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Die Zukunft der Leitmedien entscheidet sich nicht nur am Küchentisch – aber auch.

von Mike Hughes

Ich erinnere mich daran, dass ich als kleiner Junge meinen Vater am Küchentisch oft hinter der Zeitung gesucht habe. An das Rascheln der Seiten. An die Laute – erstaunt, zustimmend, oft auch kritisch. Und an das vertraute Logo – als gebürtiger Ire waren das für mich The Irish Times oder die Business Post.

Eine Tageszeitung gehörte bei uns zur Familie. Sie taucht noch heute auf manchen alten Urlaubsfotos auf – als Strandlektüre am Meer. Ja – mein Vater ließ sie sich sogar in den Urlaub nachsenden. Ich habe diese Tradition fortgeführt. Auch meine Kinder erlebten ihren Vater als überzeugten Leser verschiedener Leitmedien – in Deutschland, in China, in Dänemark. Auch ich halte bis heute gern eine Zeitung in der Hand, selbst wenn ich längst digital lese, Podcasts höre und kurze Briefing‑Formate sehr schätze.

Doch schon meine Kinder als Millennials leben diese Tradition nicht mehr in derselben Weise. Meine Enkel sehen ihre Eltern zunehmend vor Bildschirmen. Damit verliert das haptische Produkt des Qualitätsjournalismus an Sichtbarkeit – selbst dann, wenn es inhaltlich weiterhin genutzt wird. Leitmedien werden heute oft noch gelesen, aber immer seltener gesehen. Damit verschwindet etwas Entscheidendes: Generationsübergreifende mediale Bindung als Lern‑ und Prägeprozess.

Früher war Mediennutzung innerhalb der Familie öffentlich. Heute ist sie privat, individuell und algorithmisch vermittelt. Das ist kein nostalgischer Befund, sondern ein grundlegender digitaler Strukturwandel. Wie sollen renommierte Formate Orientierung stiften, wenn sie im Alltag nicht mehr als gemeinsame Referenz existieren? Wenn Leitmedien nicht mehr selbstverständlich „vererbt“ werden, müssen sie sich die Aufmerksamkeit jeder Generation neu verdienen. Und das in einem Medienumfeld, das schneller, fragmentierter und oft im Scanner-Modus unterwegs ist – im Gegensatz zum idealtypischen „Eintauchen“ in eine Zeitung.

Für frühere Generationen waren etablierte Medien Institutionen. Für Gen Z – und die Generationen danach – sind Medien Interfaces: Streams, Feeds, Screens, Stimmen. Nicht mehr das Medium wird gewählt, sondern der Moment, das Format, der Impuls. Leitmedien konkurrieren heute weniger miteinander als mit umfassenden Aufmerksamkeitssystemen. In dieser Realität folgt Aufmerksamkeit zunehmend nicht Marken, sondern Menschen. Vertrauen entsteht weniger durch Institutionen als durch glaubwürdige Stimmen, deren Haltung, Kompetenz und Transparenz über Zeit beobachtbar sind. Leitmedien bleiben relevant, wenn sie nicht nur als Marke sprechen, sondern durch die Menschen, die für sie stehen – sichtbar, unterscheidbar, verlässlich.

Gerade darin liegt jedoch auch eine Chance. Leitmedien gewinnen ihre Relevanz nicht über Tempo oder Zuspitzung zurück, sondern über Unterscheidbarkeit: über Klarheit zwischen Beobachtung und Meinung, über Verlässlichkeit statt Reiz, über Einordnung statt Aufregung.

Journalismus als „sagen, was ist“ – ist erfolgreich, wenn Menschen wiederkommen, um genau dieses Gesagte einzuordnen. Vielleicht liegt die Zukunft der Leitmedien auch darin: diese Haltung für kommende Generationen wieder erkennbar, erklärbar und erfahrbar zu machen. Nicht als Tradition, sondern als Angebot. Nicht als Autorität, sondern als Orientierung. Und das passiert nicht allein auf Plattformen oder in Geschäftsmodellen. Sondern auch dort, wo Vertrauen entsteht und Menschen lernen, was ihnen wichtig ist: Im Alltag, im Gespräch und manchmal ganz unspektakulär – am Küchentisch.

Autor: Mike Hughes ist CEO DACH von Schneider Electric.

Neben der Entwicklung von Massenmedien und Demokratie darf die Lage der Leitmedien nicht aus dem Blick geraten. Denn sie prägen die Weichenstellungen der Gesellschaft. Anlässlich des fünfjährigen Bestehens von Table.Briefings blicken wir gemeinsam mit führenden Persönlichkeiten aus der Kommunikation in die Zukunft.

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