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Ein Plädoyer für wachsame Offenheit (nach innen und außen)

von Markus Taube

China-Wissen hat in den vergangenen Jahren enorm an Wert gewonnen. Was früher vielleicht einmal eine intellektuelle Sinekure gewesen sein mag, ist heute von grundlegender Bedeutung für unser (geo)politisches und ökonomisches Handeln. Um deutsche Interessen gegenüber China und einer zunehmend von China beeinflussten Welt bestmöglich zu vertreten, ist es zwingend notwendig, zu verstehen, wie China „funktioniert“. Welche Akteure haben welche Entscheidungsgewalten? Was sind die grundlegenden Interessen und Anreizstrukturen, die ihrem Handeln zugrunde liegen? Über was für Ressourcen verfügen sie – jetzt und perspektivisch in der Zukunft? Welche gesellschaftlichen, ökologischen, technologischen o.a. Kräfte verändern u.U. das bestehende Gleichgewicht im „System China“?

Die Generierung und Diffusion derartigen Wissens in Deutschland braucht Institutionen, die Individuen und Organisationen dazu bewegen (Lebens)zeit und Ressourcen in den Erwerb entsprechender Kompetenzen zu investieren und das erarbeitete Wissen dann auch entscheidungstragenden gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Gremien zur Verfügung zu stellen. Bedauerlicherweise sind diese institutionellen Strukturen in Deutschland nicht in dem Maße vorhanden, wie dies wünschenswert und notwendig wäre. Zu vieles verharrt noch in verkrusteten Traditionen und kann die Anforderungen der Gegenwart nicht im gebotenen Maße bedienen.

Worum geht es? Wissen über China entsteht zum einen in Forschungseinrichtungen, die sich explizit mit verschiedenen Aspekten von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft des Landes auseinandersetzen. Zum anderen erwächst China-Kompetenz aber auch, und insbesondere, über die direkte Interaktion mit China im Rahmen von Geschäftsbeziehungen, Forschungskooperationen, gesellschaftlichem Austausch und natürlich der politischen Interaktion.

Auf beiden Ebenen wird das Potenzial derzeit nicht voll ausgeschöpft. Ein entscheidender Grund hierfür liegt in einer allgemeinen Verunsicherung darüber, inwiefern die Interaktion mit China „erlaubt“ und für Deutschland von Vorteil ist. Wirtschaftsbeziehungen und Forschungskooperationen, die bis vor Kurzem noch als grundsätzlich positiv und wohlfahrtsfördernd verstanden wurden, stehen nun unter dem Generalverdacht, Vehikel chinesischer Subversion und Spionage zu sein. Keine Frage, die grundlegenden Wertekulturen wie auch die geopolitischen Interessen Chinas und Deutschlands divergieren zunehmend. Dazu kommt, dass China mittlerweile als ernstzunehmender Konkurrent begriffen wird, der auf vielen Ebenen zu den stärksten Mächten der Weltgemeinschaft gehört. D.h. ökonomische (u.a.) Abhängigkeiten können von China zur Durchsetzung von Interessen eingesetzt werden, die nicht den Deutschen entsprechen (economic/technological statecraft). Divergierende Wertesysteme und korrespondierende geopolitische Machtprojektion seitens Chinas konstituieren zudem tatsächlich eine harte Systemrivalität. Diese Situation gilt es bewusst zu machen und eigenes (deutsches) Handeln danach auszurichten! Falsch ist es aber, wenn eine Stimmung der Angst und Verunsicherung gefördert wird, die jeglichen Kontakt mit China unter Generalverdacht stellt. Wenn die default-Reaktion auf jeden möglichen Austausch mit China ein „lieber nicht“ ist, dann vergeben wir uns die Chance, über direkte Partizipation mehr über die aktuellen Entwicklungen in China zu lernen, an Innovationen teilzuhaben und letztlich auch Strukturen in China mitzuprägen. Gerade in Zeiten zunehmender Konflikte und divergierender Interessen sollten wir versuchen, den Austausch zu stärken, nicht abzubauen. Gelingen kann dies mit einer Kultur wachsamer Offenheit, in der Risiken konkret adressiert werden. Diffuse Ängste aber müssen abgebaut und dürfen nicht weiter geschürt werden. Politik und Medien stehen hier in der Pflicht.

Wie wird bestehendes Wissen über China am besten in der Gesellschaft verbreitet und Entscheidungsträgern zugänglich gemacht? China-Wissen, das an Universitäten und in Unternehmen aufgebaut wird, bleibt oftmals innerhalb dieser Sphären gefangen und kommt kaum der größeren Gemeinschaft zu Gute.

Universitäre Forschung wird prinzipiell veröffentlicht, bleibt aber faktisch nur einem kleinen Kreis zugänglich. Die China-Wissenschaft muss ihre Erkenntnisse viel intensiver in die Gesellschaft einbringen. Hierzu müssen neue Outreach-Formate entwickelt werden. Viel wichtiger aber noch: Es müssen entsprechende Anreize für Hochschulleitungen, Fakultäten und individuelle Forscher gesetzt werden. Hier bedarf es eines grundlegenden Umdenkens.

Unternehmensinternes Wissen wird oft als Wettbewerbsparameter gesehen und von daher bewusst nicht geteilt. Die in Unternehmen und Organisationen akkumulierte China-Kompetenz wird aber trotzdem zumindest ansatzweise von Medien, Verbänden, Thinktanks, Hochschulforschern aufgenommen und einer breiteren Öffentlichkeit zugeführt. Dies geschieht mit unterschiedlichen Methoden, Formaten und Zielsetzungen. Daher gilt, umso mehr Akteure hier aktiv sind, desto mehr Facetten der chinesischen Realität können in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht werden. D.h., es muss vermieden werden, dass eine Einrichtung oder eine Position das in Deutschland vorherrschende China-Bild dominiert. Es braucht offene Dialogforen und einen vielstimmigen gesellschaftlichen Diskurs. Nichts ist schädlicher, als nur eine „korrekte“ Interpretation zu China zuzulassen und andere Positionen ins Abseits zu schieben – auf Neudeutsch: zu „canceln“. Der Eindruck drängt sich allerdings auf, dass genau dies zunehmend geschieht, und in Deutschland ein China-Bild verankert wird, das von Ängsten geprägt ist und die Realität in China zunehmend verzerrt wiedergibt. De facto wird die chinesische Realität aber von zahllosen Widersprüchen und Ambiguitäten geprägt. Auch wir müssen uns trauen, die „Wahrheit in den Tatsachen zu suchen“. Denn der vorurteilsfreie, unverbrämte Blick ist die Grundvoraussetzung für das Erkennen dessen wie China in seinem Innersten tatsächlich funktioniert. Und damit die Basis, um deutsche Interessen mit Bezug zu China bestmöglich durchsetzen zu können.

China-Wissen und China-Kompetenz sind keine statischen Bestandsgrößen, sondern müssen immer wieder von neuem geschaffen und an sich verändernde Realitäten angepasst werden. Umso mehr Akteure in Deutschland an diesem Prozess teilhaben, und je mehr Stimmen gehört werden, desto besser.

Autor: Prof. Dr. Markus Taube ist Inhaber des Lehrstuhls „Ostasienwirtschaft China“ an der Mercator School of Management der Universität Duisburg-Essen.

Ohne China-Kompetenz können viele Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kaum sinnvoll und vorausschauend getroffen werden. Doch wer kann Mandarin oder versteht zumindest Grundzüge des Denkens in China? Das Table.Forum China-Kompetenz will ermitteln, welche Möglichkeiten es gibt, die China-Kompetenz zu steigern, schnell und langfristig. In diesem Table.Forum diskutieren deswegen nicht nur Ostasien-Fachleute.

Unser Partner: Verbund der Chinazentren an deutschen Hochschulen, gefördert von der VolkswagenStiftung

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