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Die Leitmedien sind tot – hoch leben die Leitmedien!

Michael Preuss

Viele Leitmedien kämpfen seit Jahren tapfer ums Überleben. Erst Internet, dann Social Media, nun Künstliche Intelligenz. War früher einmal die Tageszeitung so selbstverständlich am Frühstückstisch wie die Tasse Kaffee, fragen sich heute viele: Warum soll ich im Zeitalter von GenAI und meinen Social-Feeds auch nur einen einzigen Euro für journalistische Erzeugnisse ausgeben? Vor allem, wenn GEZ, Spotify und Netflix schon mein mediales Monatsbudget ausschöpfen?

Diese Frage ist mehr als berechtigt. Deshalb muss die Antwort der Leitmedien-Macher darauf auch sehr überzeugend sein. Denn sie stehen in einem knallharten Wettbewerb um zwei entscheidende Währungen: um die Aufmerksamkeit ihrer Zielgruppen. Und darum, ob die Menschen bereit sind, Geld für unabhängigen Journalismus auszugeben.

Klar: Den Luxus des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, einen gesetzlich vorgeschriebenen Beitrag von jedem Haushalt einfordern zu können, hat kein anderes Medium. Und Medienschaffende in den privaten Leitmedien, die Redaktionen für hochwertigen Qualitätsjournalismus bezahlen, können ihre Inhalte nun einmal nicht „für lau“ verschenken. Zudem sind Plattformen wie Instagram, YouTube und TikTok, bei denen jeder zum Nulltarif Zugang zu Informationen erhalten kann, bei den 14- bis 29-Jährigen längst zu den wichtigsten Quellen für Nachrichten geworden. Hier tummelt sich die gesamte Content-Angebots-Palette von „Schrott“ bis „Top“.

Für den Qualitätsjournalismus muss es also immer auch darum gehen, mit schmackhaft angereicherten Content-Ködern doch noch den ein oder anderen Abo- oder bezahlten Live-Format-Fisch zu angeln. Gleich nebenan – nur einen „Swipe“ entfernt – lauert die Desinformation. Sie ist überall verfügbar, ernähret sich prächtig von Klicks, Likes und Shares, und kostet auf den ersten Blick nichts – und doch so viel mehr: nämlich den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den so wichtigen gesellschaftlichen Diskurs.

Es ist also höchste Zeit, weitere Antworten auf diese Entwicklung zu finden. Dafür ist Mut zur Innovation und zu neuen Formaten gefragt. Der unverwüstliche Markenkern von Leitmedien sollte dabei stets die Glaubwürdigkeit sein. Ich möchte keine Enge im Zeitgeist erleben, sondern eine Erweiterung des Denk-Raums. Ich möchte wissen, was ist. Lernen – und nicht belehrt werden. Was mich wundert: Einige scheinen zu meinen, dass die Absenkung ihrer einstmals hohen journalistischen Standards durchaus eine pfiffige Antwort auf die Misere ist. Nachricht dort, Meinung hier? Das war einmal in Deutschland. Aber die Meinung aus den „Bubbles“ bekomme ich woanders längst zum Nulltarif serviert – und noch viel „krasser“. Gebt mir doch stattdessen einfach die Möglichkeit, auf der Basis von seriös recherchierten Fakten und Zusammenhalten selbst zu reflektieren und mir einen eigenen Standpunkt zu bilden! Zuspitzungen heben vielleicht die Klick-Zahlen, aber sie senken die Glaubwürdigkeit.

Was mir Hoffnung macht: Seit Jahren entstehen neben etablierten Leitmedien auch neue Medienformate mit einem hohen Qualitätsanspruch. Sie haben sich damit vom Nischenprodukt in die Reihe der Leitmedien gesellt – und damit den Wettbewerb angekurbelt. Journalismus ist längst „live“ vor Ort, im Podcast hörbar, in Text, Bild und Ton erlebbar, im Dialog. Raus aus der Anonymität der Redaktionsstuben, rein in den gesellschaftlichen Diskurs. Besonders wichtig: Auch die Jugend wird durchaus mit diesen Formaten angesprochen – und lernt so hoffentlich frühzeitig, Qualitätsjournalismus vom Social-Media-Geschwätz unterscheiden zu können.

Die Rolle der Leitmedien war nie wichtiger. Sie ermöglichen es uns, in einer Welt voller (Des-)Informationen einen klaren Kopf zu bewahren. Im Kern geht es dabei auch um nichts weniger, als das Vertrauen in unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung aufrechtzuerhalten. Das ist aller Anstrengungen wert – und braucht viel Mut, neue Ideen und echtes Unternehmertum.

Autor: Michael Preuss ist Leiter Communications der Bayer AG.

Neben der Entwicklung von Massenmedien und Demokratie darf die Lage der Leitmedien nicht aus dem Blick geraten. Denn sie prägen die Weichenstellungen der Gesellschaft. Anlässlich des fünfjährigen Bestehens von Table.Briefings blicken wir gemeinsam mit führenden Persönlichkeiten aus der Kommunikation in die Zukunft.

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