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China-Kompetenz: Voraussetzung für strategische Handlungsfähigkeit

von Kai Sicks

Die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit Chinas wächst schneller, als wir es in Deutschland manchmal wahrnehmen. Bereits 2023 waren chinesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler leitend an rund 45 Prozent der wissenschaftlichen Kooperationen zwischen den USA und China beteiligt. Prognosen zufolge könnten beide Länder bis 2028 gleichauf liegen. Auch in strategischen Technologien – von Künstlicher Intelligenz über Halbleiter bis zu neuen Materialien – gewinnt China rasant an Gewicht. Die staatliche Forschungsförderung wird kontinuierlich ausgebaut, und rund 150 Universitäten der „Double First Class Initiative“ sollen gezielt in die Weltspitze geführt werden. Im Leiden Ranking 2025 stammen bereits acht der zehn forschungsstärksten Universitäten aus China.

China verfolgt damit ein klares Ziel: Bis zum hundertjährigen Bestehen der Volksrepublik im Jahr 2049 in zentralen Bereichen weltweit führend zu sein und damit seinen globalen Machtanspruch auch in der Wissenschaft einzulösen. Für Deutschland ergibt sich daraus kein abstraktes Zukunftsszenario, sondern eine konkrete strategische Frage: Verfügen wir über genügend Wissen, Erfahrung und analytische Kompetenz, um mit dieser Entwicklung umzugehen? In der Wissenschaft, aber gerade auch darüber hinaus?

Mit Blick auf Spracherwerb und Austausch fällt die Antwort hierauf ernüchternd aus. In Deutschland studieren rund 2.500 junge Menschen Sinologie. Zwar lernen deutlich mehr Studierende Mandarin – mangels Alternative auch an den umstrittenen Konfuzius-Instituten, doch nur wenige erreichen ein Niveau, das eine souveräne Kommunikation oder die Analyse komplexer Texte ermöglicht. Gleichzeitig ist die Zahl deutscher Studierender in China während der Corona-Pandemie drastisch gesunken: von rund 8.000 im Jahr 2019 auf etwa 1.700 im Jahr 2023. Seit 2024 ist wieder ein leichter Anstieg zu verzeichnen – allerdings auf niedrigem Niveau.

Wenn Deutschland den Umgang mit China strategisch gestalten will – politisch, wirtschaftlich und wissenschaftlich – braucht es mehr Anstrengung beim Aufbau von China-Kompetenz in der Breite und bei der akademischen Mobilität.

Wissen bündeln, Expertise nutzbar machen

In der Spitze ist China-Kompetenz in Deutschland durchaus vorhanden – allerdings oft fragmentiert. Hochschulen verfügen über einschlägige Expertise in vielen Disziplinen: von der Sinologie über die Regionalwissenschaften bis hin zu Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Dieses Wissen wird bislang nur an wenigen Stellen zusammengeführt. Notwendig sind institutionelle Strukturen, die vorhandene Kompetenzen bündeln, etwa in sogenannten „China-Zentren“. Interdisziplinäre Kompetenzteams können dort wissenschaftliche Expertise, Kooperationserfahrung und administrative Kenntnisse – etwa auch zu Exportkontrolle oder Forschungssicherheit – zusammenführen. Sie schaffen damit die Grundlage für belastbare China-Strategien auf Hochschulebene.

Zudem sollte individuelle China-Kompetenz an den Hochschulen auch jenseits der Fachwissenschaften gezielter gefördert werden – bei Studierenden ebenso wie bei Forschenden. Sprachkenntnisse sind dabei nur ein Baustein. Ebenso entscheidend sind interkulturelle Kompetenz, vertieftes Wissen über politische und gesellschaftliche Entwicklungen sowie die Fähigkeit, Chancen und Risiken wissenschaftlicher Kooperationen realistisch zu bewerten. Auch hier können die genannten „China-Zentren“ eine wichtige Rolle spielen.

Mobilität stärken – auch im strategischen Interesse

Wer China verstehen will, muss China erleben. Studiensemester, Summer Schools, Forschungsaufenthalte oder gemeinsame Projekte vermitteln Erfahrungen, die sich nicht aus der Distanz ersetzen lassen. Aus unserer Arbeit im DAAD wissen wir, wie entscheidend diese persönlichen Erfahrungen für den Aufbau belastbarer Expertise sind. 2024 waren nach dem pandemiebedingten Einbruch wieder 620 Studierende, Promovierende und Forschende mit DAAD-Förderung in China. DAAD-Programme wie „Sprache und Praxis in der VR China“ zeigen, wie sich Sprachkompetenz und Praxiserfahrung sinnvoll verbinden lassen. Sie eröffnen Einblicke in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur – und schaffen damit genau jene Differenzierungsfähigkeit, die im Umgang mit China zunehmend erforderlich ist.

Vor diesem Hintergrund ist Mobilität kein Selbstzweck. Sie ist nicht zuletzt ein Instrument zur Sicherung von Wissen und Urteilskraft.

Kooperation – mit klarem Kompass

Beim Ausbau von Kooperation und Mobilität gilt zugleich: Der Aufbau von China-Kompetenz muss unabhängig und unter Abwägung möglicher Risiken erfolgen. Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern ist wissenschaftlich oft wertvoll – gerade in global relevanten Forschungsfeldern. Allerdings nur, solange Transparenz, Forschungssicherheit und institutionelle Eigenständigkeit gewahrt bleiben. Dazu braucht es nicht zuletzt den Mut zum kritischen Dialog. Der DAAD unterstützt seine Mitgliedshochschulen dabei und hat Anfang 2024 Vorschläge für eine realistische Ausgestaltung der Wissenschaftskooperation mit China vorgelegt, die regelmäßig um weiterführende Handreichungen ergänzt werden – zuletzt etwa über den Datenaustausch mit chinesischen Wissenschaftseinrichtungen.

Deutschland wird die Wissenschaftsmacht China nicht ignorieren können. Umso wichtiger ist es, das Land differenziert zu verstehen. Der Aufbau von China-Kompetenz ist deshalb keine akademische Spezialfrage. Er ist eine Voraussetzung für strategische Handlungsfähigkeit – in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.

Autor: Dr. Kai Sicks ist Generalsekretär des Deutschen Akademischer Austauschdienstes (DAAD).

Ohne China-Kompetenz können viele Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kaum sinnvoll und vorausschauend getroffen werden. Doch wer kann Mandarin oder versteht zumindest Grundzüge des Denkens in China? Das Table.Forum China-Kompetenz will ermitteln, welche Möglichkeiten es gibt, die China-Kompetenz zu steigern, schnell und langfristig. In diesem Table.Forum diskutieren deswegen nicht nur Ostasien-Fachleute.

Unser Partner: Verbund der Chinazentren an deutschen Hochschulen, gefördert von der VolkswagenStiftung

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