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Vertrauen ist die Voraussetzung – nicht das Ergebnis Warum eine starke Zivilgesellschaft mehr braucht als Anerkennung

von Dominik Krzysztofek

Was hält eine offene und demokratische Gesellschaft zusammen, wenn sie unter Druck gerät? Eine theoretische Frage, die in den letzten Jahren sehr konkret geworden ist. Sie stellte sich ganz konkret – in Kommunen, Nachbarschaften, Vereinen, Initiativen. Und sie wurde beantwortet. Nicht durch ein einzelnes politisches Instrument, sondern durch Millionen Menschen, die Verantwortung übernommen haben.

Deutschland ist ein Land mit einer außergewöhnlich starken Zivilgesellschaft. Rund 29 Millionen Menschen engagieren sich ehrenamtlich. Sie organisieren Sportangebote für Kinder, unterstützen ältere Menschen, helfen Geflüchteten beim Ankommen, halten Nachbarschaften zusammen, schützen Natur und Umwelt, entwickeln neue Ideen für gesellschaftliche Herausforderungen. Dieses Engagement ist kein Zusatz zur Demokratie. Es ist Teil ihres Fundaments.

Gerade in Krisenzeiten wurde diese Stärke sichtbar. Während der Corona-Pandemie entstanden in kürzester Zeit Nachbarschaftshilfen, Einkaufsdienste, digitale Unterstützungsangebote und soziale Netzwerke – getragen von Menschen, die oft selbst unter großer Belastung standen. Auch bei Extremwetterereignissen, in der Unterstützung einsamer oder pflegebedürftiger Menschen und im Alltag sozialer Infrastruktur zeigt sich, wie unverzichtbar ehrenamtliches Engagement ist. Doch auch jenseits akuter Krisen funktioniert gesellschaftlicher Zusammenhalt vor allem dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen – verlässlich, lokal und oft fernab öffentlicher Aufmerksamkeit.

Diese Realität verbindet viele Beiträge dieses Forums: Engagement schafft Vertrauen, Selbstwirksamkeit und Resilienz. Es wirkt lokal – und zugleich gesamtgesellschaftlich. Es ist demokratische Praxis, nicht demokratische Theorie.

Vertrauen ist keine naive Haltung

Und doch erleben wir eine paradoxe Entwicklung. Während die Bedeutung von Engagement wächst, wird der Blick auf die Zivilgesellschaft skeptischer. Debatten über Gemeinnützigkeit, politische Neutralität oder Förderwürdigkeit werden zunehmend polarisiert geführt. Engagement gerät unter Generalverdacht – nicht wegen konkreter Missstände, sondern aus einem diffusen Misstrauen heraus.

Dabei ist Vertrauen keine naive Haltung. Vertrauen ist eine bewusste Entscheidung, Verantwortung zu ermöglichen. Eine Demokratie, die ihrer Zivilgesellschaft misstraut, schwächt sich selbst. Denn Engagement lebt davon, dass Menschen Handlungsspielräume haben, Ideen ausprobieren dürfen und nicht permanent unter Rechtfertigungsdruck stehen.

Natürlich gilt: Wo Menschen handeln, passieren Fehler. Projekte scheitern, Ansätze müssen korrigiert werden. Aber eine lernende Gesellschaft entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch die Fähigkeit, aus Fehlern Erkenntnisse zu gewinnen. Vertrauen ist die Voraussetzung dafür – nicht das Ergebnis perfekter Abläufe.

Engagement braucht ein verlässliches Umfeld

Viele Autorinnen und Autoren im Forum weisen zu Recht darauf hin: Anerkennung allein reicht nicht mehr aus. Engagement braucht verlässliche Rahmenbedingungen. Dazu gehören weniger Bürokratie, klare Zuständigkeiten, bessere digitale Infrastruktur und Schutz vor Anfeindungen – insbesondere im digitalen Raum, der für viele Engagierte längst zum Belastungsraum geworden ist.

Aber es geht um mehr als Entlastung. Es geht um ein „Enabling Environment“ für Zivilgesellschaft: faire öffentliche Debatten, differenzierte Betrachtung statt Pauschalurteile und eine Förderlogik, die auf Wirkung vertraut statt Misstrauen zu organisieren.

Gerade hier liegt ein entscheidender Hebel. Zivilgesellschaftliche Organisationen verfügen über tiefes Wissen ihrer Regionen, Zielgruppen und Themen. Diese Expertise lässt sich nicht durch starre Vorgaben ersetzen. Sie entfaltet ihre Wirkung dort am besten, wo Förderer und Politik Verantwortung teilen – nicht kontrollieren.

Von Projekten zu Perspektiven

Wenn wir ehrlich sind, ist ein Großteil der Frustration im Engagementsystem strukturell bedingt: zu kurze Förderzeiträume, zu enge Zweckbindungen, zu viel Zeit für Anträge und Nachweise, zu wenig Raum für Weiterentwicklung in der Umsetzung. Das kostet Energie – und am Ende Wirkung.

Dabei wissen wir längst: Nachhaltige Lösungen entstehen selten linear. Sie brauchen Flexibilität, Lernphasen und manchmal Kurskorrekturen. Wer Engagement stärken will, muss diese Realität anerkennen – und entsprechende Spielräume eröffnen.

Hier beginnt ein ernstgemeinter erster Schritt weg von bürokratischen Hürden und hin zu mehr Vertrauen. Nicht als Schlagwort, sondern als Haltung: weniger Absicherung nach unten, mehr Ermöglichung nach vorn.

Zivilgesellschaft als Spiegel – und als Zukunftslabor

Zivilgesellschaft ist kein homogener Block. Sie ist so vielfältig wie unsere Gesellschaft selbst. Unterschiedliche Perspektiven, Interessen und Formen des Engagements gehören dazu. Genau darin liegt ihre Stärke. Sie hält uns nah an gesellschaftlichen Stimmungen, macht Spannungen sichtbar und schafft Brücken, wo andere Strukturen oft zu weit entfernt sind.

Wer über die Zukunft von Engagement spricht, sollte deshalb nicht nur über Programme reden, sondern über Vertrauen als politische Ressource. Über die Frage, wie wir Menschen ermutigen, Verantwortung zu übernehmen – auch dann, wenn Ergebnisse nicht sofort messbar sind.

Am Ende geht es um eine einfache, aber folgenreiche Entscheidung: Wollen wir eine Gesellschaft, die Engagement verwaltet – oder eine, die ihm vertraut?

Vertrauen heißt nicht, auf Regeln zu verzichten. Vertrauen heißt, Menschen Gestaltungsspielräume zu eröffnen und ihnen die strukturellen Bedingungen an die Seite zu stellen, die verantwortliches Handeln möglich machen. Wenn wir das ernst nehmen, gewinnen wir mehr als funktionierende Projekte. Wir stärken das, was unsere Demokratie im Innersten zusammenhält.

Autor: Dominik Krzysztofek ist Geschäftsführer der Deutschen Postcode Lotterie.

Wie kann bürgerschaftliches Engagement als tragende Säule unserer Demokratie nachhaltig gestärkt werden? Welche Rahmenbedingungen braucht das Ehrenamt, um in einer Zeit multipler Krisen und wachsender Anforderungen wirksam zu bleiben?

Unser Partner: Die Deutsche Postcode Lotterie ist eine staatlich lizensierte Soziallotterie. Sie unterstützen Projekte zum Natur- und Umweltschutz und zur Förderungen von sozialem Zusammenhalt und Chancengleichheit.

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