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Generalsanierung der Schieneninfrastruktur: Wir zahlen die Zeche doppelt

von Gudrun Winner-Athens

Die Generalsanierung der deutschen Schieneninfrastruktur ist ein Großprojekt von historischer Bedeutung. Milliarden sollen in ein modernes, leistungsfähiges und klimafreundliches Transportnetz fließen. Politisch wird es als Schlüssel zur Verkehrswende und zur Stärkung des Schienengüterverkehrs bezeichnet. Als Speditionsunternehmen mit über 150 Sattelzugmaschinen im Trucking für den Kombinierten Verkehr sowie mehr als 1.000 intermodalen Ladeeinheiten erleben wir täglich, wie dringend diese Modernisierung notwendig ist. Jedes Schlagloch im Asphalt, jede gestörte Weiche bestätigt, dass der Logistikstandort Deutschland wieder eine moderne Basis braucht.

Doch während erste Erfolge gefeiert werden, kämpfen Speditionen wie wir, die seit Jahrzehnten intensiv auf Kombinierten Verkehr setzen und große Mengen für die Industrie per Bahn transportieren, mit massiven Folgen der Sanierungsmaßnahmen. Eigene „Company Trains“ und hohe Vorleistungen in Richtung Nachhaltigkeit helfen wenig, wenn die operative Realität immer unberechenbarer wird. Die Sanierung führt zu monatelangen Streckensperrungen, massiven Kapazitätseinbußen und kurzfristigen Zugausfällen. Eine Pünktlichkeitsquote von nur rund 60 Prozent ist heute der Durchschnitt, auf einigen Relationen erreichen nur zwei von zehn Zügen pro Woche ihr Zielterminal. Werte nahe 95 Prozent, wie um die Jahrtausendwende, sind mittlerweile reinste Utopie.

Jede Abweichung löst Kaskadeneffekte aus: Verspätete Züge, verpasste Anschlüsse, Staus in Terminals und zusätzliche Kosten für das Abstellen der Ladeeinheiten. Die gesamte Transportkette – Abholung, Terminalumschlag, Bahntransport, Zustellung – gerät ins Wanken. Unsere Disponenten müssen permanent Alternativen organisieren, oft unter extremem Zeitdruck. Industriekunden erwarten dennoch Pünktlichkeit, denn stehende Maschinen und fehlende Materialien verursachen hohe Folgekosten.

Gleichzeitig steigen die Kosten im System deutlich. Neben höheren Transportpreisen zahlen wir als Nutzer des Kombinierten Verkehrs inzwischen „Infrastrukturbeiträge“ und „Erschwerniszuschläge“ für langlaufende Umleitungen, die Lokführer- und Lokressourcen binden. Dazu kommen stetig steigende Trassenpreise und das wohlgemerkt bei anhaltend schlechter Leistungsqualität auf dem deutschen Schienennetz. Das Drama um die Trassenpreisgestaltung 2026, das erst Mitte Dezember 2025 ein Ende fand – reichlich spät bei laufenden Transportausschreibungen der Industrie für das kommende Jahr – muss auch an dieser Stelle durchaus Erwähnung finden.

Besonders bitter wird es, wenn wir unsere Ladeeinheiten pünktlich am Terminal anliefern, der Zug jedoch wegen gestörter Waggonumläufe ausfällt – und erst Tage später wieder fährt. Wir tragen dann nicht nur die Verspätung, sondern auch hohe Abstellkosten für die stehengebliebenen Ladeeinheiten. Damit zahlen wir die Zeche gleich doppelt und werden für die Nutzung des klimafreundlichen, Intermodalen Verkehrs faktisch bestraft. Das ist wirtschaftlich wie politisch vollkommen inakzeptabel.

Um Vertragsstrafen und Vertrauensverluste bei unseren Industriekunden zu vermeiden, haben wir große zusätzliche Puffer geschaffen: Wir halten heute pro Transport das 1,5- bis Zweifache an Ladekapazität vor, um verspätete Einheiten kurzfristig ersetzen zu können. Wir investieren also weiter in ein System, an das wir glauben – obwohl es uns zunehmend belastet.

Als Winner Spedition haben wir die Liberalisierung im Eisenbahnverkehr hautnah miterlebt: Mehr positiver Wettbewerb auf der Schiene, neue Unternehmungen, neue Zugprodukte, neue Chancen der Zusammenarbeit. Auch aus dieser Aufbruchstimmung heraus haben wir verbunden mit dem Optimismus, zukünftig ein leistungsfähiges Bahnsystem zu haben, hohe Investitionen in das System Schiene-Straße eingebracht. Jetzt stellt sich uns allerdings die Frage „Was hat das alles genutzt, wenn der Eisenbahn heute die Schienen fehlen und dem Lkw-Verkehr die Straßen?“.

Wir möchten nicht zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit wählen müssen. Darum appellieren wir eindringlich an die Politik: Es ist gut, dass Sie die Notwendigkeit der Modernisierung erkannt haben. Aber schaffen Sie auch einen finanziellen Ausgleich für die Spediteure, die sich darauf verlassen haben, dass der Staat seinen Vorsorgepflichten nachkommt. Verhindern Sie den drohenden Kollateralschaden im Intermodalen Verkehr. Sorgen Sie für wirksame Entlastungen, damit der Kombinierte Verkehr nicht zu einer guten Idee von gestern wird, die während der Generalsanierung unter die Räder kam.

Autorin: Gudrun Winner-Athens ist geschäftsführende Gesellschafterin der Winner Spedition.

Wie kann der Schienengüterverkehr so gestärkt werden, dass er seinen Anteil am gesamten Güterverkehr erhöht – und damit zugleich Klimaziele, Versorgungssicherheit und eine moderne Infrastruktur unterstützt? Das Table.Forum Güter und Schiene widmet sich der Frage welche Rolle die Schiene für eine nachhaltige Güterlogistik spielen kann – und welche verkehrlichen, regulatorischen und strukturellen Rahmenbedingungen ihre Weiterentwicklung bestimmen.

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