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Warum wir jetzt eine erweiterte Debatte brauchen

von Sigrun Abels

China-Kompetenz entsteht im Alltag – und sie ist heute unverzichtbar

China-Kompetenz entsteht in den Routinen von Hochschulen, Forschung und Verwaltung. Als Leiterin des China Centers der TU Berlin sehe ich täglich, wie groß der Bedarf an Orientierung und fundierter Chinakompetenz ist – bei Studierenden ebenso wie bei Forschenden und KollegInnen. Unsere Formate reichen von China-Kompetenz‑Zertifikaten über Spring Schools in Taipei und Summer Schools in Shanghai bis zu Semesteraufenthalten und Doppelmasterprogrammen für über 1.000 Studierende pro Semester. Hinzu kommen Projekte an Schulen, Weiterbildungen für WissenschaftlerInnen und interdisziplinäre Forschungskooperationen.

Ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit ist zudem, dass wir uns jedes Jahr viele Wochen in China aufhalten – zur Forschung und zur Lehre und zum Austausch mit unseren Partnerinstitutionen. Wir nehmen auch unsere Studierenden mit, damit sie die Möglichkeit haben, China unmittelbar zu erleben und sich ein eigenes, differenziertes Chinabild zu erarbeiten.

Neben den vielen Chancen, die Kooperationen eröffnen, gehört auch der reflektierte Umgang mit möglichen Risiken zu einer umfassenden China-Kompetenz. Sie bedeutet, Chancen realistisch einzuschätzen, Fehler zu vermeiden, Kooperationen verantwortungsvoll zu gestalten und Chinas Rolle als Wissenschaftsmacht präzise einzuordnen. In zahlreichen Hochtechnologien gilt China heute bereits als führend. Wer diese Dynamiken versteht, kann Kooperationen besser gestalten und wissenschaftspolitisch souveräner handeln.

Warum China-Kompetenz für Deutschland und kommende Generationen so wichtig ist

China-Kompetenz ist kein Nischenthema. Sie entscheidet darüber, wie wir wissenschaftlich zusammenarbeiten, wie wir wirtschaftliche Abhängigkeiten und Chancen abwägen, wie wir politisch wirksam agieren können und wie gesellschaftliche Debatten geführt werden. Vor allem aber ist sie eine Investition in kommende Generationen, die in einer Welt leben werden, in der China als Wissenschafts‑, Technologie‑ und Wirtschaftsmacht eine zentrale Rolle spielt. China-Kompetenz stärkt Deutschlands Fähigkeit, souverän zu handeln – heute und in Zukunft.

Welche Risiken bestehen – und aus welchen Perspektiven

Die Risiken in der Zusammenarbeit mit China sind real, aber sie unterscheiden sich je nach Bereich. Politisch geht es um Abhängigkeiten, Einflussnahme und geopolitische Spannungen. Akademisch stehen Dual‑Use‑Risiken, eingeschränkte Forschungsfreiheit und asymmetrische Kooperationen im Raum. Wirtschaftlich spielen Technologietransfer, Wettbewerbsdruck und Lieferkettenabhängigkeiten eine Rolle. Und gesellschaftlich können Polarisierung, Fehlinformationen und kulturelle Missverständnisse die Zusammenarbeit belasten. Diese Risiken müssen ernst genommen werden – aber sie dürfen nicht dazu führen, dass wir Kooperation grundsätzlich vermeiden. Entscheidend ist, wie wir sie gestalten.

Was wir für bessere Zusammenarbeit, Unabhängigkeit und Risikominimierung brauchen

Um China-Kompetenz zu stärken und Kooperation verantwortungsvoll zu gestalten, brauchen wir ein systematischeres Wissen über China, sein Wissenschaftssystem und seine Institutionen. Wir benötigen bessere Datenanalysen und transparente Informationsgrundlagen sowie offene, verlässliche Datenbanken zu chinesischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Ebenso wichtig sind klare Leitlinien für Kooperationen, die Risiken minimieren und Chancen ermöglichen, sowie stärkere institutionelle Ressourcen, um Expertise aufzubauen und zu halten. Und nicht zuletzt brauchen wir Austauschformate, die Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Medien und Gesellschaft zusammenbringen. Nur so lassen sich fundierte Entscheidungen treffen – und verantwortungsvolle Kooperationen gestalten.

Ein wachsender Markt an Risiko‑Tools – und ein Beispiel aus der Praxis

Mittlerweile sind zahlreiche Angebote entstanden, die Hochschulen helfen sollen, Risiken in der Zusammenarbeit mit China einzuschätzen. Viele warnen vor potenziellen Gefahren, andere geben bewusst grünes Licht für risikoärmere Kooperationen oder Projekte ohne Dual‑Use‑Bezug. Auch die TU Berlin hat im China Center z. B. ein solches Instrument entwickelt: den ChinaRiskNavigator. Er ist offen zugänglich, kostenfrei nutzbar und bietet als Bottom‑up‑Tool umfangreiche Daten zu chinesischen Hochschulen. Gemeinsam mit unseren ExpertInnen helfen wir, diese Informationen einzuordnen und für die Bedingungen einer chinesisch‑deutschen akademischen Kooperation nutzbar zu machen.

Fazit: China-Kompetenz ist eine Gemeinschaftsaufgabe

China-Kompetenz entsteht nicht im Elfenbeinturm, sondern im Austausch zwischen Sektoren und Generationen.

Autor: Dr. Sigrun Abels ist Leiterin des Center for Cultural Studies on Science and Technology in China (CCST, China Center) an der TU Berlin sowie Geschäftsführerin des Konsortiums deutscher CDHK-Partneruniversitäten (Chinesisch-Deutsches Hochschulkolleg der Tongji Universität Shanghai).

Ohne China-Kompetenz können viele Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kaum sinnvoll und vorausschauend getroffen werden. Doch wer kann Mandarin oder versteht zumindest Grundzüge des Denkens in China? Das Table.Forum China-Kompetenz will ermitteln, welche Möglichkeiten es gibt, die China-Kompentenz zu steigern, schnell und langfristig. In diesem Table.Forum diskutieren deswegen nicht nur Ostasien-Fachleute.

Unser Partner: Verbund der Chinazentren an deutschen Hochschulen, gefördert von der VolkswagenStiftung

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