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Entrepreneurship für den Staat von morgen

von Max Senges und Malte Spitz

Unser Staat braucht eine neue Kultur des Miteinanders und Mitwirkens von Verwaltung und Bürger:innen ohne unnötige Bürokratie. Dafür braucht es einen unternehmerischen Geist, der sich nicht nur auf wirtschaftliche Profitmaximierung bezieht. Impact muss ein Kriterium für einen funktionierenden Staat werden. Wirksamkeit und Selbstwirksamkeit sind demokratische Emanzipations-Erfahrungen.

Fast ein Drittel der Menschen im Öffentlichen Dienst in Deutschland geht im kommenden Jahrzehnt in den Ruhestand. Was nach Krise klingt und/oder nach dem falschen Versprechen brachialer Rationalisierungen staatlichen Handelns à la Musk, Trump oder Milei, ist vielmehr eine historische Chance – für das demokratische Miteinander, aber auch für staatliches Handeln.

Starke demokratische Institutionen schaffen mehr Wohlstand – und verteilen ihn gerechter als Autokratien. Demokratie und soziale Marktwirtschaft sind Zukunftswerkzeuge und benötigen ein funktionierendes staatliches Handeln. Deswegen ist der Auftrag nicht, die Kettensäge anzuwerfen, sondern die Frage zu beantworten: Wie können wir Verwaltung und Mitgestaltung neu denken – schlanker, digitaler, bürgernäher?

Die Antwort ist eine neue Arbeitsteilung, eine neue Kultur des Miteinanders und Mitwirkens von Verwaltung und Bürger:innen ohne unnötige Bürokratie. Ein digitaler Staat bedeutet eine Zugänglichkeit rund um die Uhr, Transparenz, Offenheit und Raum zur Gestaltung von Lösungen. Selbstverständlich bleibt der Staat 100 Prozent verantwortlich für die Grundlagen unserer Gesellschaft – Menschenrechte, Schutz der Schwächsten, Sicherheit.

Darüber hinaus brauchen wir einen aktivierenden Staat, der Bürger:innen Vertrauen schenkt sie in die Verantwortung nimmt und Eigeninitiative fördert – einen “Entrepreneurial Staat”, der Herausforderungen und Chancen so aufbereitet, dass alle Gesellschaftsakteure gemeinsam zu Lösungen beitragen und gelungene Beispiele repliziert werden können.    

Zeit für einen Kulturwandel - Zeit für ein neues gesellschaftliches Betriebssystem

Die Transformation ist nicht nur unausweichlich, sondern längst überfällig. Stellen wir uns vor: Eine Kleinstadt in Thüringen, 8.000 Bürger:innen, 30 Verwaltungsangestellte. Statt Dauerüberlastung zu verwalten, schafft die Bürgermeisterin mit digitalen Plattformen Transparenz und Beteiligung: Schäden an der örtlichen Infrastruktur melden, Kinderbetreuung organisieren, Mitfahrgelegenheiten koordinieren – die Bürger:innen werden Teil der digital-vernetzten Lösungen, öffentliche Leistungen und private Angebote werden stärker zusammengedacht. Geflüchtete betreiben eines der letzten Gasthäuser mit Unterstützung der örtlichen Stadtgesellschaft und schaffen nicht nur Jobs, sondern auch interkulturelle Begegnungen und einen Raum für unternehmerische Chancen.

Ganzheitliche Wirkung statt Profit: Unternehmerischer Geist für Verwaltung und Gesellschaft

Schon lange ist klar: Der kreative Innovationsmotor, der Unternehmergeist, darf sich nicht nur auf wirtschaftliche Profitmaximierung fokussieren. Mit dem Begriff Impact (Wirkung) werden heute Entrepreneure trainiert, die mit ihren Unternehmungen auf soziale, ökologische und wirtschaftliche Wirkung abzielen. Diesen Unternehmergeist sowohl in der öffentlichen Verwaltung, als auch in uns Bürger:innen zu fördern und vor allem digital zusammenzubringen, erzeugt flächendeckend Wirkung und schafft einen “Entrepreneurial Staat”.

Im Kern geht es um Selbstwirksamkeit, ein Konzept, das in den sechziger Jahren vom Stanford-Psychologen Albert Bandura beschrieben wurde und seitdem in unterschiedlichen Formen sowohl für Individuen als auch weite Teile der Bevölkerung angewendet wird: Menschen müssen erleben, dass ihr Handeln und ihre Eigeninitiative Wirkung zeigen – im persönlichen wie im gesellschaftlichen Kontext. Die Förderung von Selbstwirksamkeit ist deshalb demokratisch essenziell, damit Bürger:innen nicht nur passiv regiert werden, sondern erfahren, dass sie aktiv mitgestalten können. Diese Selbstwirksamkeit ist zentral für die neue Kultur des Miteinanders.

Digitale Plattformen und Dienste können diese Emanzipation enorm befördern – wenn wir sie klug nutzen. Die Digitalisierung bietet nicht nur Technik, sondern auch die Möglichkeit, digitale öffentliche Räume anzubieten, in denen sich Gemeinschaften formen, die Lösungen finden und umsetzen. Eine Deutschland-App könnte dafür ein wesentliches Tool des Zugangs werden. Die Idee einer europäischen Medienplattform wäre eine solch neue Unternehmung, in der öffentliche und individuelle Interessen zusammenkommen.

Wir sind überzeugt, dass Entrepreneurship beim Staat von morgen mitgedacht werden muss, damit das produktive Potenzial Deutschlands auf allen Ebenen – in Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft – wieder gehoben und unnötige Bürokratie identifiziert und abgeschafft werden kann. 

Mit diesen Impulsen können wir durch die Kultur des Miteinanders Vertrauen in staatliche Institutionen ausbauen und damit unsere Demokratie stärken und eine unternehmerische, solidarische und zukunftsfähige Gesellschaft fördern. Die kommende Bundesregierung muss also nicht nur eine Staatsreform angehen, um die Zukunftsfestigkeit und Handlungsfähigkeit der Verwaltung zu erhalten, sondern auch weiterdenken für ein neues Miteinander und den “Entrepreneurial Staat” als Denkansatz, mit dem Lösungen gemeinsam von Verwaltung und Bürger:innen entwickelt werden.

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Autoren:

Malte Spitz ist Mitglied im Nationalen Normenkontrollrat (NKR), Generalsekretär der Menschenrechtsorganisation Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) und war im Bundesvorstand und Parteirat von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

Max Senges ist Gastprofessor für Entrepreneurship an der Universität der Künste Berlin, sowie Leiter des Peer-Learning Campus der Stiftung Entrepreneurship. Er war Gründungs-CEO der Softwareentwickler Hochschulen 42 Wolfsburg und 42 Berlin.

Deutschland diskutiert über eine Staatsreform. Wie wird der Staat zukunftsfest, wie bleibt die Demokratie stark? Im Table.Forum Staatsreform versammeln wir Expertinnen und Experten aus Politik und Verwaltung mit ihren Analysen, Vorschlägen und Debattenbeiträgen für die nächste Bundesregierung.  

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