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Die Stärke der liberalen Demokratie liegt im Ehrenamt

von Otto Fricke

Bürgerschaftliches Engagement ist keine Randnotiz, sondern eine tragende Infrastruktur unserer Demokratie. Es entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen – im Sportverein, im Kulturfest, im Naturschutz, im Förderverein der Schule oder im Wahlvorstand der Kommune. Doch Engagement ist kein Selbstläufer. Demokratiestärkend wird es erst, wenn es sich stets an unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung orientiert: an der Würde jedes Menschen, an gleichen Rechten, an Offenheit, Respekt und der Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Gerade deshalb dürfen wir uns nichts vormachen: Engagement hat einen hohen Eigenwert, ist aber nicht automatisch „gelebte Demokratie“. Wo Vereine unterwandert werden, wo Menschen ausgegrenzt oder demokratische Grundwerte verächtlich gemacht werden, zeigt sich die „dunkle Seite“ unserer Gesellschaft und sie muss benannt und begrenzt werden, um unser Gemeinwesen zu erhalten und zu stärken.

In Zeiten multipler Krisen sind stabile Orte der Begegnung unverzichtbar. Vereine schaffen solche Räume, in denen Demokratie „trainiert“ wird: Regeln akzeptieren, Konflikte fair austragen, Mehrheiten respektieren, Minderheiten schützen. Der organisierte Sport steht exemplarisch dafür: Mit fast 30 Millionen Mitgliedschaften in über 86.000 Sportvereinen ist er nicht nur die größte Bürgerbewegung in Deutschland, sondern auch ein Resonanzraum gesellschaftlicher Einstellungen – Ort der Begegnung und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Wie kann bürgerschaftliches Engagement als Säule der Demokratie nachhaltig gestärkt werden?

Erstens durch Verlässlichkeit: Demokratiearbeit braucht stabile Strukturen statt Projektitis. Wer Integration, Extremismusprävention oder Jugendbeteiligung fördern will, muss langfristig planen, Verstetigung ermöglichen und zugleich die Autonomie der Zivilgesellschaft und damit auch des Sports respektieren.

Zweitens durch Werte- und Rechtssicherheit: Vereine brauchen gute Governance, Beratung und Schutzkonzepte, damit „Haltung zeigen“ nicht zur Überforderung wird, sondern zur Normalität.

Drittens durch Bündnisse: Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Medien und Zivilgesellschaft müssen sich als Verbündete verstehen. Wer Demokratie vor Ort stärkt, stärkt die Republik insgesamt.

Aus Perspektive des organisierten Sports bedeutet das, sich kontinuierlich kritisch mit den Praktiken und gelebten Werten auseinanderzusetzen. Demokratie im Sportverein ist nicht nur die formale Ordnung, sondern eine Haltung, die (täglich) gelebt und verteidigt werden muss. Um dies rechtssicher machen zu können, werden Sportvereine von den Dachverbänden des organisierten Sports mit Praxismaterial und Beratungsangeboten begleitet, denn auch ihre Unabhängigkeit ist demokratisch zu achten.

Welche Rahmenbedingungen braucht das Ehrenamt darüber hinaus, um in Krisenzeiten wirksam zu bleiben? Vor allem Entlastung. Die Realität ist deutlich: 17,5 % der Sportvereine sehen die Bindung und Gewinnung ehrenamtlicher Funktionsträger als existenzielle Bedrohung.

Wenn Engagierte mehr Zeit mit Formularen als mit Menschen verbringen, verlieren wir nicht nur Helfende – wir verlieren demokratische Lernorte. Deshalb braucht es vereinfachte Förderverfahren und digitales Zuwendungsmanagement, klare Zuständigkeiten, Rechtssicherheit im Gemeinnützigkeits- und Steuerrecht sowie praktikable Haftungsbegrenzungen. Ebenso gehören regelmäßig angepasste Pauschalen und Freibeträge, erleichterte Kooperationen, ein pragmatisches Sozialabgabenrecht (Herrenberg-Urteil) und bessere Rahmenbedingungen für Spenden und Investitionen dazu.

Genauso zentral sind Qualifizierung und Anerkennung. Ausbildung bindet, reduziert Unsicherheit und schützt vor Überlastung – gerade dort, wo ehrenamtliche Vorstände, Trainer*innen oder Schiedsrichter*innen Verantwortung für andere übernehmen. Ergänzend braucht es eine Anerkennungskultur, die Zeit organisiert: Freistellungsmodelle mit Arbeitgebern, kommunale Servicestellen und digitale Werkzeuge, die Engagement leichter machen, statt es zu verkomplizieren.

Am Ende ist es eine Frage gesellschaftlicher und politischer Priorität: Wenn wir wollen, dass die offene Gesellschaft widerstandsfähig bleibt, müssen wir Engagement wie kritische Infrastruktur behandeln – verlässlich finanziert, rechtlich abgesichert, von unnötiger Bürokratie befreit und gesellschaftlich anerkannt. Denn bei uns, in der „sportlichen“ Zivilgesellschaft, liegt die Stärke der liberalen Demokratie.

Autor: Otto Fricke ist seit September 2025 Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Wie kann bürgerschaftliches Engagement als tragende Säule unserer Demokratie nachhaltig gestärkt werden? Welche Rahmenbedingungen braucht das Ehrenamt, um in einer Zeit multipler Krisen und wachsender Anforderungen wirksam zu bleiben?

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