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Für eine Architektur der Abschreckung: Mut zur industriellen Realpolitik

von Michael Schöllhorn

Europa blickt auf ein Paradoxon: Rekordbudgets für Verteidigung treffen auf einen industriellen Hochlauf, der mit der existenziellen Bedrohungslage nicht ausreichend Schritt hält. Dem steht eine russische Kriegswirtschaft gegenüber, die kaufkraftbereinigt allein 2024 effektiv rund 462 Milliarden US-Dollar investierte – mehr als ganz Europa. Bis zu zehn Prozent des russischen BIP fließen in die Rüstung, während unser Handeln noch in einem veralteten Betriebssystem wurzelt.

Drei Jahrzehnte Friedensdividende machten kaufmännische Effizienz, Budgetstreckung und Risikovermeidung zur Priorität. Die Folge: künstlich verlangsamte und überspezifizierte Programme sowie politischer Proporz statt militärischer oder industrieller Notwendigkeit. In einer Konfliktökonomie erweist sich dieses System als riskant. Eine eklatante Innovationslücke verschärft die Lage: Während die USA und Israel massiv in künftige Überlegenheit investieren, fließt Europas Kapital aktuell noch vorrangig in Bestandssysteme, um akute Ausstattungsdefizite zu schließen. Dabei ist es töricht, nun nur noch günstige Massenprodukte oder „Drohnen“ zu fordern, denn hochüberlegene Systeme werden weiter an den richtigen Stellen gebraucht, wie uns aktuelle militärische Operationen regelmäßig aufzeigen. Dies schließt bis auf weiteres bemannte Systeme ein, wie US-Simulationen anhand einer vierfachen Überlegenheit des sogenannten manned-unmanned Teaming gegenüber rein automatisierten Systemen zeigen. Die derzeit kolportierten Verkürzungen von manchen Defence-Tech-Playern, dass sich auf dem modernen Gefechtsfeld nur noch unbemannte Systeme gegenüberstehen, wären, wenn so umgesetzt, operativ hochriskant und sind in der Radikalität wohl vor allem der Sorge um Aufträge geschuldet.

Die Lehren aus der Ukraine bei der Abwehr der russischen Aggression und der israelischen Operation „Rising Lion“ im Iran sind eindeutig: Überlegenheit entsteht durch die Geschwindigkeit von Innovationszyklen und durch die Kombination von Masse und Klasse sowie der Kombination von bemannten und unbemannten Systemen.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel hin zum „Spiral Development“: Eine einsatzbereite 80-Prozent-Lösung heute mit Aufwuchspotenzial ist wertvoller als ein perfektes System in zehn Jahren. Gleichzeitig muss man den Anspruch in die Zukunft immer weiterstecken. Unser Beschaffungswesen und unsere industrielle Logik muss agile Entwicklungszyklen ermöglichen, die mit der Dynamik des Gefechtsfeldes Schritt halten. Das neue Innovationszentrum der Bundeswehr in Erding kann hier Wegweiser werden.

Europäische Widerstandsfähigkeit ergibt sich aus dem Gleichgewicht vierer Kräfte:

  1. Der Streitkräfte, die durch strategische Ambition und Voraussicht die Voraussetzungen für Überlegenheit im Bündnis definieren, um Konflikte möglichst schnell und zu unseren Gunsten zu entscheiden.

  2. Dem Staat, der durch verlässliche Finanzierung, eine langfristige Planung, eine auf Spitzenbedarfe ausgelegte Kapazitätsplanung und einen Fokus auf europäische Forschungs- und Entwicklungsprojekte Planungssicherheit und Nachproduktionsfähigkeit schafft.

  3. Der Industrie, die innovative Spitzenleistungen und Kapazitäten inklusive sogenannter „surge capacity“ zur schnellen Zusatzbedarfsdeckung bereitstellt. Ihre Ausrichtung, Fokussierung und Defragmentierung ist eine strategische und langfristige Aufgabe des Staates – keine rein marktwirtschaftliche Variable nach Fiskaljahren oder Legislaturperioden.

  4. Der Gesellschaft, die sich vom Netto-Sicherheitsverbraucher zum Netto-Sicherheitsproduzenten entwickeln muss – und die Notwendigkeit von Wehr- oder Zivildienst endlich mitträgt.

Souveränität lässt sich nicht allein durch Finanzzusagen erkaufen; sie manifestiert sich in der industriellen Lieferfähigkeit. In den Jahren nach Beginn des Ukraine-Krieges flossen jedoch 78 Prozent der europäischen Verteidigungsausgaben an Anbieter außerhalb der EU. Dabei ist jeder Euro in die heimische Industrie ein Invest in Sicherheit und Wohlstand: Er generiert laut aktueller Studien des IfW Kiel unter Moritz Schularick einen fiskalischen Multiplikator von bis zu 1,6, je nach Innovationsgrad der Ausgaben.

Echte Resilienz und Überlegenheit erfordert zudem ein starkes europäisches Profil im Weltraum. Wenn die USA auch nach den letzten Steigerungen der Budgets in Europa immer noch zehnmal mehr investieren und jährlich über 150 Raketenstarts absolvieren, während Europa einstellig weiter plant, bleibt Autonomie ein bloßer Wunsch. Entscheidungshoheit für die Domänen Land, See und Luft bedingt außerdem eigene resiliente Kommunikation, Aufklärung und Raketenabwehr aus dem All. Wir brauchen angesichts der aktuellen Fragmentierung einen europäischen Space-Champion, um gegen globale Giganten, nicht nur aus den USA, im Wettbewerb zu bleiben und gleichzeitig den Raum für ein europäisches Ökosystem von Unternehmen verschiedener Größen und Beiträge nachzuziehen.

Während dies auch Ziele beim Future Combat Air System (FCAS) waren, fehlt hier im Gegensatz zur geplanten Konsolidierung im Weltraumbereich die notwendige Verschränkung der industriellen Interessen. Ein (in vielen Teilen nachvollziehbares) französisches Selbstverständnis, das nationale militärische und Industrie-Interessen als prioritär setzt, das die berechtigten Interessen der Partner Deutschland und Spanien als nachrangig sieht, wurde als politisches Wunschprojekt geboren ohne eben diese grundsätzliche industrielle Klärung. Wir brauchen hier schleunigst Klarheit, sonst gefährden wir langfristig die technologische Relevanz Europas und verlieren bereits kurzfristig unsere in Deutschland eher mittelständischen Zulieferer in diesem kritischen Bereich.

Die militärische und industrielle Realität gebietet einen Kurswechsel hin zu einer Zwei-Fighter-Lösung und der Combat Cloud als Zentrum eines neuen gemeinsamen FCAS, auch in Verbindung zum britisch-italienisch-japanischen Projekt GCAP. Diese Cloud ist das digitale Bindeglied für alle Plattformen – von Bestandsflotten wie dem Eurofighter, der Rafale und der F-35 bis hin zu bemannten und autonomen Systemen der 6. Generation. Dieser pragmatische und gleichzeitig ambitionierte Ansatz priorisiert industrielle Geschwindigkeit und sichert Europas technologische Unabhängigkeit – mit positiven Abstrahleffekten auf zivile Bereiche.

Wir warten nicht – wir handeln. Airbus entwickelt den Eurofighter konsequent softwareorientiert weiter und investiert massiv in die digitale Überlegenheit auf dem Gefechtsfeld. Was wir jetzt brauchen, ist industrielle Planungssicherheit für unser FCAS. Die Truppe ist „ready to fight tonight“. Wir sind bereit, im Ernstfall zu bestehen. Europa muss industriell denselben Takt finden.

Autor: Dr. Michael Schöllhorn ist CEO von Airbus Defence and Space.

Russland - Venezuela - Taiwan - Grönland: Diese Stichworte reichen, um deutlich zu machen, dass sich die Entscheidungsgrundlagen für alle Sicherheitsstrategen fundamental ändern. Was sind die Leitlinien für eine künftige Sicherheitsstrategie? Worauf müssen wir uns geopolitisch einstellen? Und welche Rolle spielen Innovation, Industrie, Resilienz und Bündnisse dabei?

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