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Von der Krise zur Wirkungsbrücke: Wie Biodiversität zur ökonomischen Basis wird

von Martin R. Stuchtey

Das Wesentlichkeitsparadox der Biodiversität

Nirgendwo wird die auto-referentielle Verkürzung der Wirtschaft so sichtbar wie im Umgang mit der Biodiversität. In den meisten Unternehmensanalysen gilt sie als „nicht wesentlich“. Was fehlt, sind harte Kennzahlen, klare Kausalitäten, verlässliche Preise. Doch was die Ökonomie als nebensächlich einstuft, ist in Wahrheit ihr Fundament. Böden ohne Ertrag, Flüsse zu Abflussrinnen degradiert, Wälder ohne Resilienz – eine Welt ohne genetisches Gedächtnis – das sind keine Naturphänomene, das sind Bilanzen, die implodieren. Dieses Auseinanderfallen zwischen ökologischer Realität und ökonomischer Wahrnehmung lässt sich als Wesentlichkeitsparadox beschreiben: Was für das Leben auf der Erde wesentlich ist, gilt in den Bilanzen als nebensächlich.

Ein Risiko – zu groß, um es zu messen, zu spät, um es zu korrigieren.

Die Finanztheorie kennt dafür ein Konzept: die Knight’sche Ungewissheit. Frank Knight unterschied zwischen Risiko – berechenbar – und Ungewissheit, die sich weder messen noch bepreisen lässt. In diese Kategorie fällt der Verlust biologischer Vielfalt. Niemand weiß, wann ein Ökosystem kippt oder wann eine Art verschwindet. Solange nichts geschieht, wirkt die Gefahr abstrakt; tritt sie ein, ist es zu spät. Ein Biodiversitätsschock wäre kein ökologischer Risikofaktor, sondern ein ökonomischer Kipppunkt – nicht reversibel, nicht versicherbar, systemisch.

Die Wirkungsbrücke statt Systemkonflikt

Angesichts der Irreversibilität ökologischer Verluste scheint der Ruf nach dem Staat plausibel: Wenn der Markt versagt, soll die Regierung die Natur retten. Doch kein Staat kann den Zustand aller Ökosysteme steuern oder bezahlen, und selbst globale Regulierung bliebe reaktiv, solange sie die Ursachen nicht in die ökonomischen Mechanismen selbst einbettet. Die Alternative liegt nicht zwischen Markt und Verbot, sondern in einer neuen logischen Kategorie: Wirkung als messbare Größe. Um Biodiversität zu schützen, muss ihr Wert in die Sprache der Wirtschaft übersetzt werden – ohne ihn zu verfälschen. Dafür braucht es eine Wirkungsbrücke: eine durch wissenschaftliche Indikatoren gestützte Verbindung zwischen ökologischem Zustand und ökonomischem Ergebnis. Sie beginnt beim Zustand der Natur, führt über ihre Funktionen – Wasserfiltration, Bodenfruchtbarkeit, Bestäubung, Klimapufferung – und endet beim Wert, den diese Leistungen erzeugen: geringere Kosten, stabilere Erträge, niedrigere Risiken, höhere Kreditwürdigkeit.

Die Wirkungsbrücke – fünf Stufen vom Zustand bis zum Preis

Die Wirkungsbrücke hat fünf Stufen – vom biophysikalischen Zustand der Natur bis zu ihrem finanziellen Preis. Sie übersetzt ökologische Realität in ökonomische Sprache, ohne deren Bedeutung zu verkürzen.

1. Zustand: Der Zustand beschreibt die biophysikalische Bestandsgröße eines Ökosystems. Mit Satelliten, Bodendaten und KI lässt sich seine ökologische Integrität heute hochauflösend erfassen. Der Ecosystem Integrity Index (EII), entwickelt vom UNEP World Conservation Monitoring Centre und auf dem Biodiversity Intactness Index (BII) des Natural History Museum London basierend, kann mit modernen Methoden auf jeden Hektar der Erde angewendet werden. Er liefert damit das Fundament für die Zustandserfassung, wie sie auch das System of Environmental-Economic Accounting (SEEA) vorsieht.

2. Funktion: Aus dem Zustand leiten sich die ökosystemaren Funktionen ab – die Leistungen, die ein intaktes System erbringt: Wasserreinigung, Bodenfruchtbarkeit, Kohlenstoffbindung, Bestäubung. Die EU-Methodik Mapping and Assessment of Ecosystems and their Services (MAES) beschreibt diese Zusammenhänge systematisch und schafft die Verbindung zwischen biophysikalischen Indikatoren und konkreten Ökosystemleistungen. Empirisch gilt: Je höher die biologische Vielfalt, desto stabiler und produktiver das System.

3. Wert: Die Summe dieser Funktionswerte ergibt den Integrity Value (IV) – die ökonomische Bewertung ökologischer Leistungsfähigkeit. Er übersetzt Robert Costanzas bahnbrechende Methode zur monetären Bewertung von Ökosystemleistungen in eine skalierbare, hektargenaue Systematik, die sich auf jede Landschaft anwenden lässt. Der IV quantifiziert den naturbasierten Nutzen einer Fläche, multipliziert mit Integrität, Dauerhaftigkeit und Nutzenintensität. So wird ökologische Qualität zu einer bewertbaren Kapitalgröße.

4. Wirkung: Die Wirkung entsteht dort, wo Funktionswerte in wirtschaftliche Abhängigkeiten übersetzt werden. Hier setzt die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) an: Sie hilft, die Naturabhängigkeiten von Unternehmen und Investoren sichtbar zu machen. Über Nature Risk Premium (NRP)-Modelle werden ökologische Risiken finanziell fassbar – wer auf stabile Naturleistungen baut, profitiert; wer sie übernutzt, trägt höhere Volatilität.

5. Preis: Schließlich wird der Wirkungswert schrittweise in Umwelt- und Finanzmärkten realisiert – durch Bilanzierung, Kreditkonditionen, Versicherungsprämien oder naturbezogene Finanzinstrumente. Je stärker Regulierungen wie TNFD-Berichterstattung oder nachhaltige Bilanzierungsstandards greifen, desto direkter fließt ökologische Stabilität in die Preisbildung ein – und Natur erhält den wirtschaftlichen Stellenwert, der ihrer tatsächlichen Bedeutung entspricht.

Biodiversität als Vermögensbasis

Das Wesentlichkeitsparadox lässt sich nicht mit Symbolpolitik oder Zusatzberichten lösen. Entweder gelingt es, die biologische Vielfalt in die Grammatik des Ökonomischen zu übersetzen, oder die Wirtschaft verliert den Boden, auf dem sie steht. Denn die Natur ist nicht ihr Umfeld, sondern ihr Trägersystem – das größere Ganze, in dem alles Wirtschaften stattfindet. Ein Biodiversitätsschock wäre kein externer Schock, sondern ein Zusammenbruch der Basis selbst. Darum bleibt keine Wahl, als die Wirkungsbrücke zu bauen – präzise, wissenschaftlich und schnell. Und ermöglicht durch modernste Technologie und KI. Nicht um der Natur willen, sondern um der Fortführbarkeit der Wirtschaft selbst.

Autor: Prof. Martin R. Stuchtey ist Gründer von “The Landbanking Group GmbH”.

Biodiversität ist entscheidend für die Zukunft von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt, da ihr Verlust nicht nur Ökosysteme, sondern auch Wertschöpfung, Investitionen und Innovationskraft gefährdet. Gleichzeitig erkennen immer mehr Akteure aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, dass der Schutz und die Förderung der Natur Chancen für nachhaltige Entwicklung, neue Geschäftsmodelle und größere Resilienz bieten. Das Table.Forum widmet sich einer natur-positiven Zukunft und zeigt anhand konkreter Beispiele, wie Unternehmen, Forschung und Zivilgesellschaft diesen Wandel aktiv gestalten. Im Mittelpunkt stehen dabei praxisnahe Fragen: Wie kann Biodiversität in der Kommunikation, im Geschäftsmodell und als Investitionschance erfolgreich genutzt werden?

Unsere Partner: Biodiversity Bridge ist ein gemeinnütziger Zusammenschluss erfahrener Biodiversitäts-Expertinnen und -Experten, die European Biodiversity Coalition ist eine sektorübergreifende Plattform, die Verantwortungsträger großer europäischer Unternehmen zusammenbringt, um geschäftsgetriebene Maßnahmen für Biodiversität zu beschleunigen und das Museum für Naturkunde Berlin ist eines der weltweit bedeutendsten Forschungsmuseen für biologische und geowissenschaftliche Evolution und Biodiversität.

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