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Welche Kompetenz braucht man für China?

von Marcus Hernig

Keine Sache allein von Fachleuten

Kompetenz ist ein komplexer Begriff, ein sperriges Wort, wie ich finde, dass einem in seiner Schwere zunächst einmal Angst macht. In Deutschland lassen wir nur allzu gerne „kompetente Expertinnen und Experten“ oder Menschen mit ausgereifter Fachkompetenz zu Wort kommen, bevor wir einer Sache wirklich vertrauen. Das ist gute deutsche Tradition und oft auch nicht falsch.

Mit der Kompetenz ist es ein wenig wie mit der Nachhaltigkeit. Man braucht sie in Zeiten wie diesen zweifellos, aber sie droht sich begrifflich schnell überall einzuschleichen, bevor wir sie überhaupt begriffen haben.

Neugier und Offenheit sind gefragt

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich schätze kompetente Menschen sehr, bin auch ein absoluter Freund dessen, was man „Chinakompetenz“ nennt und was man in Seminaren, Workshops und ähnlichen Veranstaltungen Studierenden oder Wirtschaftsmanagern vermittelt. Ich gehöre sogar zu denjenigen, da bin ich mir ziemlich sicher, die als eine der ersten, Dinge anderen Menschen vermittelt haben, die man heute gern unter dem Begriff „Chinakompetenz“ fasst: Wissen über Chinas Geschichte, Chinas Politikbegriff, Chinas Gesellschaftsauffassung, Chinas Sicht auf die Welt, Chinas kulinarische Kultur (wer da kompetent ist, hat es schon weit gebracht!), Chinas Außenwirtschaft, die neue Seidenstraße und vieles mehr. Ich liebe diese Themen – und gebe das, was ich darüber weiß, am Allerliebsten an junge, interessierte Menschen weiter, die es für eine Welt, in der es die Trennung in Ost und West hoffentlich bald nicht mehr gibt, auch benötigen. Jung sind auch diejenigen, die so alt sind wie ich selbst oder noch älter, aber offen sind für das, was Chinesen und andere Nichteuropäer über unsere gemeinsame Zeit und Zukunft zu sagen haben.

Perspektivwechsel als Kernkompetenz

Und da bin ich schon etwas unvermittelt beim Grundlegenden gelandet, was für mich der Anbeginn aller „Chinakompetenz“ ist: Neugier auf das Andere, Empathie für das Fremde – und vor allem Lust darauf, das Bekannte und Gewohnte zu überschreiten. Der Weg nach China bietet trotz aller globalisierter Gleichheit noch immer diese Chance, die Chance auf einen „Perspektivwechsel des Denkens“, wie der französische Philosoph und Sinologe François Jullien das nennt.

Der Perspektivwechsel verlangt eine Umkehrung des Blicks, einen Standpunkt, der von China aus die Welt betrachtet und uns Europäer und Deutsche von diesem Standpunkt aus beurteilt, der gewohnte Gesetzmäßigkeit wie das „Entweder-Oder“- Denken in Frage stellt und stattdessen auffordert, Dinge von ihrer Wirksamkeit her zu betrachten. Auch das hilft, die alte Dichotomie zwischen Ost und West endlich zu überwinden.

Für mich beginnt mit dem Perspektivwechsel Wissenskompetenz, wie wir sie in zahlreichen Kursen und Seminaren vermitteln, erst wirksam zu werden: Wer zusätzlich zu seinen deutschen auch mit chinesischen Augen zu sehen gelernt hat, der kann mit seinem erlernten Sprachwissen, seinem erlesenen Wissen über Chinas Geschichte oder Politik plötzlich etwas anfangen. Wer auch nur einfaches Chinesisches spricht – dabei sein chinesisches Gegenüber bereits versteht, ohne zu viele Worte zu machen, der ist kompetenter als der linguistisch gut geschulte Mensch, der viel redet, ohne dabei zu fühlen, ob das, was er redet, auch wirklich ankommt. Wissens- und Sprachkompetenz allein machen den „chinakompetenten Menschen“ noch lange nicht aus.

Mehr Wissenskompetenz für eine neue Welt

Mehr Wissen über, um und aus China ist wichtig für die Welt, die aus vernetzten Regionen besteht, denn China ist einer der am besten vernetzten Knotenpunkte dieser neuen Weltkarte. Doch China ist wiederum ein Teil der Region Asien, die untereinander sich wirtschaftlich, technologisch, aber auch kulturell mehr und mehr vernetzt. Es entstehen neue Ökosysteme, neue Märkte, neue Lebenswelten, die nicht allein, aber doch stark von China mitgeprägt werden. Hier werden sich künftig neue Entwicklungschancen auch für Deutschland und Europa ausbilden, die Perspektiven bieten, die wir heute noch nicht kennen. Auch das gilt es wahrzunehmen, näher zu betrachten und zu verstehen.

Mehr Wissen über China und Nichteuropa zielt auch auf einen grundsätzlichen Perspektivwechsel, den unsere Bildungsverantwortlichen vollziehen müssen: Asien ist deshalb so erfolgreich, weil es von Europa so vieles gelernt hat. Europa kann künftig wieder erfolgreicher sein, wenn es…und der Leser ist nun kompetent genug diesen Satz selbst zu vollenden.

Autor: Prof. Dr. Marcus Hernig ist Professor für deutsch-chinesischen Austausch und Asien-Europa-Beziehungen an der University of Shanghai for Science and Technology (USST).

Ohne China-Kompetenz können viele Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kaum sinnvoll und vorausschauend getroffen werden. Doch wer kann Mandarin oder versteht zumindest Grundzüge des Denkens in China? Das Table.Forum China-Kompetenz will ermitteln, welche Möglichkeiten es gibt, die China-Kompetenz zu steigern, schnell und langfristig. In diesem Table.Forum diskutieren deswegen nicht nur Ostasien-Fachleute.

Unser Partner: Verbund der Chinazentren an deutschen Hochschulen, gefördert von der VolkswagenStiftung

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