Energie: Weshalb China vom Öl-Schock profitieren könnte

Die Energieversorgung Chinas ist zu großen Teilen von Lieferungen durch die Straße von Hormus abhängig. Doch die zweitgrößte Volkswirtschaft könnte als Gewinner aus dem regionalen Engpass hervorgehen.

09. März 2026
Händler im Handelsraum der Hana Bank in Seoul, Südkorea.
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Der Öl-Schock des Iran-Krieges trifft Asien besonders hart. Die Energieversorgung der Region ist in großen Teilen abhängig von Lieferungen durch die Straße von Hormus. Ein erheblicher Teil der Öl- und Gaslieferungen fließt durch das Nadelöhr der Meerenge am Persischen Golf. Neben den großen Volkswirtschaften im Osten geraten auch Indien und südostasiatische Staaten unter Druck.

Japan deckt rund 95 Prozent seines Ölbedarfs mit Importen aus der Region, Südkorea etwa 70 Prozent. Auch China bezieht etwa die Hälfte seiner Rohölimporte aus dem Nahen Osten. „Sollte der Handel mit Öl und Gas durch die Straße von Hormus über längere Zeit deutlich eingeschränkt bleiben, werden die negativen Folgen weltweit zu spüren sein. Am unmittelbarsten und möglicherweise am stärksten jedoch in Asien“, sagt die Asien- und Energieanalystin Clara Gillispie vom Council on Foreign Affairs (CFR).

Besonders exponiert bleibt Japan, auch wenn das Land über vergleichsweise große Reserven verfügt. Laut Daten des Analysehauses Kpler, auf die sich eine Studie des Atlantic Council stützt, verfügte Japan zuletzt über rund 350 Millionen Barrel Rohöl in Lagerbeständen. Das entspricht etwa 150 Tagen Importdeckung. Würden Raffinerien ausschließlich den heimischen Markt bedienen, könnten Transportkraftstoffe sogar rund ein halbes Jahr lang bereitgestellt werden. Beamte auf den Philippinen arbeiten derzeit nur vier Tage pro Woche, da die Regierung versucht, den Energieverbrauch zu senken.

Auch Südkorea und Taiwan verfügen über strategische Reserven. Ihre Spielräume sind jedoch enger. Nach den Schätzungen verfügt Taiwan über rund 39 Tage Importdeckung, Südkorea über etwa 33 Tage. Chinas Bestände würden für rund 130 Tage reichen. Jedoch kann China sowohl bei Öl- als auch bei Gasimporten stärker auf andere Bezugsquellen zurückgreifen, vor allem Russland.

Die guten Verbindungen nach Moskau kämen Peking stark zugute. China werde bei einem länger anhaltenden Ausfall von Öl aus dem Nahen Osten zwar „erhebliche wirtschaftliche Kosten“ tragen, heißt es in einer Analyse des Atlantic Council. Dennoch könnte das Land „besser dastehen als andere Volkswirtschaften der Region wie Japan, Südkorea und Taiwan“. Ein Energieschock würde zwar auch China schwer treffen, könnte Peking im regionalen Wettbewerb aber sogar stärken – weil die Nachbarn noch mehr litten.

Als der Ölpreis am Montag erstmals seit 2022 wieder über die Marke von 100 Dollar pro Barrel stieg, reagierten die Finanzmärkte der Region sofort, wenn auch unterschiedlich stark. Der japanische Leitindex Nikkei verlor zeitweise mehr als sieben Prozent. Südkoreas Kospi rutschte ebenfalls deutlich ab. In China hielten sich die Verluste dagegen in Grenzen. Seit Tagen reagieren vor allem die Börsen in Japan und Südkorea besonders nervös auf die Krise.

Ein weiteres Land, das unter der Krise leidet, ist Indien. Gillispie beschreibt das Land seit Jahren als „gefangen zwischen zwei kaum lösbaren Zwängen“. Der Energiehunger wachse deutlich schneller als die heimische Produktion. Indien habe deshalb Partnerschaften mit Iran, Russland und Venezuela aufgebaut, um Öl zu möglichst günstigen Preisen zu sichern. Da inzwischen alle drei Bezugsquellen unter Druck stünden, sei offen, wie Delhi auf das Risiko ausbleibender Lieferungen über Hormus reagieren wird.

Zugleich seien die indischen Reserven deutlich kleiner als in Japan oder China. Nach Einschätzung einiger Analysten verfügten die aktuellen Lagerbestände nur über etwa 20 bis 25 Tage Versorgung. Auch bei Erdgas sei Indien verwundbar, so Gillispie. Die Speicherkapazitäten seien dort noch begrenzter.

Neben den großen Industriestaaten geraten auch mehrere Länder Südostasiens unter Druck. In Indonesien wächst mit steigenden Ölpreisen der Druck auf den Staatshaushalt, weil Treibstoffpreise stark subventioniert werden und höhere Importkosten direkt die öffentlichen Finanzen belasten. Behörden prüfen daher, wie zusätzliche Kosten aufgefangen oder teilweise an Verbraucher weitergegeben werden können. In Thailand versucht die Regierung, die Auswirkungen steigender Energiepreise zu begrenzen. Dieselpreise werden über einen staatlichen Fonds stabilisiert, um Transportkosten für Unternehmen und Verbraucher zu dämpfen.

Während die Debatte derzeit stark auf Rohöl fokussiert ist, sehen Experten erhebliche Risiken im Flüssiggasmarkt. Auch hier gilt: China ist weniger auf LNG-Importe aus der Region angewiesen als viele seiner Nachbarn. Zudem verfügt das Land über eigene Förderung sowie Pipeline-Importe aus Russland, Zentralasien und Myanmar. Japan, Südkorea und Taiwan beziehen dagegen einen großen Teil ihres Gasbedarfs über LNG-Importe auf dem Seeweg. Zugleich sind die Gasreserven in diesen Ländern deutlich kleiner als die Ölreserven. CFR-Analystin Gillispie weist darauf hin, dass Japans Gasspeicher derzeit nur etwa zwölf Tage Nachfrage decken können.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026