Zwischen Wettbewerb und Abhängigkeit: Was Experten von Reiches China-Reise erwarten

Vor ihrer Reise nach China steht Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche vor schwierigen Fragen: Wie kann Deutschland auf den wachsenden Wettbewerbsdruck aus China reagieren, ohne die wirtschaftlichen Beziehungen zu gefährden?

26. Mai 2026
Katherina Reiche
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche reist diese Woche nach China. (EU-Rat)

Zwischen wachsendem Wettbewerbsdruck, Sorgen um die industrielle Basis und dem Wunsch nach stabilen Wirtschaftsbeziehungen reist Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche nach China. Experten sehen die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen an einem entscheidenden Punkt. Ihre Einschätzungen für Table.Briefings zeigen, wie unterschiedlich die Risiken bewertet werden und welche Prioritäten sie für die deutsche Politik setzen würden:

Der Ökonom Philipp Böing, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt und ZEW Mannheim, warnt vor den Folgen eines möglichen „China-Shock 2.0“:

„Deutschland ist hinsichtlich eines ,China-Shock 2.0’ besonders exponiert. Chinesische Wettbewerber traditioneller deutscher Schlüsselindustrien bieten zunehmend hinreichende Qualität zu niedrigeren Preisen an, was in China und Drittmärkten zu Marktverlusten führt. Zugleich tut sich Deutschland schwer damit, in Zukunftsindustrien wie KI oder Batterietechnik eigene international wettbewerbsfähige Anbieter zu etablieren. Vereinfacht gesprochen gerät Deutschland dadurch in eine Sandwich-Position: Preiswettbewerb drückt von unten, Technologiewettbewerb von oben. Unsere aktuelle Forschung zeigt allerdings auch, dass ein steigender Anteil chinesischer Importe im deutschen Produktmarkt zu höheren Forschungs- und Entwicklungsausgaben deutscher Firmen führt. Deutsche Unternehmen nehmen den gestiegenen Wettbewerb aus China also auch als Innovationsanreiz wahr. In der Debatte sollte zudem differenziert werden: Chinesische Wettbewerber profitieren zwar von staatlicher Unterstützung, ihre Wettbewerbsfähigkeit hat aber auch aus anderen Gründen zugenommen.“

Tim Rühlig, Senior-Analyst für Asien und Global China am Institut der Europäischen Union für Sicherheitsstudien (EUISS):

„Grundsätzlich ist es zentral, dass die Bundesregierung die Herausforderung als eine begreift, die es im europäischen Rahmen anzugehen gilt. Sie sollte sich proaktiv einbringen und eine Reihe an Vorschlägen der Europäischen Kommission unterstützen. Das gilt zum einen für den Industrial Accelerator Act, den die Kommission vorgeschlagen hat. Er versucht, den Standort Europa nicht einfach durch Subventionen zu stärken, sondern Sicherheiten für Investoren zu schaffen. Deutschland sollte sich auch für die Nutzung bestehender Handelsinstrumente der EU einsetzen. Darüber hinaus sollte es aber auch an der Entwicklung beziehungsweise Weiterentwicklung eines „Anti-Overcapacity Instruments“ und des „Anti-Coercion Instruments“ mitwirken. Damit ausgestattet, sollte Europa nicht einfach unilateral auf Konfrontationskurs gegenüber China gehen, sondern bilaterale Konsultationen vorschlagen. Deutschland und Europa müssen aber auch endlich begreifen, dass nicht wir von China, sondern China auch von Europa abhängig bleibt. Und auf dieser Grundlage sollten wir unsere eigenen Interessen aktiv verteidigen.“

Maximilian Mayer, Juniorprofessor für Internationale Beziehungen und globale Technologiepolitik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn:

„Ministerin Reiche sollte versuchen, an der positiven Atmosphäre, die Kanzler Merz in Peking hinterlassen hat, anzuknüpfen. Es geht momentan nicht um technische ,Zusagen’, sondern um vertrauensbildende Maßnahmen. Ein konkretes wichtiges Gespräch wäre zum Beispiel: Wie könnten Änderungen des chinesischen Exportregimes für europäische Unternehmen transparenter und besser/früher kommuniziert werden? Gleichzeitig muss De-Risking umgesetzt werden, ohne dass diese Maßnahmen das europäische Narrativ über die China-EU-Beziehungen programmatisch dominieren. Dialektisches Denken ist gefragt. Strategische Abhängigkeiten hängen nicht nur, aber vor allem mit den in Europa nicht gemachten Hausaufgaben zusammen. Die Europäer sollten aufhören, Peking die Schuld zu geben. Stattdessen muss es darum gehen, ein zukunftsgewandtes Narrativ zu finden, um eine weitere rhetorische Eskalation im Bereich Handel und Investitionen zu verhindern. Das wäre die Voraussetzung, um gleichzeitig asymmetrische Abhängigkeiten abzubauen, ohne in eine politische Eiszeit zu rutschen.“

Letzte Aktualisierung: 27. Mai 2026