vorgehen, gemeinsame Standards und klare Rollenverteilung braucht.

Als Unfallchirurg und Notfallmediziner, der in der Ukraine, im Libanon und anderen Krisenregionen gearbeitet hat, sage ich: Sicherheit ist nicht nur die Fähigkeit zu kämpfen. Sicherheit ist auch die Fähigkeit, medizinisch zu versorgen – unter Druck, über Zeit, verlässlich und wiederkehrend. Wer das Gesundheitswesen nicht als Teil der Sicherheitsstrategie plant, plant die Schwäche gleich mit. Als Gesundheits- und Sicherheitspolitiker sage ich: Ein Staat, der Versorgung nicht sichern kann, verliert in Krise und Krieg seine Handlungsfreiheit, Durchhaltevermögen und damit einen Kern seiner Abschreckung. Vorsorge hingegen läuft nicht additiv der Regelversorgung entgegen oder zusätzlich an ihr vorbei, sondern auch im Alltag brauchen wir erkennbar resilientere Strukturen und mehr Steuerung, deswegen muss Vorsorge integriert und aus dem Gesundheitswesen heraus angelegt werden.

Autor: Janosch Dahmen ist Mitglied im Deutschen Bundestag (Bündnis 90/Die Grünen).

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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