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Vertrauensmedien gehört die Zukunft

Von Wolfram Weimer

Gibt es sie überhaupt noch, die Zukunft von Leitmedien? Vieles, was zum festen Inventar unserer Medienöffentlichkeit gehörte, erodiert mit großer Rasanz - auch die Interpretationshoheit traditioneller Leitmedien. Waren es vor wenigen Jahrzehnten noch eine Handvoll analoger Publikationen sowie eine überschaubare Anzahl TV-Sender, die Relevanz beanspruchten, Agenda Setting betrieben und qua Reichweite Meinungsmacht ausübten, erscheint die Medienlandschaft heute zunehmend fragmentiert. Viele alte Deutungsburgen zerfallen.

Unzählige neue Player haben vor allem die digitalen Bühnen erobert. Seien es Bots oder selbsternannte Meinungsführer, die ihre Messages auf Social Media verbreiten: Der Strukturwandel öffentlicher Diskurse driftet in eine nie gekannte Unübersichtlichkeit und rückt den Begriff des Leitmediums fast schon in die Nähe eines Anachronismus.

Zwar weckt das Accelerando ubiquitärer Informationsfluten durchaus Sehnsucht nach Orientierung; andererseits hat sich der Prozess der Meinungsbildung längst fundamental verändert, wenn nicht zurückgebildet. Statt nach Informationen und deren Kontextualisierung suchen immer mehr User nach purer Affirmation. Statt umfassender Berichterstattung und Einordnung bevorzugen sie konvenierende Meinungsblasen.

Diesem Wandel des Bedürfnisprofils kommt der Aktionsmodus vieler neuer Anbieter entgegen. Mit problematischen Resultaten. Denn der Shift vom ausgewogenen Überblick zur Bedienung von Partikularinteressen erzeugt einen diskursiven Treibhauseffekt: ein demagogisch erhitztes Klima, das Polarisierungen begünstigt.

Der Turning point dieser Entwicklung datiert in den Corona-Jahren. Das Unbehagen an der Corona-Politik und dem gefühlten Gleichklang der Meinungen in alten Leitmedien ließ den Ruf nach Gegenöffentlichkeiten sehr laut werden. Zugleich zeichnete sich eine fatale Dialektik ab: Gerade der Glaubwürdigkeitsverlust traditioneller Leitmedien führte dazu, dass immer mehr Menschen unseriösen Absendern und abstrusen Narrativen Glauben schenkten.

Die Ironie besteht darin, dass die schwindende Deutungsmacht von Leitmedien zugunsten einer hyperpluralistischen Vielstimmigkeit durchaus dem liberalen Konzept freier Meinungsbildung entspricht. Gerade die Vielfalt von Informationen und Bewertungen gehört zu den unverzichtbaren Voraussetzungen einer demokratischen Öffentlichkeit. Deshalb wurde in der Vergangenheit auch immer wieder darauf hingewiesen, dass nicht nur klassische Gatekeeper – die einstigen Leitmedien – den Diskurs bestimmen dürften, sondern auch den kleineren unabhängigen Stimmen Raum gegeben werden müsse.

Wir könnten die neue Vielfalt also feiern – wenn sie nicht durch zwei Nebenwirkungen konterkariert würde. Zum einen durch Desinformation, Manipulation und Deep Fakes, zum anderen durch massive Polarisierungstendenzen.

Schaut man genauer hin, sind es vor allem Tech-Giganten, die Informationsflüsse durch Algorithmen in Echokammern steuern und einen passgenauen Traffic erzeugen, der dem User nur noch ausgewählten Content zuspielt und ihn in die Polarisierung treibt. Während ihm eine schier unendliche Vielfalt durch immer neue Verknüpfungen vorgegaukelt wird, tauchen abweichende redaktionelle Inhalte gar nicht mehr auf.

Insofern bedeutet die KI-gestützte Monopolisierung großer Plattformen nicht nur eine Wettbewerbsverzerrung, sie erfordert auch wesentlich mehr Medienkompetenz, um die Glaubwürdigkeit der Marktakteure beurteilen zu können. Weit schwieriger noch ist es, verborgene Implikationen des KI-gefilterten Contents zu erkennen. Welches politische Ziel steht dahinter? Mit welchen Absichten wird Einfluss genommen?

Fragen, die vor allem die jüngeren Generationen betreffen. Sie nutzen kaum noch öffentlich-rechtliche TV-Kanäle und empfinden auch die althergebrachten Leitmedien nicht mehr als Instanzen. Wie sie sich in Zukunft informieren, welchen Formaten, welchen Influencern sie folgen, hat weitreichende Konsequenzen für die politische Landschaft Deutschlands.

Noch haben wir eine der reichsten und freiesten Medienlandschaften der Welt. Noch haben wir anspruchsvollen Qualitätsjournalismus und echte Vielfalt. Um sie zu erhalten, wird sich eine neue Kategorie herauskristallisieren: Vertrauensmedien statt Leitmedien. Formate also, bei denen man auf saubere Recherchen und ideologiefreien Content vertrauen kann; mit Absendern, die frei vom Verdacht sind, Fake Facts oder manipulierte Fotos in die Welt zu setzen.

Das erfordert eine veränderte, weit smartere Haltung zum Medienkonsum. Um gegen Manipulation und Desinformation gefeit zu sein, werden wir kritischer sein und eine kantische Urteilskraft herausbilden müssen, mit der wir Quellen bewerten und Inhalte einordnen. Schließlich geht es um die Art und Weise, wie wir uns im vorpolitischen Raum austauschen, wie wir argumentieren, wie wir Konsens erzielen.

Die Zukunft unserer Debattenkultur entscheidet sich daher wesentlich an der Sichtbarkeit und breiten Nutzung von Vertrauensmedien. Solange belastbare Fakten und verlässliche Informationen den Diskurs bestimmen, werden wir eine vielstimmige demokratische Kultur erleben, einen fairen Wettbewerb der Ideen und Konzepte. Und eine lebendige Demokratie.

Autor: Staatsminister Dr. Wolfram Weimer ist Beauftragter für Kultur und Medien im Kanzleramt.

Neben der Entwicklung von Massenmedien und Demokratie darf die Lage der Leitmedien nicht aus dem Blick geraten. Denn sie prägen die Weichenstellungen der Gesellschaft. Anlässlich des fünfjährigen Bestehens von Table.Briefings blicken wir gemeinsam mit führenden Persönlichkeiten aus der Kommunikation in die Zukunft.

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