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Das Evidenz-Upgrade für Leitmedien – eine demokratische Notwendigkeit

von Sebastian Grote

Die Wucht der Corona-Jahre hat es gezeigt, die Debatten um die Energiewende haben es gezeigt, und auch die KI-Revolution in all ihren Facetten führt uns vor Augen: Die meisten großen gesellschaftlichen Herausforderungen der vergangenen Jahre sind entweder ganz offensichtlich oder zumindest im Kern Wissenschaftsthemen. In der Leitmedien-Debatte wird heute trotzdem vor allem über Geschäftsmodelle und die Zukunft der großen Tech-Konzerne gesprochen. Doch früher oder später stehen wir auch vor der Entscheidung, was uns verlässliches Wissen als Gesellschaft wert ist.

In der alten Leitmedienlogik war Wissenschaft als Ressort meist säuberlich getrennt von Politik, Wirtschaft und Kultur. Diese Trennung ist heute überholt. Beispiele wie der globale Wettbewerb um Schlüsseltechnologien oder die Zukunft des Gesundheitssystems zeigen, dass kaum ein Thema ohne eine wissenschaftliche Einordnung auskommt. Es geht daher nicht darum, dass wir mehr Seiten oder Sendeminuten für Wissenschaft brauchen. Ein Medium, das sich heute als Leitmedium verstehen will, muss Wissenschaftskompetenz vielmehr als permanentes Grundrauschen in der gesamten Redaktion leben. In einer Welt voller KI-generiertem Content und Desinformation wird die Fähigkeit, wissenschaftliche Daten zu interpretieren, Studien einzuordnen und Unsicherheit transparent zu machen, zum Qualitätssiegel und damit zum größten Wettbewerbsvorteil. Leitmedien definieren sich nicht mehr über Reichweite, sondern über Verlässlichkeit. Gleichzeitig bildet evidenzbasiertes Wissen die Voraussetzung für eine handlungsfähige Demokratie. Doch wie lange noch? Die Zukunft ist ungewiss und im Verhältnis von Leitmedien und Wissenschaft scheinen drei Szenarien realistisch.

Das erste Szenario ist geprägt von einer Erosion, in der die Leitmedien an Einfluss verlieren und niemand deren Qualität übernimmt. KI-generierte Inhalte und Clickbait-Formate fluten die Medienlandschaft – oder besser gesagt: eine Medienwüste. Plattformen bauen weiter auf Engagement statt Evidenz. Es folgt eine fragmentierte Öffentlichkeit, in der wissenschaftliche Erkenntnisse nur noch innerhalb akademischer Blasen zirkulieren. Leider ist das keine abstrakte Dystopie mehr, sondern die Verlängerung aktueller Trends. Wissenschaftskommunikation würde sich in diesem Umfeld weitestgehend auf die Direktkommunikation vonseiten der Universitäten und Forschungszentren reduzieren und sich ohne journalistische Einordnung in Richtung PR verschieben.

Im zweiten Szenario übernehmen neue Leitmedien mit Tiefe statt Breite. Deep-Journalism, spezialisierte Newsletter und thematische Plattformen haben einen großen Einfluss auf Fachöffentlichkeiten. Qualität schlägt Reichweite. Wissenschaftsjournalismus findet in dieser Medienwelt eine neue Heimat und wird gut finanziert durch Zielgruppen aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Die Wissenschaft wäre prädestiniert für solche Medieninseln, die Tiefgang erlauben und deren Zielgruppen nicht vor der Metaebene zurückschrecken. Das Problem: Große Teile der Öffentlichkeit blieben außen vor. Sie würden sich über andere Quellen informieren, die im ersten Szenario beschrieben sind. Es wäre der perfekte Nährboden für Polarisierung.

Im dritten Szenario schaffen wir es als Gesellschaft, evidenzbasierte Medien und Wissenschaftsjournalismus zu stärken. So wie die Nachkriegsdemokratie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Antwort auf die Propagandaerfahrung geschaffen hat, finden wir eine selbstbewusste Antwort auf die Desinformationserfahrungen des digitalen Zeitalters: von False Balance über Trollfabriken bis zu Deepfakes. Kleine Reformen reichen hier nicht mehr aus. Im Mittelpunkt einer neuen Medienwende stünde der entschiedene Wille, evidenzbasiertes Wissen auch über die öffentlich-rechtlichen Medien hinaus strukturell zu fördern und die großen Plattformen mit ihren Milliardengewinnen in die Verantwortung zu nehmen. Es wäre ein Gemeinschaftsprojekt vieler Akteure aus Medien, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Forschungsorganisationen und Universitäten könnten in diesem Zusammenspiel als Brückenbauerinnen tätig werden und wertvolle Erfahrung einbringen. Schließlich hat es die Wissenschaft in demokratischen Ländern perfektioniert, eine gemeinwohlorientierte Struktur aufzubauen, die unabhängig ist und selbstkorrigierend funktioniert. Wissenschaft ist kein Genre. Wissenschaft ist ein Kompass.

Autor: Sebastian Grote ist Head of Communications bei der Helmholtz-Gemeinschaft.

Neben der Entwicklung von Massenmedien und Demokratie darf die Lage der Leitmedien nicht aus dem Blick geraten. Denn sie prägen die Weichenstellungen der Gesellschaft. Anlässlich des fünfjährigen Bestehens von Table.Briefings blicken wir gemeinsam mit führenden Persönlichkeiten aus der Kommunikation in die Zukunft.

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