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„Überstunden“ für Atomwaffen: Wie China seine Nuklearstreitkräfte ausbaut

Die USA und Russland besitzen die mit Abstand größten Atomarsenale. Doch kein Land rüstet schneller auf als China – laut den USA auch zur Abschreckung bei einem möglichen Konflikt um Taiwan. China sieht die Verantwortung für Abrüstung bei den größten Atommächten.

AL
17. Dezember 2025
Landgestützte nukleare Interkontinentalraketen wurden bei der Militärparade zum Tag des Sieges am 3. September 2025 auf dem Tiananmen-Platz in Peking präsentiert. (IMAGO / VCG)

China dreht an der atomaren Rüstungsspirale. Die chinesischen Atomwaffen wachsen nach US-Erkenntnissen jährlich um 100 nukleare Sprengköpfe und dürften bis 2030 auf rund 1.000 ansteigen. „Es ist ein ernstzunehmendes Programm“, sagt Seth Jones, leitender Vizepräsident der renommierten US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington, zu Table.Briefings.

Hatte China vor fünf Jahren erst 200 Atomsprengköpfe, dürften es nach Schätzungen heute schon 600 bis 700 sein. Eine kleine Zahl davon – Ende 2024 rund zwei Dutzend – ist sofort einsatzfähig, wie das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI berichtete. Die Arsenale der USA und Russlands sind gleichwohl viel größer, zusammen besitzen sie rund 90 Prozent aller Atomwaffen.

Die USA haben laut SIPRI 1.770 einsatzfähige Atomsprengköpfe. Auf Lager seien zusätzlich 1.930, deren Nutzung zumindest eine gewisse Vorbereitung erfordert. Russland soll 1.718 schnell operative Sprengköpfe besitzen und weitere 2.591 im Depot, berichtet das Institut.

China wiederum mache „Überstunden bei den Atomwaffen“, kommentierte Trump jüngst in Bezug auf Pekings Aufrüstungspolitik. Trump forderte China zu Abrüstungsgesprächen auf. „Wir könnten die Welt 150-mal in die Luft jagen“, sagte der US-Präsident. Er habe schon mit Präsident Xi darüber gesprochen. Das Geld könne besser für andere Dinge ausgegeben werden.

Zugleich ordnete Trump Ende Oktober aber überraschend an, die US-amerikanischen Atomwaffentests wieder aufzunehmen. Solche Versuche haben weder die USA noch Russland oder China seit den 90er-Jahren gemacht. Deswegen war der Wirbel groß. Der zuständige US-Energieminister Chris Wright erläuterte allerdings später, es gehe nicht um „nukleare Explosionen“, sondern um einen „Systemtest“.

China lässt sich allerdings nicht auf Rüstungskontrollgespräche ein. Obwohl gegenwärtig kein anderes Land so schnell nuklear aufrüstet, argumentiert der Staatsrat in einem neuen Weißbuch, die Volksrepublik habe „stets größte Zurückhaltung hinsichtlich des Umfangs und der Entwicklung ihrer Nuklearwaffen geübt“.

Aus Chinas Perspektive sollen die USA und Russland vorangehen. China halte seine nuklearen Fähigkeiten „auf dem minimal erforderlichen Niveau für die nationale Sicherheit“, heißt es in dem Weißbuch. Dagegen sollten „Länder, die über die größten Nukleararsenale verfügen, ihre besonderen und vorrangigen Verpflichtungen zur nuklearen Abrüstung erfüllen und drastische und substanziell wirksame Reduzierungen ihrer Nukleararsenale vornehmen“.

China flankiert seine nukleare Aufrüstung seit den 60er-Jahren durch eine Doktrin des Verzichts auf einen nuklearen Erstschlag. Jedoch glaubt das Pentagon, dass die chinesische Führung einen Erstschlag wahrscheinlich erwägen würde, wenn die Einsatzfähigkeit der Atomstreitkräfte in Gefahr geriete oder „eine konventionelle militärische Niederlage in Taiwan das Überleben des KPCh-Regimes ernsthaft gefährden würde“, wie es im letzten Jahresbericht des US-Verteidigungsministeriums zu Chinas militärischen Fähigkeiten heißt.

Mit seiner wachsenden atomaren Abschreckungsfähigkeit will China nach Überzeugung des Pentagons die USA von einem Eingreifen in einem Konflikt um Taiwan abhalten. Staatschef Xi könnte auch von Russlands Präsident Wladimir Putin und dessen Angriffskrieg gegen die Ukraine gelernt haben. „Es ist plausibel anzunehmen, dass die Chinesen insbesondere im Fall von Taiwan zumindest mit einer Eskalation bis hin zu einem Atomkrieg drohen, entweder direkt oder indirekt, wie es Putin bereits mehrfach getan hat“, sagt CSIS-Experte Jones.

Als Gegenstrategie spricht sich der US-Sicherheitsexperte für eine weitere Modernisierung der eigenen Streitkräfte aus. „Ich bin der Ansicht, dass die USA ihre Triade insgesamt modernisieren müssen, um sowohl China als auch Russland in verschiedenen Bereichen wirksam abzuschrecken“, sagt Jones mit Blick auf die drei Säulen der nuklearen Abschreckung: landgestützte Interkontinentalraketen (ICBM), seegestützte Raketen auf U-Booten (SLBM) sowie Freifallbomben und luftgestützte Marschflugkörper (ALCM/LRSO) auf strategischen Bombern.

Zusätzlich müssten die strategischen Bomber auf dem Globus anders positioniert werden als heute. Der einflussreiche Sicherheitsexperte rät zu einer „vorgelagerten Stationierung“ von sowohl nuklear als auch konventionell bestückbaren Tarnkappenbombern in Australien und nennt besonders den brandneuen B21-Bomber, der jetzt langsam an die US-Luftwaffe ausgeliefert wird. „Es macht viel Sinn“, sagt Jones. „Das verkürzt die Zeit, die nötig wäre, um diese Flugzeuge zum Einsatz zu bringen.“ Eine solche Stationierung könnte in Australien umstritten sein, müsste mit dem Bündnispartner aber diskutiert werden.

Letzte Aktualisierung: 18. Dezember 2025