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China-Kompetenz als Voraussetzung erfolgreicher Diplomatie

von Wolfgang Röhr

Kurz nachdem ich 1986 meinen Dienst in der Politischen Abteilung der Botschaft Peking angetreten hatte, traf ich mich mit meinem britischen Kollegen. Ich war ein wenig stolz auf meine Chinesischkenntnisse, die ich in zehn Doppelstunden spätabends in Bonn erworben hatte. Mein Kollege berichtete mir von seiner Vorbereitung: sechs Monate ganztägiger Chinesischunterricht in London und sechs Monate Sprachausbildung in Taiwan. Damals machte ich mir zum ersten Mal Gedanken darüber, ob die Vermittlung von China-Kompetenz – auch wenn es das Wort damals noch nicht gab – in Deutschland noch Luft nach oben hatte.

Die Antwort ist natürlich ja. Nach eineinhalb Jahrzehnten für das Auswärtige Amt in China und acht Jahren als Universitätslehrer in Shanghai ist mir klar, was ich damals alles nicht wusste – und ich verstehe auch, dass es heute immer noch nicht genug ist. Aber eine Reihe überflüssiger und peinlicher Fehler, die ich in den achtziger Jahren gemacht habe, hätte ich mit besserer Vorbereitung leicht vermeiden können.

Sprachkenntnisse sind nicht gleich China-Kompetenz. Richtig verstandene China-Kompetenz ist ohne vor Ort erworbene, eingehende Landeskenntnisse nicht denkbar; sie erfordert überdies fundiertes Wissen über historische Zusammenhänge sowie über Partei, Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Recht ebenso wie interkulturelle Sensibilität und gute Analysefähigkeit.

Als bald nach meinem Eintreffen in Peking die „Kampagne gegen bürgerliche Liberalisierung“ das Land durchrüttelte, steckten die politischen Referenten der EU-Botschaften die Köpfe zusammen. Mein britischer Kollege sah bereits das Ende der Politik von Öffnung und Reform gekommen. Auch nach nur wenigen Monaten im Land kam ich zu einem anderen Ergebnis: Die chinesische Gesellschaft würde sich die Früchte der Reformpolitik nicht so ohne Weiteres nehmen lassen. Und der fortschrittliche Parteisekretär Zhao Ziyang würde alles daran setzen, die konservative Kampagne einzuhegen. Trotz meiner geringen Landes- und Sprachkenntnisse sollte ich – jedenfalls damals – Recht behalten. Man kann eben auch einmal Glück haben.

China ist – je nachdem, wie man rechnet – die größte oder zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Während des vergangenen Jahrzehnts war es fast stets unser größter Handelspartner. Chinesische Universitäten haben sich mit schwindelerregendem Tempo an die Spitze der weltweit besten Universitäten katapultiert. Das heißt noch lange nicht, dass wir alles so machen sollten wie China; es bedeutet aber, dass wir es verstehen müssen.

Ja, auch Indien und Brasilien werden in Zukunft eine größere Rolle spielen. Doch China nimmt durch seine politische und wirtschaftliche Bedeutung ebenso wie durch seinen ständigen Sitz im VN-Sicherheitsrat eine hervorgehobene Position ein. Zugleich ist es sprachlich und kulturell deutlich weiter von uns entfernt. China-Kompetenz ist daher eine Notwendigkeit.

Dieser Herausforderung werden wir nicht stets gerecht. Wenn sich ein „China-Spezialist“ oder eine „China-Sachverständige“ einer Partei, einer Fraktion oder eines Verbandes öffentlich zu Wort meldet, zeigt ein Blick auf den Lebenslauf oft einen oder auch mehrere kurze Aufenthalte in China. Vertiefte Landes- oder Sprachkenntnisse sind jedoch eher selten. Können wir uns einen US-Beauftragten oder eine Amerika-Berichterstatterin mit nur oberflächlichem Wissen über die USA und ohne fundierte Englischkenntnisse vorstellen?

Neben dem Wissen über geschichtliche Zusammenhänge ist ebenso die Kenntnis der neuesten Regeln bis hinein in scheinbare Kleinigkeiten essenziell. Nur wer um die aktuellen Sprachregelungen weiß, die den chinesischen Gesprächspartnern vorgegeben sind, kann sie vollumfänglich verstehen – und vermeiden, dass er sie durch eine unbedachte Äußerung an die Grenze ihrer Gesprächsfähigkeit bringt. Wer die komplizierten Vorschriften kennt, die chinesische Delegationen bei Auslandsreisen beachten müssen, kann ihre Reiseplanung leicht vorhersehen; wer sie nicht kennt, dem erscheint sie bisweilen erratisch.

Zurück zu den auswärtigen Beziehungen: Wir benötigen mehr Diplomaten mit profunder Landes- und Sprachkenntnis. Vor Kurzem berichteten einige Medien, dass Bewerber angeblich wegen zu ausgedehnter Aufenthalte in oder zu guten Kontakten nach China abgelehnt worden seien. Man sollte sich hüten, solche Fälle ohne genaue Kenntnis beurteilen zu wollen. Doch eines gilt: Wer China nicht kennt, gerät leicht in Gefahr, Gespenster zu sehen, wo keine sind. Es ist noch nicht lange her, da wurden chinesische Absolventen, die nicht mit einem staatlichen Stipendium, sondern auf eigene Rechnung im Ausland studiert hatten, vom chinesischen Staat routinemäßig abgelehnt – man traute ihnen nicht. Das war ein Fehler. Er sollte heute nicht von uns wiederholt werden.

Autor: Dr. Wolfgang Röhr ist Visiting Scholar am Center for Cultural Studies on Science and Technology in China der TU Berlin und Beratender Professor der Tongji-Universität Shanghai. Er war Generalkonsul in Shanghai und Botschafter des Arbeitsstabes Deutschland-China im Auswärtigen Amt.

Ohne China-Kompetenz können viele Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kaum sinnvoll und vorausschauend getroffen werden. Doch wer kann Mandarin oder versteht zumindest Grundzüge des Denkens in China? Das Table.Forum China-Kompetenz will ermitteln, welche Möglichkeiten es gibt, die China-Kompetenz zu steigern, schnell und langfristig. In diesem Table.Forum diskutieren deswegen nicht nur Ostasien-Fachleute.

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