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Digitale Infrastruktur und Leitmedien - Warum wir eine breite Koalition für exzellenten Journalismus brauchen

von Barbara Massing

Im Vorfeld der ungarischen Präsidentschaftswahl wurde die Deutsche Welle erneut Ziel einer sogenannten Doppelgänger-Kampagne. Gefälschte Inhalte, die den Anschein erwecken, von der DW zu stammen, wurden durch pro-russische Akteure gezielt in Umlauf gebracht, um das Vertrauen in die etablierte Marke DW zu missbrauchen und falsche Narrative zu verbreiten. Es ist nicht das erste Mal, dass unabhängige Medien auf diese Weise attackiert werden - und gerade darin liegt die politische Aussagekraft des Vorfalls.

Die Gegner der Demokratie greifen unabhängige Medien gezielt an. Auch und gerade in Europa. Mit erheblichem Mitteleinsatz wird ein hochentwickelter Werkzeugkasten der Desinformation genutzt: Cyber-Attacken, Identitätsdiebstahl, Deepfakes. Bot- und Troll-Netzwerke verstärken irreführende Narrative in kurzer Zeit und großer Reichweite. Dass dabei gezielt etablierte Medienmarken wie die DW imitiert werden, ist ein eindrucksvoller Beleg für ihre Glaubwürdigkeit und Wirkung: Hätte ihre Berichterstattung keinen Einfluss, müsste man sie nicht fälschen.

Autokraten wissen sehr genau, welche Rolle freie Medien spielen und warum sie ihnen im Weg stehen. Seit Jahren zeigen Studien - zuletzt die Analysen des schwedischen V-Dem‑Instituts -, dass die Zerstörung von Meinungs- und Medienfreiheit regelmäßig am Anfang autoritärer Entwicklungen steht. Wo unabhängiger Journalismus geschwächt wird, verliert Demokratie ihre Korrekturmechanismen. Und wo demokratische Akteure sich zurückziehen, füllen Autokraten das entstehende Vakuum.

Diese Dynamik verschärft sich im Zeitalter künstlicher Intelligenz. KI beschleunigt und professionalisiert Desinformation: Texte, Bilder, Videos und sogar vermeintlich authentische „Stimmen“ lassen sich heute in großem Stil automatisiert erzeugen. Fakten und Fälschungen sind zunehmend schwer zu unterscheiden, insbesondere in sozialen Netzwerken. In der Theorie müsste das die Nachfrage nach verlässlichen Leitmedien steigern. In der Praxis jedoch begünstigen die großen digitalen Verbreitungsplattformen Aufmerksamkeit, Zuspitzung und Emotion statt journalistischer Sorgfalt. Akteure, die gezielt Vertrauen in faktenbasierte Berichterstattung unterminieren, haben in diesen Strukturen leichtes Spiel.

Gerade hier kommt Innovation ins Spiel. Und der Auftrag der Deutschen Welle. In herausfordernden Medienmärkten wie der Ukraine, Russland und dem Iran ist verlässliche Information ein knappes Gut. Hier erreicht die DW Millionen Menschen, oft unter repressiven Bedingungen. In der Ukraine bietet sie verlässliche Informationen in Ukrainisch inmitten gezielter russischer Desinformationskampagnen - wesentlicher Teil russischer Kriegsführung. Gleichzeitig stärkt sie über die Entwicklungszusammenarbeit der DW Akademie den ukrainischen öffentlich-rechtlichen Sender Suspilne sowie engagierte kleinere Medienhäuser in den Regionen. In Russland und im Iran ist die DW für viele Nutzerinnen und Nutzer eine der wenigen verbliebenen unabhängigen Nachrichtenquellen überhaupt – über digitale Ausspielwege, neue Formate und innovative Distribution, die Zensur und Blockaden umgehen. Die DW investiert gezielt in Faktenchecks, KI‑gestützte Verifikation, neue lösungsorientierte Erzählformate, plattformgerechte Angebote und entwickelt selbst Tools für ihre Nutzenden zur Umgehung digitaler Zensur und Abschottung.

Technik allein reicht nicht. Es braucht politische Rahmenbedingungen, die demokratische Öffentlichkeit schützt. Mit DSGVO und Digital Services Act hat die EU im internationalen Vergleich wichtige regulatorische Grundlagen geschaffen. Umfang und Durchsetzung dieser Regelwerke stehen weltweit unter genauer Beobachtung und werden in vielen kleineren Märkten erhebliche Signalwirkung entfalten.

Doch auch diese Instrumente greifen zu kurz. Notwendig ist der konsequente Aufbau einer digitalen Infrastruktur, die eine offene, demokratische Gesellschaft stärkt: eine Infrastruktur, die vertrauenswürdige Informationen begünstigt und sichtbar macht, redaktionelle Arbeit der Leitmedien unterstützt, echten Dialog ermöglicht und Desinformation wirksam einhegt. Dafür braucht es eine breite Koalition aus Politik, Plattformbetreibern, Medienhäusern und Zivilgesellschaft.

Nationale Grenzen spielen im digitalen Raum nur eine untergeordnete Rolle. Die Gegner der Demokratie agieren global. Deshalb muss auch die Antwort global gedacht sein: durch die Stärkung professionellen Journalismus, unabhängiger Medien und aufgeklärter Öffentlichkeiten. In Deutschland, in Europa und weltweit. Demokratie braucht starke Marken, vertrauenswürdige Leitmedien mit globaler Präsenz, die Entwicklungen einordnen, herunterbrechen und deutsche, wie europäische Perspektiven sichtbar machen. Die Deutsche Welle erfüllt diese Rolle – ergänzt durch die Arbeit der DW Akademie, die weltweit für freie Medien und freie Meinungen wirkt und die verschiedenen Akteure in den Dialog bringt. Die Verteidigung der Demokratie im digitalen Raum ist keine nationale Aufgabe, sondern eine gemeinsame globale Herausforderung.

Autorin: Barbara Massing ist Intendantin der Deutschen Welle.

Wenn KI und Plattformen, Werbemärkte und Publikumsverhalten die Rahmenbedingungen für Qualitätsjournalismus radikal ändern, wie müssen sich die Leitmedien weiterentwickeln, wenn sie weiter zu einer demokratischen und freiheitlichen Zukunft beitragen wollen und sollen? Zum fünften Geburtstag veröffentlicht Table.Briefings erstmals ein Table.Forum in eigener Sache: das Table.Forum Zukunft der Leitmedien.

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