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Resilienz durch Biodiversitätsmanagement

von Myriam Rapior

Naturpositivität bedeutet, dass wir als Gesellschaft und Wirtschaft insgesamt der Natur mehr zurückgeben, als wir ihr nehmen, also einen positiven Saldo für die biologische Vielfalt erreichen. Davon sind wir derzeit weit entfernt. Der Verlust der Arten schreitet rapide voran, Böden verlieren ihre Fruchtbarkeit und sauberes Trinkwasser wird zunehmend knapp. Der entscheidende Hebel liegt in der Flächennutzung. Wie wir Flächen bebauen, bewirtschaften oder gestalten, bestimmt maßgeblich, ob Lebensräume für Pflanzen und Tiere geschaffen oder zerstört werden.

Doch während die Krise des Biodiversitätsverlusts eine der größten ökonomischen Risiken darstellt, wird sie von Entscheidungsträgern häufig verdrängt. Das Thema wird auf die lange Bank geschoben und konkurriert ständig mit kurzfristigen Agenden, die vermeintlich wichtiger erscheinen. Der Umgang mit der Biodiversitätskrise kann aber nicht mehr aufgeschoben werden. Deshalb hat der BUND im vergangenen Jahr eine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Denn das Nichthandeln der Bundesregierung erodiert unsere Lebensgrundlagen und verletzt somit unsere Grundrechte.

Biodiversität war lange ein Thema, das ausschließlich von Naturschutzorganisationen und Behörden bespielt wurde. So wurde zum Beispiel das ‚Grüne Band‘, ein riesiges Naturschutzprojekt entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, vom BUND ins Leben gerufen. Mittlerweile ist Biodiversitätsschutz kein Thema der Nische mehr. Unternehmen erkennen zunehmend die Relevanz des Themas, da sie ihre Abhängigkeit von funktionierenden Ökosystemen, von Bestäubern, sauberem Wasser, intakten Böden und stabilen Klimasystemen entdecken. Diese sogenannten Ökosystemleistungen sind die unsichtbaren Fundamente jeder Wertschöpfung. Wenn sie wegbrechen, geraten ganze Branchen ins Wanken.

Viele Unternehmen beginnen, erste Schritte im Biodiversitätsmanagement zu gehen. Eine Vielzahl von Werkzeugen und Ansätzen entstehen derzeit: naturbasierte Lösungen, biodiversitätsorientierte Beschaffungskriterien, Lieferantenbewertungssysteme oder unternehmensweite Biodiversitätsstrategien. Entscheidend ist, dass diese Instrumente nicht nur als Pflichtübung verstanden werden, sondern als Innovationstreiber für eine zukunftsfähige Wirtschaft. Statt gegen die Natur zu arbeiten, müssen wir wieder lernen, mit ihr zu wirtschaften. Biodiversität darf kein „nice to have“ in der Nachhaltigkeitsstrategie sein, sondern ein zentrales Element unternehmerischer Resilienz.

Wer in Biodiversität investiert, investiert in die Zukunftsfähigkeit seines Geschäftsmodells. Unternehmen, die heute vorausschauend handeln, sichern sich den Zugang zu knappen Rohstoffen, vermeiden Produktionsausfälle und minimieren Risiken entlang ihrer Wertschöpfungsketten. Umgekehrt drohen bei anhaltendem Nichtstun Disruptionen, Lieferengpässe und somit auch Umsatzeinbrüche. Biodiversität ist damit kein reines Kommunikationsthema, sondern ein Business Case und zentraler Baustein für Resilienz. Nur wer ökologische Stabilität mitdenkt, kann langfristig ökonomisch stabil bleiben.

Denn letztlich geht es um nicht weniger als die Grundlage unserer Wirtschaft und darum, ob wir in Zukunft noch von dem leben können, was uns die Natur bereitstellt.

Autorin: Myriam Rapior ist eine deutsche Betriebswirtschaftlerin und Naturschützerin. Sie ist stellvertretende Bundesvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. und Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung.

Biodiversität ist entscheidend für die Zukunft von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt, da ihr Verlust nicht nur Ökosysteme, sondern auch Wertschöpfung, Investitionen und Innovationskraft gefährdet. Gleichzeitig erkennen immer mehr Akteure aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, dass der Schutz und die Förderung der Natur Chancen für nachhaltige Entwicklung, neue Geschäftsmodelle und größere Resilienz bieten. Das Table.Forum widmet sich einer natur-positiven Zukunft und zeigt anhand konkreter Beispiele, wie Unternehmen, Forschung und Zivilgesellschaft diesen Wandel aktiv gestalten. Im Mittelpunkt stehen dabei praxisnahe Fragen: Wie kann Biodiversität in der Kommunikation, im Geschäftsmodell und als Investitionschance erfolgreich genutzt werden?

Unsere Partner: Biodiversity Bridge ist ein gemeinnütziger Zusammenschluss erfahrener Biodiversitäts-Expertinnen und -Experten, die European Biodiversity Coalition ist eine sektorübergreifende Plattform, die Verantwortungsträger großer europäischer Unternehmen zusammenbringt, um geschäftsgetriebene Maßnahmen für Biodiversität zu beschleunigen und das Museum für Naturkunde Berlin ist eines der weltweit bedeutendsten Forschungsmuseen für biologische und geowissenschaftliche Evolution und Biodiversität.

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