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Rückgrat unserer Demokratie

von Carsten Brosda

Die öffentliche Kommunikation verändert sich seit beinahe drei Jahrzehnten rasant. Globale Plattformen haben digitale Räume geschaffen, in denen sich professionelle journalistisch-redaktionelle Angebote, halböffentliche individuelle Äußerungen, Werbebotschaften und strategische Kommunikation nahezu untrennbar mischen. Diese Flut an Informationshäppchen droht, jede Chance auf Orientierung wegzuschwemmen.

Und dabei erfüllen die digitalen Mittler theoretisch den alten Traum der Radiotheorie von Bertolt Brecht, der zufolge der Distributionsapparat zum Kommunikationsapparat werden müsse, um sein volles Potenzial zu entfalten. Praktisch aber führen sie uns vor Augen, wie schwer wir uns damit tun, dieses Potenzial auszuschöpfen. Unmoderiert und geprägt von undurchdringlichen Algorithmen gleitet das gesellschaftliche Gespräch in zunehmend tiefere Abgründe. Statt neue kommunikative Freiheiten zu entwickeln, schwindet das gesellschaftliche Vertrauen in öffentliche Verständigung und auch die Grundlagen, auf denen Medienunternehmen wirtschaften, geraten ins Wanken.

Inmitten dieser enormen Umwälzungen ist Journalismus gefordert, seine Rolle als Moderator des öffentlichen und demokratischen Gesprächs, als Lotse für gesellschaftliche Orientierung und als Garant für verlässliche und wertebasierte Information neu und selbstbewusst zu schärfen.

Es ist über 20 Jahre her, dass der kürzlich verstorbene Jürgen Habermas vehement darauf hingewiesen hat, dass journalistische Qualitätsangebote wie die überregionalen Tageszeitungen „das Rückgrat für die diskursive Innenausstattung einer freien politischen Meinungs- und Willensbildung“ darstellen. Ihre „argumentative Substanz“ schrieb er 2003 in der Süddeutschen Zeitung, „ist lebenswichtig für eine politische Kommunikation, die ihren Eigensinn behält“. Das gilt noch heute. Aber dieses Potenzial lässt sich nicht durch Appelle sichern, sondern durch ein journalistisches und mediales Handeln, das die eigenen Stärken in veränderten technologischen Kontexten neu zur Geltung bringt. Das differenziert zwischen dem unveränderlichen Kern des journalistischen Qualitätsversprechens und den notwendigen Anpassungen an eine wieder einmal vollständig sich wandelnde Öffentlichkeit.

Dieses Rückgrat ist nicht gebrochen: Journalismus leistet bis heute etwas, das Plattformlogiken strukturell nicht in dem Maße abbilden können. Er recherchiert, ordnet ein, schafft Kontext und Vertrauen. Das sind harte gesellschaftliche Ressourcen, Garanten dafür, dass wir trotz aller Individualität auf einem gemeinsamen Wissensfundament stehen. Dies gewinnt in einer Zeit, in der Information durch generative künstliche Intelligenz beliebig reproduzierbar und oft ununterscheidbar wird, nochmal an Bedeutung. KI fordert dazu heraus, das Bewusstsein für den Wert verlässlicher Quellen gesellschaftlich zu schärfen.

Gerade darin liegt auch ökonomisches Potenzial. Marken, die sich weiterhin journalistischen Ansprüchen verpflichtet fühlen, stehen für Glaubwürdigkeit und damit auch Werthaltigkeit. Daraus können neue Chancen entstehen, wenn digitale Innovationslust, neue Vermittlungsstrategien und eine kluge Nutzung des Wissens über die Präferenzen des eigenen Publikums hinzukommen.

Journalistische Medien stehen nicht mehr als Wächter am Tor zur Öffentlichkeit. Aber sie leisten etwas, an dem algorithmisierte Angebote oft kein Interesse haben: Sie vermitteln vertrauenswürdige Information, moderieren das öffentliche Stimmengewirr und stellen Zusammenhänge her. Sie leisten damit einen Dienst an der demokratischen Gesellschaft, auf deren Freiheiten sie zugleich wiederum angewiesen sind.

Kooperation spielt dabei eine zentrale Rolle. Vernetzte Strukturen ermöglichen Reichweite und Effizienz, ohne die publizistische Vielfalt aufzugeben. Die Chance eines europäischen Digitalisierungsmodells liegt ohnehin darin, Technologien und Strukturen zu entwickeln, aus denen heraus es möglich wird, die immanente Dezentralität und Vielfalt zu skalieren.

Die Medienhäuser sind dabei nicht allein. Denn auch die Logik der Werbewelt ist in Bewegung. Unter Begriffen wie „Responsible Media" oder „Value Media" verbreitet sich dort ein Denken, das nicht nur auf Reichweite setzt. Andere Parameter wie soziale Wirkung und Markensicherheit rücken ins Blickfeld. Auch dies ist eine Chance für journalistische Angebote und kann dafür sorgen, dass die schon verloren geglaubte Finanzierung durch Werbung weiterhin eine – wenn auch geschrumpfte – Option bleibt.

Regulierung kann und muss diese Entwicklungen flankieren, etwa durch die Überarbeitung der medienrechtlichen Haftungsregelungen oder des Leistungsschutzrechts der Presseverleger. Medienpolitik gehört endlich wieder nach oben auf die gesellschaftliche Tagesordnung. Auch hier liegt eine Chance für journalistische Angebote, die sich nach wie vor zutrauen, Themen und Diskurse zu setzen und zu prägen und damit auch die notwendigen Voraussetzungen des eigenen Handelns reflektieren und in die Politik tragen können. Wenn wir eine demokratische Öffentlichkeit dauerhaft sichern wollen, müssen Medien und Politik zu einer Art antagonistischer Kooperation fähig werden, in der sie gemeinsam die Bedingungen, unter denen sie einander dann kritisch gegenüberstehen, definieren.

Zunächst einmal ist es nämlich eine gesellschaftliche und politische Entscheidung, was es uns wert ist, dass die Kommunikation unserer Öffentlichkeit aufgeklärt bleibt: frei, fundiert und vielfältig. Es ist Zeit, Journalismus nicht länger als Krisenfall zu betrachten, sondern als das, was er ist: eine unabdingbare institutionelle Voraussetzung einer freien Gesellschaft.

Autor: Dr. Carsten Brosda ist Senator der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

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