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Magnetisch angezogen und beständig engagiert – das Ehrenamt in der Caritas

Eva Maria Welskop-Deffaa

In Deutschland sind mehr als 25 Millionen Menschen freiwillig engagiert – in verschiedensten Formen und Aufgabenfeldern. Umgangssprachlich hält sich für all dieses Engagement der Begriff „Ehrenamt“, auch wenn meist weder Ehre noch Amt mit dem verbunden sind, um was es geht – gerade im sozialen Bereich. Besuchsdienste für einsame alte Menschen, Lernpatenschaften für Kinder aus einkommensarmen Familien oder die Begleitung Geflüchteter zu Behörden – es sind Empathie und Verantwortungsbereitschaft, die das soziale Engagement auszeichnen.

Soziale Engagements liegen stabil auf Platz zwei der vom Freiwilligensurvey erhobenen Engagement-Skala, direkt hinter dem Sport. Drei Millionen Ehrenamtliche zählen die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege, deren Arbeitsbereiche sich über das ganze Spektrum sozialer Dienste erstrecken – von der Kleiderstube bis zur Bahnhofsmission, von der Schuldnerberatung bis zur Suchtambulanz; etwa 500.000 Ehrenamtliche sind es in den Strukturen und für die Aufgaben des Deutschen Caritasverbandes.

Insgesamt geben 54 Prozent der Engagierten an, ihre freiwillige Arbeit im Rahmen eines Vereins oder Verbandes auszuüben. Dieser Rahmen liefert zentrale Voraussetzungen, die ein nachhaltig wirksames Engagement erleichtern. Noch stärker als in anderen Bereichen ist im Bereich der sozialen Arbeit der organisatorische Rahmen Erfolgsgarant beständigen freiwilligen Engagements. Offenkundig brauchen vulnerable Gruppen verlässliche Unterstützung, ebenso setzen Ehrenamtliche bei dieser Unterstützung auf die Verfügbarkeit beruflich getragener Strukturen, die sie weder ersetzen können noch wollen.

Wichtig für die Zugänglichkeit und die Attraktivität des freiwilligen Engagements ist die engagementfreundliche Kultur der Einrichtung. Wer bereit ist, regelmäßig eine ältere Person beim Spaziergang zu begleiten, wird nicht eine Wildfremde im Park ansprechen, sondern bei sozialen Einrichtungen im Sozialraum anklopfen. Solange diese für die Organisation des freiwilligen Engagements sowie für Begleitung und Integration der Ehrenamtlichen freie Kapazitäten haben, entsteht eine Win-win-Situation für die zu betreuenden Klient:innen ebenso wie für die Ehrenamtler:innen.

70 Prozent der freiwillig Engagierten geben an, ihr Engagement in den nächsten zwölf Monaten in unveränderter Form fortsetzen zu wollen – freiwillig Engagierte zeigen eine ausgeprägte Beständigkeit. Diese ist im sozialen Bereich von großer Bedeutung für die Qualität der Leistung ebenso wie für die Zufriedenheit der Engagierten: Die Beziehung in einer Lesepatenschaft wächst mit der Zahl der gemeinsam gelesenen Bücher.

Sobald die beruflich Engagierten in den Einrichtungen der Sozialdienste durch Personalengpässe, finanzielle Anspannungen, behördliche Vorgaben oder andere Belastungsfaktoren an den Rand der eigenen Leistungsfähigkeit kommen und die Führungskräfte für eine Kultur der CoProduktion keine Kapazitäten haben, wird das Erfolgsmodell freier Wohlfahrtspflege einem Stresstest unterzogen.

Gelingendes Zusammenwirken beruflich und freiwillig Engagierter ist kein Selbstläufer, es will immer wieder neu gestaltet werden. Und es vollzieht sich im sozialen Bereich unter ganz besonderen Bedingungen. Von den zivilgesellschaftlichen Organisationen, die nicht ausschließlich mit freiwillig Engagierten arbeiten, verfügen nur 5% über mehr als 100 Beschäftigte, den „Normalfall“ stellen also Organisationen dar, die weniger als 10 Beschäftigte haben. Die Art der Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt ist aber vollständig anders gelagert, wenn die Organisation, um die es geht – z.B. eine Altenhilfeeinrichtung –, zuvörderst auf beruflich Beschäftigte setzt und die Ehrenamtlichen zahlenmäßig und in Bezug auf den Leistungskern eher am Wahrnehmungsrand liegen. Von außen (und von innen) kann die Bedeutung des Ehrenamts für die Gesamtleistung leicht unterschätzt werden.

Koproduktion im Magnetfeld sozialer Einrichtungen und Träger fördert nachhaltig freiwilliges Engagement. Die Wahrnehmung und Wertschätzung der sozialen Einrichtungen als Strukturen gelingenden Engagements verdienen neue Aufmerksamkeit, gerade in Zeiten multipler Krisen, die ohne dieses Engagement kaum bewältigt werden können.

Über den Deutschen Caritasverband
Der Deutsche Caritasverband ist der katholische Mitgliedsverband der Bundesarbeitsgemeinschaft Freier Wohlfahrtpflege und vertritt als Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege 740.000 Beschäftigte und etwa 500.000 freiwillig Engagierte, die in rund 25.000 Einrichtungen und Diensten in allen Feldern der sozialen Arbeit aktiv sind. Er ist über 125 Jahre alt und neben der nationalen Wohlfahrtspflege über sein Hilfswerk Caritas international auch in der Humanitären Hilfe weltweit engagiert.

Autorin: Eva Maria Welskop-Deffaa ist seit 2021 Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes.

Wie kann bürgerschaftliches Engagement als tragende Säule unserer Demokratie nachhaltig gestärkt werden? Welche Rahmenbedingungen braucht das Ehrenamt, um in einer Zeit multipler Krisen und wachsender Anforderungen wirksam zu bleiben?

Unser Partner: Die Deutsche Postcode Lotterie ist eine staatlich lizensierte Soziallotterie. Sie unterstützen Projekte zum Natur- und Umweltschutz und zur Förderungen von sozialem Zusammenhalt und Chancengleichheit.

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