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Globale Ordnung im Umbruch: Angst im Norden, Handlungsmacht im Süden

von Len Ishmael, Stephan Klingebiel, Andy Sumner

Sind die heutigen globalen Turbulenzen ein Zeichen des Zusammenbruchs – oder einer überfälligen Neujustierung? An der Relevanz der Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos besteht kaum Zweifel. Es war ein kraftvoller Auftritt – nicht zuletzt, weil er auf osteuropäische Erfahrungen zurückgriff, insbesondere durch den ausdrücklichen Verweis auf Václav Havels Essay The Power of the Powerless aus dem Jahr 1978. Carneys Aufruf, „Koalitionen zu bilden, die funktionieren“, fand breite Resonanz – auch weil er, ohne Präsident Trump namentlich zu erwähnen, mit ungewöhnlicher Klarheit und Offenheit als westlicher Regierungschef über den Zustand des internationalen Systems und die grundlegenden Belastungen sprach, denen es derzeit ausgesetzt ist.

Doch neu ist das grundsätzliche Thema eigentlich nicht. Führende Politikerinnen und Politiker des Globalen Südens vertreten seit Langem die Auffassung, dass die Regeln der westlich geprägten liberalen Weltordnung inkonsequent angewendet werden und letztlich dem Westen zugutekommen. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat wiederholt tiefgreifende Reformen der globale Governance gefordert, ebenso wie Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa. Mia Amor Mottley, Premierministerin von Barbados, ist zu einer der entschiedensten Stimmen geworden, die argumentieren, dass die bestehenden globalen Strukturen den Globalen Süden systematisch benachteiligen.

Jüngst, am 19. Januar 2026, hielt Singapurs Verteidigungsminister Chan Chun Sing eine bemerkenswerte Rede, die auf drei Kernthesen beruhte: Erstens müssten kleine Staaten ihre Fähigkeiten ausbauen, um relevant zu bleiben; zweitens müssten gleichgesinnte Staaten aktiv Regeln und Normen verteidigen; und drittens seien dringend neue Normen erforderlich, um aufkommende Herausforderungen zu bewältigen – trotz der „Tyrannei des gegenwärtigen Moments“. Angesichts der besonderen Verwundbarkeit Singapurs gegenüber der Erosion internationaler Institutionen und Normen ist die Direktheit dieser Intervention von Bedeutung.

Zusammengenommen unterstreichen diese Beiträge zwei Punkte: Carneys Rede war ein Meilenstein. Zugleich ist sie Teil einer breiteren Debatte, deren Gehalt stark von Perspektive und Positionierung abhängt.

Die entscheidende Trennlinie verläuft heute nicht zwischen Ordnung und Chaos, sondern zwischen nördlicher Angst und südlicher Handlungsmacht.

Über Jahrzehnte wurden unfaire globale Strukturen in politischen Debatten des Nordens weitgehend ausgeblendet. Heute werden sie ernst genommen – in einem Moment, in dem die Führung der USA die Beziehungen zu Verbündeten offen untergräbt und gültige Normen schlicht missachtet. Dieser Wandel zeigt, wie sehr Wahrnehmungen globaler Ordnung vom jeweiligen Standpunkt abhängen. Es überrascht daher nicht, dass der Zustand der Weltpolitik regional sehr unterschiedlich interpretiert wird – ein Umstand, der von vielen Beobachterinnen und Beobachtern im Norden weiterhin unterschätzt wird.

Warum der Norden eine Krise sieht

Aus Sicht vieler nördlicher Akteure befindet sich das internationale System in einer tiefen Krise. Diese Sichtweise wurde auf bedeutenden politischen Foren wie der UN-Generalversammlung 2025 und der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 und 2026 deutlich artikuliert, wo führende Persönlichkeiten nicht nur vor Erosion, sondern vor Dysfunktion warnten. UN-Generalsekretär António Guterres mahnte, die „Säulen von Frieden und Fortschritt geraten ins Wanken“, und argumentierte, Multipolarität ohne wirksame multilaterale Institutionen berge das Risiko von Chaos.

Ebenso thematisieren europäische Entscheidungsträger die Koordination autoritärer Staaten und Blockpolitik als direkte Herausforderungen für die regelbasierte internationale Ordnung. Gleichzeitig schwächt der wachsende nationalistische Populismus innerhalb nördlicher Staaten die innenpolitische Unterstützung für Multilateralismus und höhlt damit die politischen Grundlagen aus, auf denen globale Governance beruht.

Entscheidend ist, dass diese Krise nicht nur als abstrakter Legitimitätsverlust erlebt wird, sondern als Rückgang der Problemlösungsfähigkeit. Institutionelle Blockaden in Gremien wie dem UN-Sicherheitsrat oder der WTO haben deren Handlungsfähigkeit eingeschränkt und eine Hinwendung zu minilateralen und ad-hoc-Formaten begünstigt. Machtbasierte Deals ersetzen zunehmend regelbasierte Kooperation, während normative Fragmentierung gemeinsame Grundlagen in Bezug auf Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit untergräbt. In dynamischen Feldern – von künstlicher Intelligenz bis hin zur digitalen Governance – wachsen regulatorische Lücken, was im Norden die Wahrnehmung verstärkt, dass globale Institutionen den Herausforderungen nicht mehr gewachsen sind, die sie eigentlich bewältigen sollen.

All diese Entwicklungen erklären, warum viele Akteure im Norden den gegenwärtigen Moment weniger als „Übergang“ denn als „Zusammenbruch“ interpretieren. Auf dem Spiel steht aus dieser Perspektive nicht nur Einfluss, sondern die grundsätzliche Regierbarkeit: die Sorge, dass bestehende Institutionen in einer fragmentierten und wettbewerbsbasierten Welt keine Stabilität, Vorhersehbarkeit oder kollektives Handeln mehr gewährleisten können.

Warum der Globale Süden eine Chance sieht

Aus Sicht vieler Akteure des Globalen Südens stellen sich diese Turbulenzen ganz anders dar. Für viele Länder signalisiert der gegenwärtige Moment nicht nur Risiko, sondern auch neue Gelegenheiten. Das Auseinanderfallen der liberalen Nachkriegsordnung wurde durch die außergewöhnliche Häufung von Schocks und Krisen beschleunigt – von der COVID-19-Pandemie über Kriege in Europa und im Nahen Osten bis hin zu Handelsfragmentierung, politischer Polarisierung in fortgeschrittenen Demokratien und sich wandelnden Allianzen. Während diese Entwicklungen im Norden Ängste vor schwindendem Einfluss schüren, folgen sie andernorts auf jahrzehntelange Unzufriedenheit mit einem internationalen System, das weithin als nicht repräsentativ und zutiefst ungerecht wahrgenommen wird.

Verschiebungen in den Machtverhältnissen schaffen Raum für größere Handlungsspielräume. Das wirtschaftliche Gravitationszentrum verlagert sich zunehmend in die Indo-Pazifik-Region, und viele Länder des Globalen Südens – oft als „Swing States“ oder multialigned Akteure beschrieben – sehen Chancen, eine Governance-Architektur neu mitzugestalten, die den heutigen Realitäten besser entspricht. Wachsende Forderungen nach Mitsprache und Inklusion finden institutionellen Ausdruck in Reforminitiativen, erneuten Debatten über die Bretton-Woods-Institutionen sowie in pragmatischem Koalitionsaufbau über traditionelle Nord-Süd-Grenzen hinweg.

Trotz finanzieller Engpässe und institutioneller Belastungen ist ein veränderungsorientierter Geist erkennbar. Viele Regierungen des Globalen Südens lehnen nicht Multilateralismus ab, sondern versuchen, ihn durch Süd-Süd-Kooperation, regionale Rahmenwerke und flexible, themenbezogene Koalitionen neu zu gestalten, die konkrete Ergebnisse liefern können. Aus dieser Perspektive kann das, was im Norden als Unordnung erscheint, als window-of-opportunity wahrgenommen werden, um Regeln, Normen und Institutionen der entstehenden globalen Ordnung aktiv zu prägen.

Handlungsmacht hat sich verschoben – und mit ihr der Multilateralismus

Ist der gegenwärtige Moment also Krise oder Chance für internationale Kooperation? Die Antwort lautet: beides. Für viele im Norden stehen etablierte Praktiken klar unter Druck, was ein allgegenwärtiges Krisengefühl erzeugt. Gleichzeitig sehen Akteure im Globalen Süden die Möglichkeit, ein inklusiveres und gerechteres multilaterales System zu gestalten – ein Ziel, das sie seit Langem verfolgen.

Was aus nördlicher Perspektive wie ein Zusammenbruch wirkt, kann aus südlicher Sicht als notwendige Anpassung erscheinen. Handlungsmacht hat sich verschoben – ebenso wie die Orte, an denen Kooperation stattfindet. Die Zukunft globaler Kooperation wird weniger in universellen Deklarationen geschrieben werden – und stärker davon abhängen, wer Handlungsmacht ausübt.

Autorin und Autoren:

Len Ishmael ist Professorin für Geopolitik an der Mohammed VI Polytechnic University in Marokko sowie Senior Fellow am Policy Center for the New South und am European Centre for Development Policy Management. Sie ist internationale Rednerin und Autorin zu Themen des Globalen Südens, der BRICS-Staaten und sich wandelnder Machtkonstellationen in einer multipolaren Welt.

Stephan Klingebiel leitet das Forschungsprogramm „Inter- und Transnationale Kooperation“ am German Institute of Development and Sustainability (IDOS). Darüber hinaus ist er Gastprofessor an der Universität Turin (Italien), Senior Lecturer an der Universität Bonn sowie Honorary Distinguished Fellow an der Jindal University (Indien).

Andy Sumner ist Professor für Internationale Entwicklung am King’s College London und Präsident des European Association of Development Research and Training Institutes. Zudem ist er Senior Non-Resident Research Fellow am United Nations University World Institute for Development Economics Research sowie am Center for Global Development und Fellow der Academy of Social Sciences.

Das Thema des vorliegenden Beitrags diskutieren die Autorin und die Autoren in einem kürzlich vom Policy Centre for the New South veröffentlichten policy paper.

Der Globale Süden umfasst 85 Prozent der Weltbevölkerung, ist in der Berichterstattung deutschsprachiger Medien jedoch vergleichsweise selten vertreten. Häufig stehen dann Krisen im Vordergrund, während andere Entwicklungen weniger Beachtung finden. Das Table.Forum Global South richtet den Scheinwerfer auf solchen Perspektiven und Erkenntnisse und lässt Expertenstimmen aus dieser Weltregion zu Wort kommen.

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