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Biodiversität: Ein Wert ohne Preis

von Henrik Pontzen

An der Schnittstelle zwischen dem Kapitalmarkt und der Nachhaltigkeit steht oftmals die Unterscheidung zwischen dem Wert einer Sache und ihrem Preis. Denn der Finanzmarkt verhandelt nicht Werte, sondern Preise. Als genossenschaftlicher Vermögensverwalter, der sich seiner Tradition, seinen treuhänderischen Pflichten und der Nachhaltigkeit verpflichtet fühlt, verstehen wir uns aber nicht nur auf Preise, sondern auch auf Werte. Das miteinander zu verschränken ist eine Herausforderung in zahlreichen Dimensionen, sei es im Umgang mit Klimaschutz und Emissionen, sei es im Hinblick auf den Schutz von Arbeitnehmerrechten, sei es im Streben nach dem Erhalt der Biodiversität. Denn die Natur hat keinen Preis. Ihr Wert hingegen ist unermesslich.

Um eine Herausforderung dieser Größenordnung zu meistern, bedarf es einer Strategie: Baumpflanzaktionen und Bienenstöcke auf dem Dach der Firmenzentrale sind zweifelsfrei aller Ehren wert und wichtig und auch wir bei Union Investment pflanzen Bäume und machen Honig. Aber diese Aktivitäten sind in der Gesamtbetrachtung dann doch eher Tröpfchen auf den heißen Stein.

Die übergeordnete Strategie, um die Bedrohung der Biodiversität in Schach zu halten, verläuft entlang dreier Dimensionen. Wir bezeichnen sie als „Footprint“, „Handprint“ und „Heartprint“. Was bedeuten diese Kategorien? Der „Footprint“ bedeutet, den eigenen negativen Einfluss zu reduzieren, sei es die Vermeidung von schädlichen Praktiken wie etwa Abholzung oder die Eindämmung der Übernutzung von Ressourcen. Das gilt freilich nicht nur für Union Investment als Unternehmen, sondern für alle Unternehmen, in die Union Investment investiert ist. Das Portfoliomanagement führt jährlich mehrere tausend Dialoge mit Unternehmenslenkern, viele hundert davon mit expliziten Nachhaltigkeitsinhalten. Hier thematisieren wir den Erhalt der Biodiversität, sprechen über die Ressourcennutzung und die Lieferketten, weisen die Konzerne auf mangelnde Transparenz oder mögliche Verstöße hin und reagieren nachgelagert bei den Abstimmungen zur Hauptversammlung, in deren Rahmen wir uns bei Bedarf auch klar und deutlich zu Wort melden, wenn wir Ungereimtheiten erkennen. Sollte all das nichts bringen, greifen wir zum schärfsten Schwert, veräußern alle Bestände und sperren den Emittenten für unsere Wertpapierfonds – so geschehen bei JBS, einem brasilianischen Fleischproduzenten, der hauptsächlich aufgrund schwerwiegender Umweltkontroversen, aber auch wegen anderer Vorfälle seit dem vergangenen Jahr nicht mehr investierbar ist. Eine Wiederaufnahme in unser Investmentuniversum ist grundsätzlich möglich, erfordert jedoch substanzielle Veränderungen und eine deutlich höhere Transparenz seitens des Unternehmens. So üben wir über unsere Anlagepolitik eine Lenkungsfunktion aus, die im Einklang mit beidem steht: mit Preisen und mit Werten.

Beim „Handprint“ geht es nicht darum, was wir vermeiden wollen, sondern wie wir einen positiven Einfluss ausüben und den Status quo der Natur tatsächlich verbessern können. Hierzu zählt die Förderung von Aufforstungsprodukten und die Transformation von Unternehmen hin zu naturpositiveren Praktiken. Das bedeutet: Regeneration, Recycling als Ressourcenschutz, der verstärkte Einsatz von Zirkularität bei der Geschäftstätigkeit unserer Investmentziele. Auch diese Themen spielen immer wieder eine Rolle in unseren Unternehmensdialogen, aber nicht nur in unseren. Das Thema steht auch im Zentrum unserer Kollaboration im Rahmen der Investoreninitiative NatureAction 100, in der wir uns gemeinsam mit mehr als 200 anderen Investoren für den Erhalt der Biodiversität einsetzen und gezielt auf Unternehmen aus besonders kritischen Sektoren einwirken.

Die dritte Kategorie bezeichnen wir als „Heartprint“. Hier geht es buchstäblich darum, Herzen zu erobern. Im Fokus stehen die Kommunikation und die Verbreitung von positiven Geschichten rund um das Thema. Und es geht um die Zusammenarbeit mit Partnern, in unserem Fall etwa mit der Initiative InUrFace, in der Wissenschaftler aus dem Bereich der Biodiversität mit StreetArt-Künstlern zusammenarbeiten, um das Thema in Deutschlands Städten eindrucksvoll sichtbar zu machen. Workshops mit Wissenschaftlern aus der Frankfurter Senckenberg-Gesellschaft befinden sich aktuell in der Umsetzung.

So betrachtet ist Biodiversität für Union Investment ein vielschichtiges Thema. Es ist ein Kommunikationsthema, weil wir bewusst für die Relevanz sensibilisieren wollen. Es ist ein Investmentthema, weil es fest in unsere Prozesse integriert ist, immer wieder in unseren Meetings zur Sprache kommt und handfeste Konsequenzen hat, wenn die Unternehmen unseren Forderungen nicht nachkommen. Ein Business Case hingegen ist es noch nicht. Dafür wird Biodiversität von Unternehmen am Kapitalmarkt noch nicht konsequent genug umgesetzt, als dass sich mit liquiden Wertpapieren beispielsweise ein Themenfonds initiieren ließe. Die Zeit ist noch nicht bereit. Wenn unsere Strategie aufgeht, und davon sind wir überzeugt, wird sie aber kommen.

Autor: Henrik Pontzen ist Chief Sustainability Officer und Leiter ESG bei Union Investment.

Biodiversität ist entscheidend für die Zukunft von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt, da ihr Verlust nicht nur Ökosysteme, sondern auch Wertschöpfung, Investitionen und Innovationskraft gefährdet. Gleichzeitig erkennen immer mehr Akteure aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, dass der Schutz und die Förderung der Natur Chancen für nachhaltige Entwicklung, neue Geschäftsmodelle und größere Resilienz bieten. Das Table.Forum widmet sich einer natur-positiven Zukunft und zeigt anhand konkreter Beispiele, wie Unternehmen, Forschung und Zivilgesellschaft diesen Wandel aktiv gestalten. Im Mittelpunkt stehen dabei praxisnahe Fragen: Wie kann Biodiversität in der Kommunikation, im Geschäftsmodell und als Investitionschance erfolgreich genutzt werden?

Unsere Partner: Biodiversity Bridge ist ein gemeinnütziger Zusammenschluss erfahrener Biodiversitäts-Expertinnen und -Experten, die European Biodiversity Coalition ist eine sektorübergreifende Plattform, die Verantwortungsträger großer europäischer Unternehmen zusammenbringt, um geschäftsgetriebene Maßnahmen für Biodiversität zu beschleunigen und das Museum für Naturkunde Berlin ist eines der weltweit bedeutendsten Forschungsmuseen für biologische und geowissenschaftliche Evolution und Biodiversität.

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