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Brauchen wir ein CERN für KI?

von Bernhard Schölkopf

Europa hat angekündigt, endlich ernsthaft in Sicherheit, Unabhängigkeit und technologische Souveränität zu investieren: eine Chance für Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Innovationskraft. Nach den Versäumnissen der Vergangenheit möchte man rufen: die letzte Chance.

Künstliche Intelligenz (KI) spielt dabei eine Schlüsselrolle: Erfolgreich ist, wer in der KI führend ist - und führend ist, wer international die besten Talente anzieht. Deutschland kann ein Magnet für diese Talente werden, so wie es die USA in den vergangenen Dekaden waren – oder aber zusehen, wie die nächste Generation bahnbrechender Ideen anderswo entsteht. Deutschland muss für KI-Forschung und Umsetzung herausragende Bedingungen schaffen: Grundlagenforschung ohne Startup-Ökosysteme bildet Talente für andere aus; Ökosystemen ohne exzellente Grundlagenforschung fehlt es an technischer Tiefe - in einem dynamischen Feld, das immer noch am Anfang seiner Entwicklung steht.

Diese Logik wurde jahrelang vom Silicon Valley vorgelebt, und von der Schweiz, Israel und England nachgeahmt. Sogar Frankreich ist uns in der internationalen Wahrnehmung inzwischen enteilt – mit beträchtlichen Investitionen und internationaler Sichtbarkeit wie beim Pariser AI Action Summit.

Wie zieht man Talent an? Es klingt so einfach, und doch scheitert die Umsetzung oft an den Mechanismen. André Weil brachte es einst auf den Punkt: Erstklassige stellen Erstklassige ein, aber Zweitklassige stellen Drittklassige ein. In Zeiten hoher Mobilität möchte man ergänzen: Erstklassige steuern keinen Ort an, wo sie von Zweitklassigen evaluiert werden - dann gehen sie lieber ins Silicon Valley.

In der europäischen KI hat sich seit 2018 eine Graswurzelbewegung etabliert, lange unterhalb des Radars der öffentlichen Politik und Forschungsförderung. Sie basiert auf einer erstklassigen Auswahl durch Forschende aus dem Ausland, frei von Interessenskonflikten. Das European Laboratory for Learning and Intelligent Systems (ELLIS) gilt inzwischen als Europas führendes KI-Forschungsnetzwerk. Es umfasst alle führenden Institutionen in Europa, darunter Cambridge, Oxford, London, Paris, ETH Zürich, EPF Lausanne, Amsterdam, sowie zehn Standorte in Deutschland. Alle Standorte wurden kompetitiv ausgewählt; weitere (auch in Deutschland) stehen in den Startlöchern. Seit seiner Gründung hat ELLIS in allen EU-Ausschreibungen für KI-Netzwerke die höchste Evaluierung erhalten. In der Community besteht kein Zweifel: ELLIS repräsentiert die KI-Spitzenforschung in Europa und zieht junge Talente aus aller Welt an.

Für die deutsche Politik bietet sich nun die Chance, ein klares Bekenntnis zur Exzellenz abzugeben und eine europäische Renaissance in und mit KI einzuleiten. Für die deutschen ELLIS Standorte gehören hierzu:

1. Ein zwischenstaatlicher Verbund von ELLIS-Instituten - nach dem Vorbild von CERN (Physik) und EMBL (Molekularbiologie) - gemeinsam mit unseren europäischen Partnern (inkl. UK, Schweiz, und Israel).

2. CERN hat Teilchenbeschleuniger, EMBL Geräte zur Strukturaufklärung und Sequenzierung, ELLIS braucht Rechencluster. Diese müssen nicht vor Ort stehen - die wenigsten OpenAI-Angestellten haben je das Gebäude betreten, in dem GPT-4 trainiert wurde. Die Forschungsstandorte und deren Verknüpfung aber sind wesentlich, denn der Weg von der Forschung zur Ausgründung ist nirgends so kurz wie in der KI. Jeder ELLIS-Institutsstandort wird Kern eines Ökosystems, und wir brauchen eine Reihe solcher Standorte alleine in Deutschland.

3. Etablierung eines internationalen Talentprogramms in Form von International ELLIS Fellowships, um herausragende internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu gewinnen, insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in den USA.

4. Finanzierung und Ausbau des pan-europäischen ELLIS PhD-Programms, mit zuletzt 4000 internationalen Bewerbungen: es soll zum weltweit führenden Promotionsprogramm für KI werden.

5. Schaffung eines Anschlussprogramms in Form von Tenure-track ELLIS Fellowships, in dem die besten Absolventinnen und Absolventen direkt auf Tenure-track-Stellen an europäischen Universitäten und Forschungsinstituten übernommen werden.

6. Schaffung förderlicher rechtlicher und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen für KI-Anwendung und Startups. Dazu gehören Rechtssicherheit, eine praxisnahe Umsetzung des AI Acts, finanzielle Anreize, und Investmentfonds.

Europa steht an einem Wendepunkt. Angesichts geopolitischer Unsicherheiten und rasanter technologischer Umbrüche muss es seine Zukunft aktiv gestalten. Investitionen in Sicherheit und Unabhängigkeit sind dabei nicht nur strategisch notwendig – sie sind ein Gebot der Resilienz, der Modernisierung und der Verantwortung für kommende Generationen. Denn “wer nicht am Tisch sitzt, landet am Ende auf der Speisekarte.”

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Autoren:

Bernhard Schölkopf, Max Planck Institut & ELLIS Institut Tübingen

Daniel Cremers, TU München

Frank Hutter, Uni Freiburg & ELLIS Institut Tübingen

Klaus-Robert Müller, TU Berlin

Markus Reichstein, Max Planck Institut Jena

Oliver Stegle, EMBL & DKFZ Heidelberg

Ingo Steinwart, Uni Stuttgart

Fabian Theis, Helmholtz & TU München

Ralf Herbrich, HPI Potsdam

Stefan Roth, TU Darmstadt

Bernt Schiele, Max Planck Institut Saarbrücken

Dieser Text ist eine Kurzversion der Empfehlungen zur Sicherung technologischer Führung, strategischer Autonomie und Resilienz in der KI-Forschung und -Anwendung des European Laboratory for Learning and Intelligent Systems (ELLIS)

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