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Augenhöhe anerkennen

von Jan Harder

Dem Begriff der China-Kompetenz begegne ich im Rahmen des Studierendenaustauschs – Austausch zwischen China und Deutschland im Allgemeinen, und der Tongji-Universität und ihren Partneruniversitäten in Deutschland in meinem konkreten beruflichen Alltag. Jungen Deutschen prägende Lebenserfahrungen in China zu ermöglichen, ist wesentlicher Kern meiner Arbeit. Solche längerfristigen Aufenthalte sind eine der wirksamsten Methoden, um eine Grundvoraussetzung zu schaffen für den Einsatz all der Fähigkeiten, die unter dem Begriff China-Kompetenz zusammengefasst werden können.

Denn in meiner Wahrnehmung ist China-Kompetenz ein breiter Sammelbegriff für verschiedenste Fähigkeiten, die man Menschen zuschreibt, die erfolgreich in chinesischen Kontexten agieren. Man kann sie als handwerkliche Fähigkeiten begreifen, in Form von Kenntnissen zur chinesischen Wissenschaft, Gesellschaft, Politik oder Kultur.

Doch bevor diese handwerklichen Fähigkeiten der China-Kompetenz wirksam eingesetzt werden können, bedarf es, neben der unverzichtbaren Kenntnis der chinesischen Sprache, einer weiteren Voraussetzung: der Überwindung des „intellectual challenge of acknowledgment“. So formuliert von Kaiser Kuo, Host und Co-Founder des Sinica Podcasts, der in der schieren Dimension von Chinas Transformation den Ursprung dieser intellektuellen Herausforderung sieht.

Das Überwinden dieser Herausforderung beginnt mit der Bereitschaft im Kopf, sich mit den eigenen Grundannahmen auseinanderzusetzen und zu hinterfragen, inwiefern diese zur heutigen Realität passen. Denn, so Kuo, das Narrativ, dass die Moderne im Westen geschrieben und in anderen Weltregionen nur geerbt wird, ist auserzählt. Es passt schlicht nicht mehr zu der beobachtbaren Realität.

Diese Realität, so Kuo weiter, erfordert anzuerkennen, dass die eigene Lebensweise, wie wichtig und schützenswert sie für einen selbst auch sein mag, offenbar nicht die einzige ist in der Menschen und Gesellschaften sich entwickeln und modernisieren. Und genau diese Einsicht, das in Betracht ziehen, dass die eigenen Überzeugungen nicht überall in gleicher Weise funktionieren, ist etwas, das einen kompetenten Umgang mit China erst ermöglicht, weil es einen davon befreit, das Erlebte in bekannte Erklärmuster zu pressen, und Beobachtungen stets mit einem „ja, aber“ zu versehen.

Wer den funktionierenden öffentlichen Nahverkehr einer 25-Millionen-Metropole wie Shanghai verstehen will oder ein Wissenschaftssystem, das in den letzten 25 Jahren mehr als 30 Millionen Studienplätze geschaffen hat, benötigt sicherlich die politische und gesellschaftliche Dimension. Aber sie zum Ausgangspunkt und zum dominierenden Maßstab zu machen, wirkt bei einer inhaltsgetriebenen Bewertung fehlgeleitet. Oder um es mit der Empfehlung von Arnaud Bertrand im Umgang mit China auszudrücken: „Ihre [Chinas] Logik verstehen, anstatt unsere zu projizieren.“

Bei der Überwindung dieser Herausforderung im Kopf zeigt sich der hohe Wert des Studierendenaustausches. Durch Studienaufenthalte in China erhalten junge Menschen die Möglichkeit, tiefgehende Erfahrungen zu machen: vor Ort, in der analogen Welt, mit den eigenen Sinnen. Erfahrungen, die genau diese Einsicht, dieses Anerkennen und Akzeptieren entstehen lassen können. Solche Aufenthalte beschränken sich nicht auf eine fachliche oder intellektuelle Auseinandersetzung mit China, sondern wirken im Alltag, in kleinen sozialen Begegnungen, mit persönlichen, emotionalen Verbindungen zu chinesischen Kommilitonen, Mitbewohnern, Freunden. Sie erweitern das Weltverständnis um diese grundlegende Toleranz anderer Gesellschafts- und Lebensentwürfe (gleiches gilt wunderbarerweise ebenso für junge Chinesen, die in umgekehrter Richtung reisen).

Auf der Basis dieser Erfahrungen können handwerkliche Chinakompetenz-Fähigkeiten viel wirksamer aufsetzen und im eigenen Interesse eingesetzt werden, weil man mit ihnen das Entscheidende vermag: China auf Augenhöhe zu begegnen.

Autor: Dr. Jan Harder ist deutscher Vizedirektor des Chinesisch-Deutschen Hochschulkollegs der Tongji-University.

Ohne China-Kompetenz können viele Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kaum sinnvoll und vorausschauend getroffen werden. Doch wer kann Mandarin oder versteht zumindest Grundzüge des Denkens in China? Das Table.Forum China-Kompetenz will ermitteln, welche Möglichkeiten es gibt, die China-Kompetenz zu steigern, schnell und langfristig. In diesem Table.Forum diskutieren deswegen nicht nur Ostasien-Fachleute.

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