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Biodiversität: Unsere Lebensversicherung – warum wir jetzt handeln müssen

von Christof Schenck

Die größte Innovationsschmiede im planetaren System der Sonne heißt Evolution und läuft seit gut dreieinhalbtausend Millionen Jahren. Die Fabrikhalle haben wir Erde genannt, auch wenn Land nur ein Drittel der Oberfläche dieses Planeten ausmacht. Homo sapiens, den weisen Menschen, gibt es erst seit 0,008 Prozent der evolutionären Laufzeit. Und doch sind wir unter den heute lebenden acht bis zehn Millionen Arten, von denen wir nur etwa zwei Millionen kennen, zum bestimmenden Organismus geworden. Mehr als ein Drittel aller Naturlandschaften wurden zu landwirtschaftliche Produktionsflächen, unsere Hausschweine wiegen doppelt so viel wie alle wildlebenden Säugetiere zusammen. Unsere Energie für Jahrzehnte entnehmen wir Kohlenstoffspeichern, die in Millionen von Jahren gefüllt wurden. Als Kollateralschaden hat sich die Erde bereits um 1,5 Grad aufgeheizt, mit der Folge von Dürren und Überschwemmungen, Starkregen und Hurrikans. Mit dem Anstieg des Meeresspiegels und neuen Hitzezonen vernichten wir ganze Siedlungsregionen. Aktuell drängen wir eine Millionen Tier- und Pflanzenarten ins Ausstreberisiko. Die massive Abnahme der Insekten aufgrund von Gifteinsatz und Lebensraumverlust gefährdet die Bestäubung von Dreivierteln unserer Nutzpflanzen. Bei reduzierter Artenvielfalt, besonders in der Tropenzone, treffen Bakterien und Viren auf weniger diverse Immunsysteme, können sich besser anpassen und es kommt häufiger zum spill over, den Sprung von Tieren auf den Menschen. Damit steigt das Pandemierisiko enorm.

Als erstes gilt es vier fundamentale Prinzipien zu verinnerlichen:

  1. Biodiversität – die Vielfalt von Genen, Arten und Ökosystemen – ist unsere Lebensgrundlage, unsere elementare Infrastruktur, unsere Lebensversicherung.

  1. Sie ist in keinem guten Zustand und alle Trends zeigen nach unten.

  1. Die globale Biodiversität ist in der Tragik der Allmende gefangen. Kurzfristige Profite von Individuen, Gemeinschaften, Unternehmen und Staaten führen zu langfristigen Verlusten der Gemeingüter.

  1. Wir sind Verursacher, Opfer und Problemlöser – alles in einem. Das ermöglicht Auswege.

Mit sieben Schritten können wir die Transformation einleiten, hin zu einer sichereren, resilienten, nachhaltigen, zukunftsorientierten Welt.

  1. Entwaldungsfreie Lieferketten. Im Vorjahr wurden 6,7 Millionen Hektar tropischer Primärwald zerstört – der höchste Verlust seit über zwei Jahrzehnten. Das triggert Artenverlust, Erderhitzung und Pandemien. Wir müssen die Entwaldung dringend auf null setzten – das reduziert Risiken und gibt Sicherheit.

  1. 30 % der Fläche als Schutzgebiete an Land und im Meer. Bei einer strategischen Auswahl können geschätzte 70 Prozent der bedrohten Arten gerettet werden. Das wären mehrere hunderttausend Arten. Das stärkt funktionale Ökosysteme mit ihren Leistungen für uns, vor allem bei Klima, Böden, Wasser und Nahrung.

  1. Verstärkte internationale Biodiversitäts-und Klimafinanzierung. Mit dem Ausfall der USA ist Deutschland global der wichtigster Finanzierer in diesem Bereich. Ein weiterer Ausbau stärkt Deutschlands Stellung und Einfluss, sichert Märkte und Produktionsbedingungen und reduziert Migrationsursachen.

  1. Abbau umweltschädlicher Subventionen. Werden z.B. Steuererleichterung im Bereich fossile Treibstoffe und Mobilität gestrichen, reduziert dies Umweltbelastungen, gibt Milliarden Euro für den Biodiversitätsschutz frei und setzt Anreize für bessere Technologien.

  1. Kreislaufwirtschaft. Auf einem begrenzten Planeten kann es keine unbegrenzte Entnahme geben. Wohlstand muss von steigender Ressourcennutzung entkoppelt werden.

  1. Internalisierung externer Kosten. „True Costs“ berücksichtigen die Umweltfolgewirkungen von Produkten. So werden Preise gerecht und das Produktions- und Käuferverhalten richtet sich auf Nachhaltigkeit aus.

  1. Aufnahme der Biodiversitätskosten in die Bilanzen. Damit wird der Erfolg eines Unternehmens nicht nur an seiner finanziellen Leistung gemessen, sondern auch an seinem Beitrag für die Gesellschaft und die Natur.

Was die Biodiversität angeht, leben wir weitgehend in einer „free for all“ Ära. Aufgrund der dramatischen Übernutzung nähert sich diese Zeit ihrem Ende. Jetzt können wir mit Regulatorik, Innovation und Schlüsselakteuren in Politik und Wirtschaft eine gute Zukunft für uns und die nachfolgenden Generationen sichern, auf diesem einzigartigen blauen Planeten, mit seiner überbordenden Fülle an Landschaften und Organismen, entstanden aus einer solaren Nebelwolke, vor 4,6 Milliarden Jahren.

Autor: Dr. Christof Schenck ist Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF). Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt ist eine internationale Naturschutzorganisation, die mit rund 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern große, biodiversitätsreiche Wildnisgebiete in 19 Ländern auf vier Kontinenten sichert. Dazu sind wir jahrzehntelang vor Ort, bauen die Infrastruktur von Nationalparks auf und etablieren partizipativ eine nachhaltige Landnutzung mit der Bevölkerung, die in und um die Schutzgebiete lebt.

Biodiversität ist entscheidend für die Zukunft von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt, da ihr Verlust nicht nur Ökosysteme, sondern auch Wertschöpfung, Investitionen und Innovationskraft gefährdet. Gleichzeitig erkennen immer mehr Akteure aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, dass der Schutz und die Förderung der Natur Chancen für nachhaltige Entwicklung, neue Geschäftsmodelle und größere Resilienz bieten. Das Table.Forum widmet sich einer natur-positiven Zukunft und zeigt anhand konkreter Beispiele, wie Unternehmen, Forschung und Zivilgesellschaft diesen Wandel aktiv gestalten. Im Mittelpunkt stehen dabei praxisnahe Fragen: Wie kann Biodiversität in der Kommunikation, im Geschäftsmodell und als Investitionschance erfolgreich genutzt werden?

Unsere Partner: Biodiversity Bridge ist ein gemeinnütziger Zusammenschluss erfahrener Biodiversitäts-Expertinnen und -Experten, die European Biodiversity Coalition ist eine sektorübergreifende Plattform, die Verantwortungsträger großer europäischer Unternehmen zusammenbringt, um geschäftsgetriebene Maßnahmen für Biodiversität zu beschleunigen und das Museum für Naturkunde Berlin ist eines der weltweit bedeutendsten Forschungsmuseen für biologische und geowissenschaftliche Evolution und Biodiversität.

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