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Die China-Kompetenten

von Ágota Révész

Ich möchte in fünf (+1) Punkten zusammenfassen, was für mich – nach vierzig Jahren Erfahrung – echte China-Kompetenz ausmacht.

  1. Ein China-Kompetenter kann akzeptieren, dass Chinesen selbst denken können. Ich habe unzählige Situationen erlebt, in denen ein chinesischer Partner oder Kollege etwas über China sagte, dass nicht unserer (westlichen) Sichtweise entsprach – zum Beispiel eine eher positive Einschätzung der zentralen Führung. Die Reaktion im Raum war oft lautlos, aber spürbar: „Der hat bestimmt Angst“ oder „Der ist halt indoktriniert.“ Dass jemand vielleicht einfach tatsächlich meint, was er sagt, wurde erstaunlich selten als Möglichkeit in Betracht gezogen. Der erste Schritt zu China-Kompetenz besteht daher ganz banal darin, Chinesen für denkfähige Menschen zu halten.

  2. Ein China-Kompetenter missioniert nicht. Das heißt: Er geht nicht automatisch davon aus, ideologisch oder moralisch auf einer höheren Stufe zu stehen als die Chinesen. Demokratie wird heute mit derselben Begeisterung exportiert, mit der früher das Christentum exportiert wurde. Mit China-Kompetenz hat das allerdings wenig zu tun. Denn wer missioniert, hat meist schon vorher beschlossen, was richtig und was falsch ist. China-Kompetenz beginnt dagegen dort, wo man zuerst verstehen will, bevor man bewertet.

  3. Ein China-Kompetenter hält es aus, dass andere China anders sehen. In Politik, Medien und Chinaforschung haben sich inzwischen recht stabile Meinungsblasen gebildet. Das ist vermutlich unvermeidlich. Wichtig wäre nur, dass man noch miteinander spricht. Wer eine andere Meinung zu China hat, ist nicht automatisch böse, gekauft oder ein Spion – egal, in welche Richtung die Meinung geht. Die allermeisten Menschen, die sich mit China beschäftigen, versuchen schlicht, das Land und seine Entwicklungen zu verstehen. Ein China-Kompetenter erkennt deshalb auch, dass China so komplex ist, dass unterschiedliche Perspektiven nicht nur unvermeidlich, sondern sogar notwendig sind, wenn wir dem Land überhaupt einigermaßen gerecht werden wollen.

  4. Ein China-Kompetenter weiß, dass seine eigene Kompetenz Grenzen hat. Das ist keine Schwäche, sondern unvermeidlich. Niemand kann gleichzeitig Spezialist für Demografie, Finanzen, künstliche Intelligenz, Geschichte, Innenpolitik und chinesische Popkultur sein. China ist schließlich kein Fachgebiet, sondern ein Land. Wirkliche China-Kompetenz entsteht deshalb meist dort, wo China-Wissen mit einem anderen Fachgebiet verbunden wird.

  5. Ein China-Kompetenter ist immer auch ein bisschen Diplomat. China wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Wir müssen also lernen, mit China umzugehen, und zwar möglichst so, dass es auch unseren Interessen dient. Ein rein wertebasierter Ansatz führt oft direkt in den Konfliktmodus. Ein interessenbasierter Ansatz schafft dagegen zumindest die Möglichkeit zu verhandeln. Beides – Interessen erkennen und vernünftig verhandeln – setzt allerdings China-Kompetenz voraus.

+1) China-Kompetenz ist kein Schimpfwort, und Chinesisch zu sprechen ist keine Form ideologischer Verunreinigung. Wer sich ernsthaft mit China beschäftigt, sollte sich dafür nicht rechtfertigen müssen.

Autorin: Dr. habil. Ágota Révész ist Professorin an der Károli-Gáspár-Universität der Reformierten Kirche in Budapest.

Ohne China-Kompetenz können viele Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kaum sinnvoll und vorausschauend getroffen werden. Doch wer kann Mandarin oder versteht zumindest Grundzüge des Denkens in China? Das Table.Forum China-Kompetenz will ermitteln, welche Möglichkeiten es gibt, die China-Kompetenz zu steigern, schnell und langfristig. In diesem Table.Forum diskutieren deswegen nicht nur Ostasien-Fachleute. 

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